Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 39 (28.9.1900)
- Article
- Die Schwestern
- Date
- 1900-09-28
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 „Die j& Welt" Ni. 39 bindung zu bringen, ihr diesen ganzen Schatz von Kenntnissen als Tribut zu Füssen zu legen — aber vielleicht verbindet die Mehrzahl der jungen Mädchen und Frauen eine Werbung viel mehr mit Sporenklirren und Säbelrasseln, als mit einer Schaustellung der glänzendsten Haarspaltereien und talmudischen Spitzfindigkeiten. „Und nun noch eine Frage, Enoch," sagte Anschel, „denn es ist spät — sieh' da, die Mutter ist schon eingeschlafen. Ich möchte, dass Sie mir noch den seltsamen Ausspruch Rabbi Chaninahs im Tractat Baba Kama erklären: Diejenigen, die unsere heiligen Vorschriften halten, weil sie dazu verpflichtet sind, können auf grösseren Lohn hoffen, als jene, die sie halten, ohne dass sie dazu verpflichtet sind — mir scheint, dass die letzteren doch ein grösseres Verdienst haben." Enoch runzelte einen Augenblick, in Gedanken versunken, die Stirn, dann fiel ihm plötzlich die Lösung des Räthsels ein, und er lächelte. „Ist nicht der erste Instinct der menschlichen Natur der nach Freiheit?" antwortete er. „Lehnt sich nicht jedes vernünftige und unvernünftige Wesen gegen fremde Gewalt auf? Es wird also, wenn wir einen bestimmten Befehl erfüllen müssen, der Haupttriebfeder unseres Lebens gewissermassen eine Fessel, ein Joch auferlegt, denn unser Wille und unsere Neigung verleiten uns vielleicht, das gerade Gegentheil zu thun. So setzt die Erfüllung der Vorschrift ein gewisses Ausmass von Selbstbeherrschung voraus und ist dadurch viel löblicher, als wenn sie das Ergebnis freiwilligen Wunsches ist." Zillahs Ohr fieng den Schlusssatz auf. ohne dass sie wusste, was demselben vorausgegangen war, und er schien ihr eine ganz besondere Bedeutung zu haben. Unwillkürlich kam eine tiefe Empfindung des Grolls über sie, jawohl, es mochte sehr löblich und gross sein, ein Märtyrer zu sein, aber sie hatte die Lust dazu verloren. Sie hatte in ihrem kurzen Leben genug geleistet an Selbstbeherrschung, um sich einmal den Luxus des Sichgehenlassens gestatten zu dürfen. Salka und die beiden Männer waren aufgestanden. „Sie halten mich gewiss für einen anspruchsvollen Gastfreund," scherzte Anschel, „weil ich mich für meine Gastfreundschaft mit Perlen der Weisheit bezahlen lasse. Glücklicherweise sind Sie so reichlich mit Capital versehen, dass ein Bankerott bei Ihnen nicht zu befürchten steht." „Ich stehe Ihnen zu Diensten," sagte Enoch, „es ist ein Vergnügen, mit solchem Reichthum freigebig zu sein, wenn man nur jemand finden kann, der ihn annimmt; ich weiss, dass die Münze nicht überall gangbar ist". Salka schien so ziemlich eine Ahnung davon zu haben, auf wen diese Klage besonders gemünzt war. Sie sagte nichts, nahm sich aber vor, sie an ihre Adresse zu befördern. „Zillah, unser Gast will sich zurückziehen," bemerkte Anschel. Die Bemerkung war nothwendig, denn Enoch war ganz nahe an sie herangetreten, ohne dass sie den Kopf erhoben hätte. „Gute Nacht," murmelte sie verwirrt; es war ihr vielleicht gerade eingefallen, dass, woran es ihr auch immer gebrach, doch kein Grund vorhanden war, es an gewöhnlicher Höflichkeit fehlen zu lassen. „Gute Nacht," sagte er schlicht, doch klang es, als hätte er mehr sagen wollen. „Es ist doch seltsam," sagte Anschel, als er Enoch in . seine Dachkammer voranleuchtete, wie geschickt-die Frauen - geflissentlich nicht sehen, was sie doch ganz bestimmt wissen. Und doch — verleiht ihnen diese Zurückhaltung nicht einen gewissen Duft und Reiz?" „Gewiss," erwiderte Enoch, aber seine Antwort klang nicht sehr herzhaft. Salka brachte die Mutter zu Bette, die aus ihrem Schlummer erwacht war, „Fühlst Du Dich behaglich, Mütterchen?" fragte sie. , O ja, vollkommen, ich danke Dir". „Und willst Du nichts mehr?" „Nichts — nur schlafen, mein gutes Kind". „Dann kann also Zillah mit mir hinunterkommen und mir die Küche in Ordnung bringen helfen? Willst Du Zillah?" „Gewiss — hab ich mich je geweigert?" Schweigend giengen die beiden Schwestern hinunter. Zillah stiess einen leisen Ruf der Ueberraschung aus. „Ja, aber es ist ja alles spiegelblank! Was ist denn noch zu thun?" Salka lächelte, dass ihr die List so wohl gelungen war, wurde aber sofort wieder ernst. „Wir können oben nicht miteinander sprechen, wir würden die Mutter stören". „Hast Du mir etwas zu sagen?" „So viel, dass ich nicht weiss, wo ich anfangen soll. Was ist Dir gestern zugestossen?" Eine grosse Angst regte sich in Zillahs Herzen. Hatte man sie gesehen — belauscht? „Wann?" fragte sie zitternd. „Am Abend". „Ich sagte Dir ja, ich hatte Kopfschmerzen," sagte Zillah mit einem Seufzer der Erleichterung. „Hör mich an, Zilah. Bis gestern hab' auch ich mich wegen des Fremden geängstigt, mit dem Du Dich fürs Leben verbinden sollst, er hätte ja bucklig oder sonst abstossend sein können; dagegen war der Ruhm seines Vaters keine Garantie. Wenn er aber schön ist wie ein Erzengel und — — „So? Ist er schön?" fragte Zillah kalt. „Du hast gut fragen, hast Du ihn doch seit seiner Ankunft noch keines Blickes gewürdigt. Deshalb hast Du auch nicht gesehen, wie sehnsüchtig sein Blick auf Dir ruht, hast den unsäglichen Schmerz in seinen Augen nicht gesehen — seine Stimme freilich klingt fest, und was er spricht, zeugt von Ruhe und Selbstbewusstsein. Du aber sitzest die ganze Zeit da und brütest über Deinem dummen Buch — gerad' als ob Du Dich todtlesen wolltest". „Ich hab's versucht, aber es geht nicht." „Aber es hat jedenfalls einen andern Zweck," fuhr Salka erregt fort, „es verhindert Dich, den stummen Vorwurf Deiner Mutter, das Erstaunen und die Verlegenheit Deines Vaters zu bemerken. Und wenn ich ihn ansehe — Enoch mit seinem geduldigen Lächeln — dann treten mir die Thränen in die Augen". Zillah schwieg einen Augenblick, dann sagte sie plötzlich: „Ich vermuthe, dass unsere Eltern sich ihn zum Schwiegersohne wünschen?" „Du vermuthest?" wiederholte Salka und blickte ihre Schwester an, als ob sie an ihrem Verstände zweifelte. „Nun," fuhr Zillah ruhig fort: „haben sie denn nicht noch eine Tochter?" Salka wechselte in drei Secunden dreimal die Farbe. (Forrtsetzung folgt.)