Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Article
- Erster Sterbetag
- Date
- 1900-10-05
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die s£ Welt" Nr. 40 F e u i 11 Erster Sterbetag. Wenn meine Hoffnung von mir zöge Auf Zions Wiederauferstehn, Und meine Sehnsucht sich verflöge Nach meiner Stadt, Jerusalem, Nach Eurem Frieden, Heimatschollen; Nach meinem stillen, träumevollen, Verwaisten, armen Vaterland .. . Wenn diese Hoffnung mir verschwebte, Die sonnetrunken in mir lag, Ich wäre todt. . ., auch wenn ich lebte! Es war' mein erster Sterbetag. Ich würde mein Gewand zerreissen, Mit Thränen netzen, schmerzensheissen, Mich Armen, dem ein Leben schwand. Hätt* ich dann sieben Tage trauernd Und siebenmale, Nacht um Nacht, Das Haar beascht, am Boden kauernd, Die schwarzen Stunden hingebracht, Dann wollt' ich in den Tempel schleichen Und meinen ersten Tod beklagen; Mit leisen Lippen, leidesbleichen, - - Nach mir selber Kaddisch sagen! Theodor Zlocisti. Simon Beermann. (Eine Jugend-Erinnerung.) Von Gustav Bader. Es war die Hoschana-Rabba-Nacht*) des Jahres 1879. Ich sass mit meinem Vater in der Synagoge und las die für jene Nacht vorgeschriebenen Bibel- und Talmudabschnitte. In der Synagoge gieug es recht lebhaft zu. Etwa hundert Leute recitierten laut im raschen Tempo die Lesestücke aus dem „Tikkun". Es schien, als handelte es sich hier um einen Wettbewerb im Schnelllesen. Gegen Mitternacht begann die Sache ein wenig ermüdend zu werden. Das Tempo wurde langsamer. Einige schliefen schon sitzend, den Kopf in die Hände gestützt. Andere murmelten noch aus dem Buche im schlaftrunkenen Zustande. Hie und da konnte man bemerken, wie zwei Nebeneinandersitzende über dem Buche einnickten und mit den Köpfen zusammenschlugen, wobei sie sich gegenseitig vorwurfsvoll anschauten. „Du scheinst zu schlafen!" „D u schläfst!" antwortete der Angeredete im gereizten Tone. Er schämte sich seiner Schwäche und wollte sie nicht eingestehen. In den ersten Bänken scharten sich mehrere Leute um einen alten Mann mit einem wallenden Silberbarte und schneeweissen Haaren, von dem man mir später sagte, dass er Simon Beermann heisse und erst kürzlich aus Palästina zurückgekommen sei. Der Mann sprach vom „Golus" des jüdischen Volkes und von seiner Erlösung. Seine Stimme klang nicht schön. Sie war zu stark und tönte zuweilen wie Donnergepolter. An den Gesichtern der Zuhörer war aber zu merken, dass die Rede einen colossalen Eindruck machte. Es gelang mir, einen Platz auf einer Bank zu finden, von wo aus ich jedes Wort hören konnte. „Diese alle Rechte," schrie der alte Mann, „sind nur papierene Rechte. Ja, papieren sind sie. Nichtsnutzig und wertlos. Nie werde ich mir einreden lassen, dass es möglich sei, man soll es mit uns einmal im Golus gut meinen. Mögen uns die Herrscher hundertmal gnädig sein, wird es ihnen doch nicht gelingen, den eingefleischten Judenhass aus der Seele ihrer Völker auszumerzen. Ueber dieses Thema habe ich noch vor einigen Jahren in dem in Lyck erscheinenden „Hamagid" geschrieben und einmal auch mit *) Die Nacht, die dem fünften Succoth-Halbfeiertage vorangeht. eton.?mk dem Redacteur dieser Zeitung, David Gordon, persönlich gesprochen. Mit Rabbi Elias Gutmacher aus Grätz und Rabbi