Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Article
- Wien [Nachricht] / Berliner, Hermann
- Date
- 1900-10-05
- Page
- 10 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- correspondence
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315892--22169-3373040- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 „Die a£ Welt4 Nr. 40 2^ioi>isl*iscbe ^facbficbfet). Wien. (Zionistischer Districtsvorstand für Niederösterreich.) Im Hinblick auf die in allernächster Zeit stattfindende Jahresversammlung der in unserem Districtsvorstande vertretenen Organisationen ersuchen wir dieselben um Wahl ihrer Delegierten für das neue Geschäftsjahr — je zwei mit einer Stimme — und um deren Bekanntgabe an das unterzeichnete Secretariat. (Delegierte zur Districtsversammlung dürfen nicht Mitglieder des Districtsvorstandes, des Landes- oder Actions-Comitös sein.) Die Tagesordnung der Versammlung wird rechtzeitig veröffentlicht werden. Etwaigelnitiativanträge sind bis zum 10. d.M. demSecretariate zu übersenden. Wien, am 1. October 1000. Das Secretariat: Herrn. Berliner, Wien, VII., Kirchengasse 5/1. Wien. (Gesangverein „Ivri a".) Der unter der Leitung des bekannt tüchtigen Musiklehrers und Chormeisters Herrn Julius H i r s c h 1 e r stehende jüdische Gesangverein „Ivri a" ladet hiermit Gesangfreunde zu den Proben ein. welche jeden Montag, 8 Uhr abends, in J. Oczerets Restauration, X., Keplergasse 7, abgehalten werden. Gäste, die den Proben beiwohnen wollen, sind jederzeit herzlich willkommen. Karlsbad. (Ein neuer Zions verein.) Die Statuten des Vereines zionistischer Handelsangestellter „Emunah" in Karlsbad sind Ende September behördlich bewilligt worden. Der Verein hat seine Thätigkeit bereits begonnen. Holleschau. (Eine zionistische Versammlung.) Sonntag, den 10. September fand hier unter dem Vorsitze des Herrn Heinrich Beer eine zahlreich besuchte zionistische Versammlung statt. Erschienen waren u. a. Rabbiner Dr. Freimann nebst den Notabilitäten der Gemeinde. Phil. J. Sonderling referierte über Zionismus und dessen Tendenzen und wusste durch seine treffenden und begeisternden Worte die Herzen aller zu ergreifen. Der Redner ging von den vorjährigen Excessen in Holleschau aus, wobei er sich an die lebenden und leidenden Zeugen dieses fürchterlichen Martyriums wandte. Hierauf schilderte er in grossen Zügen die Leiden Israels vom Anbeginne der Diaspora bis auf den heutigen Tag. Redner ermahnte die Anwesenden, über den religiösen und humanitären Pflichten die nationalen nicht zu vergessen Der Erfolg der Rede war ein glänzender. Rabbiner Dr. Fr ei mann hatte sich der Sache in hingebender Weise angenommen. Eine zionistische Organisation ist im Entstehen begriffen. Eine in der Versammlung eingeleitete Sammlung für die rumänischen Auswanderer ergab ein schönes Resultat. A. W. Braila. (Versammlung des Vereines „Erez I s r a e 1".) Für den Abend des zweiten Roschhaschanahtages berief der Verein „Erez Israel" eine Volksversammlung in die Räume der Jüdischen Volkslesehalle ein. Herr Isaac Agent sprach in einer einstündigen gehaltvollen Rede über die jüngsten zionistischen Begebenheiten, und schloss mit der Aufforderung an diejenigen, die es bis nun unterlassen hatten, einem Zionsverein beizutreten, sich jetzt einem der hier existierenden zionistischen Vereine, dem „Erez Israel" oder den „Bnei Zionanzuschliessen. Herr Dr. Moscowitz ergriff sodann das Wort, um die eminente Bedeutung der Colonialbank für unsere Bewegung darzulegen und die Anwesenden zur Erlegung der restlichen Theilzahlungen für gezeichnete Actien, sowie zu Neusubscriptionen anzueifern. Dieser Abend gewann den zionistischen Vereinen viele neue Mitglieder. Gleich nach Schluss dieser Versammlung hielt der Verein „Bnei Zion" in demselben Locale seine General- Versammlung ab. Der Präses des Vereines, Herr Sigally referierte über das Programm des neugewählten Comitös, das sich die grösste Mühe gibt, die jüdische Jugend Brailas zu zionistischer Thätigkeit heranzuziehen. Herr Dr. Moscowit z wies darauf hin, dass die Jugend, die noch nicht, wie die alte Generation, vom