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Die Welt · 1900-10-05 · 40 (5.10.1900) · p. 11

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
40 (5.10.1900)
Article
D. W. Mordowzew über den Zionismus [Kommentar]
Date
1900-10-05
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 40 »Die & Welt" Seite 11 gab dem greisen Schriftsteller eine Sammlung von Erzählungen aus dem Leben der Juden im russischen Ghetto, dem sogenannten Niederlassungsgebiete, deren Verfasser der jüdische Schriftsteller Rywkin ist. In diesen Erzählungen, welche unter dem Gesammttitel „In der Schwüle*' erschienen sind, werden Bilder aus dem Leben der russischen Juden entrollt, welche durch ihre Tragik, durch ihren Realismus und ihre künstlerische Vollendung tief ergreifen. Mordowzew hat diesen Erzählungen einen Artikel gewidmet, in welchem er sich auch über den Zionismus und dessen Zukunft äussert. Er schreibt: „Die Leetüre dieser Erzählungen macht es vollkommen begreiflich, warum das unglückliche jüdische Volk sich dem Zionismus zugewendet hat. Schon bei Beginn der zionistischen Bewegung war ich^glückiieh, von einigen Rabbinern Briefe zu erhalten, in denen ich ersucht worden war. meine Ansicht über den Zionismus auszusprechen. Und nun will ich diese Ansicht öffentlich aussprechen. Wenn Europa als Dank dafür, dass die alte hellenische Welt uns Werke der Kunst und Literatur geschenkt hat, im Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts den Nachkommen der alten Hellenen zu Hilfe eilte, um Griechenland aus der Sclaverei zu befreien, so verdient das jüdische Volk weit grösseres Mitgefühl der ganzen civilisierten Menschheit. Die Griechen haben uns Werke der Kunst und Literatur gegeben, die Juden haben uns weit Bedeutenderes gegeben: das bedeutendste aller Bücher, das göttliche Buch. Dem Reichthum des jüdischen Geistes entsprangen die zwei Religionen, deren Anhänger mehr als die Hälfte des Universums beherrschen : der Islam und das Christenthum. Für diese geistigen Geschenke, mit denen das jüdische Volk die ganze civilisierte Welt bereichert hat, ist. diese verpflichtet, früher oder später die Dankesschuld dem Volke abzutragen, dessen geistige Kraft im Wandel der Jahrtausende nicht versiegt ist. Die civilisierte Welt ist verpflichtet, die Juden zu repatriieren. Und ich bin überzeugt, dass das jüdische Volk, im Besitze Palästinas, bei seiner ungewöhnlichen Begabung und bewunderungswürdigen Energie des Geistes ein mächtiges Reich schaffen wird. Das wird sich verwirklichen. Ich hege den tiefsten Glauben : das Volk, welches seine Ideale durch Jahrtausende der Unterdrückung und durch Bäche von Blut unversehrt erhalten hat, wird „in der Schwüle" nicht verschmachten.k Eine rumänische Zeitung über den Zionismus. Die „Vointa Nation ala," das Partei-Organ der rumänischen Liberalen, veröffentlicht in einer ihrer jüngsten Nummern einen längeren Aufsatz über den Zionismus, der trotz mancher Irrthümer im grossen und gaDzen eine richtige Auffassung unserer Bewegung zeigt. Wir citieren hier einige Stellen aus dem bemerkenswerten Artikel: „Der Zionismus ist eine Bewegung von der grössten Bedeutung... Die Zionisten wollen durch eine geregelte Auswanderung der Juden nach Palästina nicht nur ein jüdisches Gemeinwesen gründen, sondern das ganze gegenwärtige Wirtschaftsleben der Juden umändern; sie wollen aus dem ausschliesslich handeltreibenden Volke, wieder ein ackerbautreibendes, industrielles und arbeitsames Volk machen. Die Zionisten bilden keine Partei . . . Juden aller Parteien können Zionisten sein . . . Dem Zionismus gehören Leute aus allen Schichten des jüdischen Volkes an. Die Revindication des Landes der Vorfahren ist, was immer man auch sagen mag, vornehm und h e 1 d e n h a f t und der Londoner Congress ist viel wichtiger, als die meisten Congresse, die gegenwärtig in Paris abgehalten werden. . . . Das jüdische Volk hat nie sein altes Vaterland vergessen, welches Zeugin war seiner Macht und Grösse. Die Erinnerung an Jerusalem und Zion ist die Grundlage seines Glaubens- In den Jahren 1800 und 1870 waren die Juden nahe daran, auf ihre Nationalität zu verzichten, da ihnen mehrere Staaten Europas dieselben Rechte eingeräumt hatten, wie den Bürgern des Landes. . .. Bald aber stellte sich ihnen ein Hindernis entgegen. Der Antisemitismus, der kaum geboren, bereits ihre Existenz stark bedrohte, zwang sie, mit Schrecken sich zurückzuziehen, und brachte sie zur Achtung ihrer vielhundertjährigen Ueberlieferungen zurück. ... Im Jahre 1SS0, als die jüdische Auswanderung besonders stark war, lenkten die meisten Auswanderer ihre Schritte nach Palästina und nahmen dort die Beschäftigung ihrer Vorfahren wieder auf. indem sie wieder Acker- und Gartenbau