Hirsch Kalischer aus Thorn habe ich in dieser Angelegenheit eine lange und breite Correspondenz geführt. Und wissen Sie, meine Herren, was mir Rabbi Hirsch Kalischer persönlich sagte?" In diesem Momente verwandelte sich die Donnerstimme des Redners in ein lautes Kreischen. Er sagte mir: „Wirmüssen trachten, Erez-Israel für uns zu bekommen! Unsere physisch und geistig verkommenen Brüder müssen wir dort dem Ackerbaue zuführen \u . . . Seine Stimme stockte. Erschöpft sank er auf eine Bank nieder und trocknete mit dem Taschentuche den Schweiss von der Stirne. „Was nützt mir Ihr „Erez-Israel*?~ replicierte ein junger schwarzbärtiger Mann aus der Gruppe der Zuhörer, hier ist unser „Erez-Israel". Hier haben wir alle Freiheiten und alle Rechte. Wir haben daher gar keinen Grund, uns nach dem Lande unserer Urväter zurückzusehnen .. .* „Was reden Sie für dummes Zeug?" unterbrach ihn ein älterer Mann, „glauben Sie denn nicht an den Messias, der uns aus dem Golus herausführen wird? Der junge Mann liess den Alten nicht ausreden. Der Alte liess sich aber in seinen Ausführungen nicht stören. Es mischten sich auch andere Leute in den Streit. So wurde das Gezänke immer grösser und es war nicht mehr möglich, ein Wort zu verstehen. Als sich die Gemüther ein wenig beruhigt hatten, wollte Beermann, der während des Gezänkes ganz gleichgiltig dasass, seine unterbrochene Rede fortsetzen. Inzwischen vergrösserte sich die um Beermann stehende Gruppe. Auf die Bank, wo ich stand, krochen ältere Leute, und ich musste ihnen meinen Platz räumen. Ich sah ein, dass es mir unmöglich sein würde, die weiteren Ausführungen von Beermann zu hören, da zog ich mich in einen menschenleeren Winkel der Synagoge zurück, wo ich auf einer Bank einschlief. In den ersten Bänken tobte es unterdessen weiter. In meinem Halbschlummer drang aber an mein Ohr nur ein undeutliches, summendes Stimmengewirr, das mich angenehm einlullte. Erst als es ein weniger ruhiger wurde, weckte mich Beei-- manns Stentorstimme. Ich sprang auf. „Blödsinn!" rief er. „Ich sage Euch: Alles, was dieser Mensch da vorgebracht hat, ist barer Unsina!" . .. Die Wirkung dieser Worte war ungemein stark- Alle Zungen blieben wie gelähmt. Niemand fand ein Wort der Erwiderung, und der so Beschimpfte stand da mit weitgeöffnetem Munde, ohne auch nur ein Wort hervorbringen zu können. Mir gelang es wiederum, ein bequemes Plätzchen zu finden, von wo aus ich nicht nur jedes Wort Beermanns hören, sondern ihm gerade ins Gesicht schauen und sein Mienenspiel während des Redens genau betrachten konnte. Sein Gesicht war unnatürlich roth. Seine Augen leuchteten wild. Einige Augenblicke kaute er an dem Nagel seines kleinen Fingers, dann fuhr er sich einigemale mit der Hand über den Bart. „Hört mal an, meine lieben Brüder!" sagte er etwas besänftigt. „Schenket mir doch noch einen Augenblick Gehör! Ich habe Euch bereits gesagt, dass ich einige Zeit in Palästina gelebt habe. Ich wollte mir dort ein Stück Land kaufen und ein Ackerbauer auf dem Boden meiner Ahnen werden. Dass mir mein Wunsch bis nun noch nicht gelungen ist, darf nicht dem Lande zugeschrieben werden. Ich hoffe, mein Vorhaben noch ausführen zu können. Sollte mir dies auch weiterhin nicht gelingen, werde ich trachten,