Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 40 (5.10.1900)
- Article
- Der Tag des Vergessens
- Date
- 1900-10-05
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 „Die 2$ Welt« Nr. 40 Und wieder sieht sich das Kind in der Synagoge. Auch dieser „Tag der Erinnerung" und der „Tag des Gerichts" trägt nicht wenig dazu bei, das Gemüth des Kindes mit Trauer zu erfüllen.. Es sieht die Alten weinen. — es weint ebenfalls, es hört die Alten Sünden bekennen, deren Sinn ihm nicht im Entferntesten klar ist, klar sein kann: mechanisch murmeln seine Lippen das Sündenbekenntnis nach, und es schlägt mit der Hand ans Herz. Und es beginnen sich Zweifel in ihm zu regen, ob es auch Verzeihung erhalten werde für all diese Sünden. Jedoch in den „zehn Tagen der Busse" hat es noch Zeit zu „beten und zu bereuen''; da wird jeden Tag ein neues Stück dem gewöhnlichen Gebetspensum hinzugefügt: „Herr, unser Vater, wir haben gesündigt vor Dir." Und das kehrt aDjährlich wieder. Je älter das Kind wird, desto mehr lernt es auch das schlimme Los der Gegenwart begreifen, denn jeder neue Tag bleibt ihm im Gedächtnis zurück als Tag der Erinnerung an nie enden wollendes Leid. So haben wir in jedem Jahre einen Tag der Erinnerung an das, was wir im Laufe dieses Jahres durchgemacht haben: Schmerz und Elend. Und im Laufe des Jahres haben wir in kurzen Abständen Tage der Erinnerung an Jahrtausende altes Leid; und es bohrt sich das Bewusstsein einer ungetilgten Volkschuld ein, einer zu ihrer Tilgung nothwendigen Sühne, die ihren Ausdruck findet in dem Marterdasein des ganzen jüdischen Volkes. Schwer durchdringen die Sonnenstrahlen die zusammengeballten Wolken, aber die innegeborene Kraft siegt; hell überflutet das Tagesgestirn mit goldenen Lichtstrahlen den eben noch in dunkel gehüllten Luftraum. An dem Horizonte unserer trostlos düstern Geschichte taucht mählig ein helles Gestirn auf, der Zionismus. Mit seinem verheissungsvollen Glänze sucht dieses Gestirn die Nacht unserer Gedanken zu durchdringen und ihnen eine neue lebensvolle Richtung zu geben. Es lehrt uns die Hoffnung, die strahlende Hoffnung; und es lehrt uns vor allem: Vergessen. Wenn alle die quälenden Bilder vergangenen Jammers in unserer Erinnerung verblassen werden, wenn unsere Seele, von den dunklen Blättern der Vergangenheit sich abwendend, Trost suchen wird in der zuversichtlichen Hoffnung auf eine lichte, glückliche Zukunft, dann erst werden wir unserer drückenden Gemüthslast ledig sein. Der erste „Tag des Vergessens," den wir einrichten werden, wird die Grundlage sein für ein glückliches Zukunftsdasein des jüdischen Volkes. Gedanken über Nietzsche und sein Verhältnis zu den Juden. Von Ernst Müller. Nietzsches Schicksal ist eine Tragödie des Menschengeistes : Wer mit so heller Leuchte die Heucheleien und Schwächen seiner Zeit und ganzer Jahrhunderte aufzudecken vermag, dessen Seele muss selbst ungeheuer leuchtend und erhaben sein; aber das zu heftige und ohnmächtige Ankämpfen gegen die Falschheiten der sogenannten Moral, die er von der Warte wahrer Moral aus zu zerstören trachtet, lässt ihn an ihr selbst verzweifeln, und er glaubt mit den Waffen der Moral diese selbst zu widerlegen. Nun kämpft er nur noch gegen, nicht mehr für etwas — und seine Seele und Kraft ist gebrochen. Eine der Grundlagen aller Sittlichkeit ist die Gleichschätzung der Menschen. Von der Unterscheidung von Herren- und Sclavenmoral ist ein ungeheurer Schritt bis zum wahren Standpunkte Jenseits von Gut und Böse". Nietzsche zeigt uns, dass die Moral nicht Schwäche und Nachgiebigkeit, sondern Kraft ist. Das Mitleid als solches ist im Menschen ein Zeichen der höheren Sittlichkeit und ein Mittel dazu. Wo aber die von aller Weichheit freie Ethik beginnt, setzt die Pflicht ein und nicht die „blonde Bestie". Nietzsches Jugendgedanken sind wie Sonnenstrahlen von klarem Himmel herab, seine späteren wie jähe und jäh verlöschende Blitze aus sturmgepeitschtem Gewölke. Seine erste Zeit ist milde Philosophenruhe, seine spätere Sturm und Drang nach rückwärts. Der „Uebermensch" ist wie eine Statue, an deren Form sich