zu betreiben begannen. Und so befinden sich jetzt in Palästina und Syrien 15.000 Seelen, die in 27 jüdischen Colonien das Land bebauen. Mehrere europäische Städte haben Niederlagen der Carmel-Gesellschaft, welche von Juden in Palästina producierte Weine und Liqueure vertreiben. Ist der Zionismus eine Utopie? Es wäre gewagt, das zu behaupten. Auch kann man nicht behaupten, dass er ein gefährlicher Traum sei. Der Zionismus erscheint uns als eine Vereinigung von Angehörigen einer Rasse, von Connationalen. zu einer Geltendmachung ihres Rechtes auf die alte Heimat." Ein italienischer Assimilationsrabbiner. In der jüngsten Nummer unseres italienischen Bruderblattes, des „Corriere Israelitico", unterzieht Rabbinei Dante A. Latt es eine öffentliche Aeusserung des Rabbiners Foa in Turin einer scharfen, leider nur zu gerechtfertigten Kritik. Bei einer Trauerandacht für den König Humbert sagte nämlich Rabbiner Foä in seiner Predigt wörtlich: „Wir fühlen uns in erster Reihe als Italiener und erst dann als Israeliten". Hiezu bemerkt nun Rabbiner Lattes: „Dieses assimilatorische Glaubensbekenntnis nimmt sich recht sonderbar aus in dem Munde eines Rabbiners, von dem man doch voraussetzen sollte, dass er der reinste Repräsentant des geschichtlichen Judenthums sei." Man stelle sich einmal vor," dass ein katholischer Priester in der Kirche ausspräche, er sei erst in zweiter Reihe Christ! Das sei ganz undenkbar. Oder würde sich etwa ein in China lebender Muselmann zu der Aeusserung versteigen, er sei Chinese und nur nebenher ein wenig Muselmann? Dass ein Jude, ein Rabbiner, sich so sehr selbst erniedrigen konnte, sei tiefbeschämend. Ein französischer Schriftsteller des XVIII. Jahrhunderts und der Zionismus. Die Pariser Tageszeitung „La Presse" widmet dem Zionismus in einer ihrer jüngsten Nummern einen längeren Aufsatz unter der Ueberschrift „Der Zionismus und der Fürst von Ligne". Fürst Karl Josef von Ligne, geb. am 1-2. Mai 1735, gest. am 13. December 181-1-, war ein österreichischer Feldherr und geistvoller französischer Schriftsteller. In seiner nunmehr fast verschollenen Schrift rMörnoires sur les Juits* stellt Fürst Ligne die Parole „Judee aux Juifs „Judäa den Juden l", auf. „Ich begreife sehr wohl," schreibt er unter anderen, „den Grund des Abscheus, den die Juden einflössen: aber es ist schon an der Zeit, dass dieser Widerwille aufhöre. Der achtzehnhundertjährige Hass scheint mir lange genug angehalten zu haben. Ich glaube, dass der Jude nicht anpassungsfähig ist. und dass er stets, wo er sich auch befinden mag, eine „Nation innerhalb der Nation" bilden wird. Das Einfachste wäre daher, wie mir scheint, ihnen die Heimat zurückzugeben, aus der sie vertrieben worden sind. Diese Heimat steht unter der Suzeränität der Pforte, die das Land nicht auszunützen vermag. Nun denn, so möge doch die Türkei das Land den Juden in Besitz geben: die werden daraus schon etwas Ordentliches machen." „Jerusalem, gegenwärtig ein kleines entsetzliches Nest, das den armen Pilgern, die dahin wallfahrten, das Herz betrübt, würde aufs Neue eine herrliche Hauptstadt werden. Man würde den salomonischen Tempel aus seinen Trümmern aufrichten . . . Man würde die Wasserstrassen des Kidron regeln und sie zu Abflusscanälen des Ausfuhrhandels gestalten . . . Die Einöden würde man beleben und wohnbar machen. Man würde nicht mehr allenthalben den Horden arabischer Diebe begegnen, die alle heiligen Stätten unsicher machen.1 Uudiscbe IfiteFatui3. Ein Judenroman. (Die Goldschilds. Culturgeschichtlicher Roman aus der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Von Friedr. Fürst W r e d e. Verlag von Ernst Hofmann & Co. in Berlin SW- 4(>. 301 Seiten. Preis Mk. 3.50.) Die Mehrzahl unserer Leser kennt diesen Roman, der zuerst in den Spalten der „Welt" veröffentlicht worden ist. Seine Bedeutung liegt in der frappant realistischen Schilderung einer jüdischen Familie durch mehrere Generationen. Heid des Romanes ist der Baron Isak Goldschild, der aus dem kleinen, verkommenen böhmischen „Judenbuben" verhältnismässig rasch sich zum vielfachen Millionär entwickelt hat. Ihn sowohl wie die übrigen Personen des Romanes charakterisiert der fürstliche Verfasser meisterhaft. Kein Zug der menschlichen Natur entgeht dem feinen Psychologen, der jedem, dem grossartig beanlagten Vater, dem entarteten Sohne, dem im Siechtum vergeistigten Enicel, dem seinem Glauben treubleibenden Arzt, dem das Priestergewand anlegenden Apostaten seinen Platz anweist und mit der Sicherheit der Induction die Ereignisse so schildert, wie sie kommen mussten. Zu bewundern ist auch die Vertrautheit Wredes mit den jüdischen Sitten und Gebräuchen.

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