Assimilationsgedanken angekränkelt sei, leichter die zionistischen Ideale in sich aufnehmen könne, und bat die erschienenen Mitglieder, dem Comite hilfreich zur Seite zu stehen, damit es sein Programm realisieren könne. Herr Adolf Bernhardt sprach über die geistige Erziehung der jüdischen Jugend in zionistischem Sinne, und theilte mit, dass im Schosse des Vereines ein zionistischerChor in Bildung begriffen sei. Hierauf wurde die Discussion über verschiedene zionistische Fragen eröffnet, an der sich mehrere Vereinsmitglieder betheiligten. Der Verein „Bnei Zion'' veröffentlichte eine deutsch, rumänisch und im Jargon geschriebene Propaganda-Broschüre, die in tausenden von Exemplaren am ersten Roschhaschanahtage in den Synagogen vertheilt wurde. ^eitscbpifteijFaijdscbaa, Ein französischer Jude über den Zionismus. Der Pariser „Soir" brachte vor kurzem aus der Feder seines Redacteurs Abraham Dreyfus einen längeren Artikel über unsere Bewegung, der gleich ausgezeichnet ist durch seine glänzende Form, wie durch seinen verständigen Inhalt und uns umso grössere Genugthuung bereitet, als der Autor ein westeuropäischer Jude par excellence ist, der in den Traditionen der französischen Assimilation herangewachsen ist. Wir lassen hier einen grossen Theil der Dreyfus'schen Ausführungen folgen : „Der Zionismus hat nicht, wie man in Paris allgemein glaubt, den Zweck, alle Juden, die über die Erde zerstreut sind, zu sammeln und mit ihnen ein autonomes Staatswesen zu gründen. Er will diejenigen Juden, welche das Glück hatten, die Heimat, die ihren" Ahnen verloren gegangen ist, a n d e r w ä r t s z u finden, an ihren gegenwärtigen Wohnorten verbleiben lassen. Es gibt ungefähr vier Millionen solcher Juden : aber auch von diesen gemessen bloss ÜOO.000 das Bürgerrecht ohne jede Einschränkung. Es sind dies die Juden von Holland, England, Frankreich, Belgien und Italien. Die übrigen sind bloss im Genüsse von mehr oder weniger ausgedehnten Compromissrechten, ohne die vollständige Gleichberechtigung, die ihnen in der Theorie zugesichert ist, in Wirklichkeit erlangen zu können. Nun bleiben aber noch immer acht Millionen Juden übrig, die unglücklich genug sind, völlig ausserhalb der Gesetze ihres Heimatlandes zu stehen; die wie Sträflinge in enge Räumlichkeiten eingepfercht sind, wo sie sich gegenseitig erdrücken; die einem grauenhaften Elend geweiht, allen möglichen Bedrückungen ausgesetzt, dem Schimpf und der Schande bis zur Fühllosigkeit preisgegeben sind... Das sind die Juden von Russland, von Galizien, von Rumänien, all diejenigen, die entfliehen möchten, wenn man es zuliesse oder die eine Zufluchtsstätte suchen und nicht finden, weil die Grenzen der Länder, die sich anderen Auswanderern bereitwillig öffnen, diesen sehr zahlreichen Unglücklichen streng verschlossen bleiben . . . Nun denn, das sind die Juden, an welche die Apostel des Zionismus ihren Ruf ergehen lassen, um sie in normale Lebensbedingungen zu versetzen, um ihnen eine Heimstätte zu schaffen, wo sie leben können, um ihnen Land zu geben, das sie bebauen sollen, wie ihre Ahnen, die Landleute der Bibel: um sie diejenigen Arten des Handwerkes zu lehren, deren man sie für unfähig hält, nachdem man ihnen deren Ausübung jahrhundertelang untersagt hat; um ihnen den richtigen Weg zu weisen, um sie zu trösten und ihnen eine bessere Zukunft zu zeigen; um sie endlich wieder zu vollgiltigen Menschen zu machen. Der Zionismus wendet sich aber auch an die übrigen Juden, die vom Glücke begünstigt sind, die unter einem glücklicheren Sterne geboren wurden, diesen sagt er: „Habt Ihr Eure unglücklichen Brüder vergessen? Wollt Ihr ihnen nicht zuhilfe kommen? Verschmäht Ihr jede Solidarität mit ihnen V Wollt Ihr sie in Verzweiflung, in Unwissenheit und Schmach verkommen lassen?" Das ist die Frage, die der Zionismus aufwirft." D. W. Mordowzew über den Zionismus. Der bekannte russische Romanschriftsteller und Historiker, Staatsrath D. W. M o r d o w z e w , widmet in der „Nowosti" dem Zionismus einige Betrachtungen, welche allgemeines Interesse bieten. Anlass zu diesen Betrachtungen