Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Article
- Gedanken über Nietzsche und sein Verhältnis zu den Juden
- Date
- 1900-10-05
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 40 „Die 2& Welt" Seite 5 hundert einlädt, gehört die Entscheidung im Schicksale der europäischen Juden . . . Dann werden sie die Erfinder und Wegweiser der Europäer heissen, und nicht mehr deren schmählich Beleidigte . . . Und wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser Eindrücke, welche die jüdische Geschichte für jeden Juden ausmacht, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, Entschlüssen, Noth, Kämpfen, Siegen? Wohin soll sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen und Werke! Dann werden die Juden auf solche eigene Werke hinzuweisen haben, wie sie die europäischen Völker bei kürzerer and weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen vermögen und vermochten. Wenn Israel seine ewige Rache in eine ewige Segnung Europas verwandelt haben wird, dann wird jener siebente Tag wieder einmal da sein, an dem der alte Judengott sich seiner selber, seiner Schöpfung und seines auserwählten Volkes freuen darf, und wir alle, alle wollen uns mit ihm freuen!" * Charakteristisch ist es auch, das Nietzsche das Alte Testament, dessen Lehren doch in vielen Punkten seinem Gedankenkreise direct entgegengesetzt sind, nicht genug verherrlichen kann. So musste leider gerade dieser Heros, den stets jener Gedanke beseelte, der ihn in den „Unzeitgemässen Betrachtungen" von Philosophenideal im Leben träumen lässt, so musste er, trotzdem er ahnt, dass die Philosophie aus Gelehrsamkeit in die Wirklichkeit hervortreten müsse, einen extremen Punkt leerster Theorie», darstellen, wie es die Ausbildung eines „Antimoral"systems seitens eines so gewaltigen und erhabenen Denkers ist. Das Beste, was über ihn gesagt werden kann, hat er selbst im Zarathustra ausgesprochen, freilich in anderem Sinne, indem er es als die Bestimmung des Menschen hinstellte, ein „Untergang zu sein und ein Uebergang". Auch seine Philosophie trägt das Gepräge des Unterganges einer überwundenen individualistischen Culturepoche und des Ueberganges zu einer höheren Auffassung des Lebens. Jewish Colonial Trust (Jüdische Colonialbank) Limited. Bekanntmachung. Im Auftrage des Directoriums werden hiermit alle Actionäre, welche ihre Raten laut der Zutheilungsbriefe, respective provisorischen Certificate am 28. August d. J. hätten bezahlen müssen, aufgefordert, Ihre Ratenzahlungen zuzüglich Zinsen bis längstens I. November a. c. bei den bekannten Zahlstellen der Gesellschaft zu leisten, widrigenfalls das Directorium sich vorbehält, seine statutenmässigen Rechte bezüglich der bereits gezahlten Raten, sowie der noch ausstehenden Reträge sofort geltend zu machen. Das Directorium ergreift die Gelegenheit, alle anderen Actionäre, deren Zahlungstermine aus diversen Gründen nicht mit dem obigen Datum zusammenfallen, ernstlich aufzufordern, auch ihre Zahlungstermine aufs Pünktlichste einhalten zu wollen, damit die bekannten Zwecke der Bank mit möglichster Beschleunigung zur Ausführung gelangen können. Die Herren Agenten und Vertrauensmänner der Bank werden hiermit im Interesse der prompten Ausfertigung und Absendung der Certificate für die Actionäre ihres Rayons auf das Nachdrücklichste ersucht, mit peinlichster Genauigkeit die von London ausgesandten Analysen-Listen auszufüllen und möglichst wöchentlich nach London zu retournieren, und weder mehr, noch weniger Information als die gewünschte auf demselben Blatte zu geben. Informationen, welche nicht auf der Analysen-Liste verlangt werden und welche man dennoch mitzutheilen wünscht, müssen auf ein besonderes Blatt geschrieben werden. 