der Meister derart berauscht, dass er im Rausche gar nicht merkt, wie er die wirkliche Statue in Trümmern schlägt. Die Grundgedanken seiner Philosophie sind ein letzter Ansturm des Individualismus gegenüber dem socialen Grusse der Zukunft. Aber ihre Form hat etwas Gewaltiges, Elementares. Sie erinnert an den gemeinsamen Urquell von Religion, Sittlichkeit, Kunst, Poesie und Philosophie. Er wollte die Wahrheit aus der Gelehrtenstube befreien, sie wieder hell und erhaben, den Gedanken zu einer Kraft und That machen. Gleichwohl haben gewisse Ansichten etwas raffiniert Unhistorisches an sich, wie die Idee vom „Sclaveauistande in der Moral": Das Juden-, resp. Christenthum lehne sich gegen die äusserste Bedrückung mit der letzten, subtilsten Art von Rache auf: mit der Nächsten- und selbst Feindesliebe. Sollte das wirklich möglich sein? Wie konnte jener Plan in Sclavenköpfen entspringen, da doch diese Art von Grausamkeit, die Beschämung des Bedrückers zu jener Zeit nur den Eindruck der Lächerlichkeit hervorbringen konnte, und die gewöhnlich angenommene Grossherzigkeit, die in jenem Grundsatze liegt, in der Beschämung des Bedrückers wieder enthalten ist. So auch mit dem Jehovaglauben der Juden. Der Gedanke, dass die Religion nur Stützung der eigenen Schwäche ist oder als Mittel zur Macht, sagen wir in diesem Falle mit Nietzsche, „um sich das auserwählte Volk nennen zu können", benützt wird, lag durchaus nicht im Geiste jener Zeit, und würde auch die Entstehung des Glaubens nicht erklären. Ueberhaupt sind, was das Urtheil Nietzsches über die Juden anlangt, zwei einander fast entgegengesetzte Gesichtspunkte massgebend. Das alte Judenvolk ist ihm specifisches Sclavenvolk, „das Volk des Ressentiment par excellence", die Mutter des Christenthums, es hat schon aus Schwäche, und um sich an dem Machtgefühle eines anderen zu berauschen, seinen Gott in die Welt gebracht. In der „Fröhlichen Wissenschaft" heisst es : „Das Volk der Juden, die sich das auserwählte Volk unter den Völkern fühlen, und zwar weil sie das moralische Genie unter den Völkern sind (vermöge der Fähigkeit, dass sie den Menschen in sich tiefer verachtet haben als irgendein Volk). Die Juden haben an ihrem göttlichen Monarchen einen ähnlichen Genuss, wie der war, den der französische Adel an Ludwig XI\. hatte. Dieser Adel hatte sich all seine Macht und Selbstherrlichkeit nehmen lassen und war verächtlich geworden. Um dies zu vergessen, bedurfte es eines königlichen Glanzes, einer königlichen Autorität und Machtfülle ohne Gleichen, zu der nur dem Adel der Zugang offen stand. Indem man gemäss diesem Vorrechte sich zur Höhe des Hofes erhob und, von da ausblickend, alles unter sich, alles verächtlich sah, kam man über alle Reizbarkeit des Gewissens hinaus. So thürmte man absichtlich den Thurm der königlichen Macht bis in die Wolken hinein, und setzte die letzten Bausteine der eigenen Macht daran." Der andere Gesichtspunkt in der Beurtheilung der Juden ergibt sich theilweise aus jenem Vorurtheile, das er aus der Zeit Wagner beibehielt, dass die Juden das Volk des Materialismus und der Selbstsucht seien. _„Sie sind das Volk, welches am meisten am Leben hängt," sagt er in den „Unzeitgemässen Betrachtungen", und führt als typisch die Erzählung eines Apokryphenbuches an, dass ein jüdischer Krieger und Märtyrer, dem die Eingeweide zerrissen wurden, auch diese nach der Auferstehung wieder haben möchte. („So ist es jüdisch!" ruft er dann aus.) Und hauptsächlich die zähe Forterhaltung Israels ist es, die ihn in seiner späteren Epoche, als er das Evangeliuni der blinden Kraft verkündete, für die Juden theoretisch günstig stimmte, ein Umstand, der in den hymnischen Lobpreisungen mancher jüdischer Blätter über Nietzsches Verhältnis zu den Juden berücksichtigt werden sollte. Persönlich allerdings tritt Nietzsche immer mit Eifer für sie ein (ebenso wie er die Heuchelei des Antisemitismus geisselt), ja er wirft an manchen Stellen in ihr Schicksal, das sie für die Zukunft Europas bedeutungsvoll macht, helle und liebende Blicke. ,Zu den Schauspielen, auf welche uns das nächste Jahr-