49, Leadenhall Street, London E. C, den 20. September 19U0. James H. L o e w e, General-Secretär. Tribüne. Zur Frage jüdischer Dienstboten. I. Berlin, den 22. September 1900. Löbliche Redaction! In der heutigen Nummer Ihres geschätzten Blattes befindet sich ein Artikel von Rosa Pomeranz über die jüdische Dienstbotenfrage. Ich möchte mir erlauben, auf einen wichtigen Punkt aufmerksam zu machen, der bisher unerwähnt geblieben ist, trotzdem er wohl von schwerwiegender Bedeutung sein dürfte. Ich bin erst vorgestern von einem längeren Aufenthalt aus einem Sanatorium zurückgekehrt und da mir dort jede Leetüre verboten war, so ist mir leider der Artikel des Herrn Steiner unbekannt geblieben, ich kann daher nur auf die so anregenden Ausführungen der erwähnten Dame eingehen, und da muss ich gestehen, dass mir doch nicht Alles ganz logisch erscheinen will, was darin gesagt ist. Die Verfasserin hat einerseits sehr viel Vertrauen zu der jüdischen Barmherzigkeit und wähnt sie zu grossen Opfern bereit, andererseits wieder will sie dieser Barmherzigkeit so wenig Selbstverleugnung zutrauen. Mir ist es nicht klar geworden, warum es nicht möglich sein sollte, in den Gemeinden des Ostens derartige Schulen zu bilden, wie sie bei uns existieren! Ich glaube, wenn die besser situierten Familien Russlands und Galiziens wirklich bereit sein werden, „Kinder" zur Ausbildung ins Haus zu nehmen, so werden sie mindestens ebenso gern bereit sein, sich um die Entwickelung solcher Fortbildungsschulen, — wenn man sie so nennen kann — zu kümmern, und wenn die Geldmittel zur Gründung und Erhaltung derselben im Osten allein nicht genügend vorhanden sind, so wird eben der Süden, Norden und vor allem der Westen zu Hilfe gerufen; Geldmittel sind zu solchen Zwecken genug aufzutreiben. Ich kann auch nicht einsehen, inwiefern die Unsauberkeit, in der das Kind aufwächst, ein Hinderungsgrund für das Besuchen solcher Anstalten sein sollte, ich meine eher, dies sollte ein Sporn sein, derartige Institute ins Leben zu rufen. Gerade indem man die Kinder, bald nach Schulschluss, also im Alter von 11—13 Jahren, aufnimmt, entzieht man sie dem schlechten Einfiuss, dem sie zuhaus ausgesetzt sind, gewöhnt sie beizeiten an Ordnung und Sauberkeit; sie werden dann — so ausgebildet — vielleicht versuchen, der Unsauberkeit im Elternhause zu steuern. Mir sind die Verhältnisse Galiziens und Russlands allerdings nicht so genau bekannt, aber ich bin an der polnischen Grenze aufgewachsen, wo die Unsauberkeit bei den armen Leuten in höchster Blüte steht, und gar so viel anders wird es auch in den beiden Ländern nicht ausschauen. Nun komme ich zu dem am Anfang erwähnten wichtigen Punkt. In der „Welt" kann man ja, — so glaube ich — sein „Nichthalten aller jüdischen Gebräuche" bekennen, ohne in den Verdacht zu kommen, ein „schlechter Jude" zu sein. Als ich seinerzeit, — es sind das mehrere Jahre her — vernahm, dass hier in Berlin jüdische Mädchen zu Dienstboten herangebildet werden, war es wahrlich mein Erstes, mich an die betreffenden Anstalten zu wenden, um mir ein solches Mädchen ins Haus zu nehmen, ohne dass mir dieses jedoch gelang, denn die erste Frage, die meinem Abgesandten vorgelegt wTurde, war: ,Haben Sie einen rituellen Haushalt?" und auf seine verneinende Antwort versetzte man ihm: „Dann bedauern wir sehr." Ebenso ergieng es noch einigen meiner Bekannten, die sich auf meine Veranlassung gemeldet hatten. Wie unrecht es ist, den Mädchen durch derartige Rücksichten gute Stellen vorzuenthalten, und wie wenig es möglich ist, ihnen auf die Dauer, durch diese, fast möchte ich sagen gewaltsame Weise, das Rituelle des Judenthums zu erhalten, beweisen folgende Thatsachen : Meine Freundin und ich pflegen bei Annoncen oder dem Auftrage, den vwir unserer Vermietherin geben, stets hinzuzufügen: „Jüdin bevorzugt", und wir haben fast immer, — ich treffe es so gut, dass ich nur selten genöthigt bin zu wechseln — Mädchen die in solchen Anstalten ausgebildet sind. Ich fragte mein letztes Mädchen, warum sie, die doch ganz orthodox erzogen, in Häuser gehe, wo kein ritueller Haushalt sei. Sie gab mir zur Antwort, dass sich das Princip nicht durchführen lasse, da zu wenig wirklich orthodoxe Hausfrauen Mädchen, — besonders jedoch Kindermädchen, suchen. Ob die Mädchen es dabei ungünstig getroffen? Ich glaube kaum; die „nichtrituellen Juden" sind wirklich nicht die schlechtesten. — Fern liegt es mir, dafür zu plaidieren. dass die Mädchen in derartigen Anstalten, in freieren Ansichten erzogen werden, als ihre Eltern sie, von