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Die Welt · 1900-09-28 · 39 (28.9.1900) · p. 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
39 (28.9.1900)
Article
Auswanderung
Date
1900-09-28
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 39 ,Die 2$ Welt" Seite 9 m* Feuilleton. vm* Auswanderung. Von Ernst Müller. Sie wandern nach Amerika. — Da lehnt ein Jude, blickt hinaus in's Weite: Nächtlich in dunklem Schmerze liegt die See, Wie seine Zukunft öd' und uferlos. Und aus der Wellen ew'ger Gleichheit, Wo Raum und Zeit in ein Unendliches Verschmelzen, rauscht empor das ew'ge Lied Von Judas immer-üb'rall gleichem Leid. „Wie lang' noch geht es durch die Nacht? Wie lang' verbirgst du, Sonne, deine Strahlen, Dass sie sich hell im Wellengleiten spiegeln? Wie lang' noch säumst du, heissersehntes Land V" Er wankt zurück — bei mattem Lampenschein Sieht er die Seinen schlafen, Gefährten, ruh'los noch im Schlafe Ihr Athmen nur ein Stöhnen. Nur um der Kinder Lippen schwebt ein Lächeln, Als wehten Engelfiügel d'rüber hin. Versunken in den Anblick, bleibt er stehn, Ein tiefes Weh durchzuckt ihm seine Brust. Und doch, wie Hoffenmüssen bebt's in ihm, Wie Israels ew'ge, oft bewährte Hoffnung . . . Still gleitet durch die Nacht dahin das Schiff — Er faltet weinend zum Gebet die Hände. Jörn Kippur im Walde*). Yon Theodor Zlocisti. Der Tag gieng trübe an. So etwas wie Fastenstimmung lastete über dem Hause — eine elendgedrückte Stimmung. Und nun noch der Aerger. Dass der Willy aber immer noch seine Zimmerthüre verschlossen hielt und sich gar nicht zeigte! Er wusste doch, dass der Papa auf ihn wartete, dass er ihn segnen wollte. Sonst that ers nicht Aber heute war ja Jörn Kippur. Und dann — er wars so gewöhnt noch vom Hause her — es war so anheimelnd und beruhigend zugleich, wenn die Kinder ihn küssten und ihm gutes Fasten wünschten und dass er sich alles Gute ausbeten möge. Unruhig gieng er im Zimmer auf und ab. Dann blieb er stehen und machte sich irgendwie zu schaffen : blätterte in seinem Gebetbuche umher oder rückte die Tischdecke gerade. Seine Zähne hatte er iest aufeinander gepresst. Eine wilde Wut schoss in ihm auf. Es kochte in ihm: „Dass dieser infame Bengel sich nicht zeigt. Er soll nicht erleben ..." „Aber sei doch gut, Nathan! Du wirst doch heut nicht fluchen. Heut, am Jörn Kippur." Und sie umarmte ihn und blickte ihn so treu und bittend an. „Ach, lasst doch." Vergrämt — ihm blutete das Herz; man sah es ihm an — nahm er das Gebetbuch und den Tallis. Er küsste sein Weib und gieng. Sie sah ihm nach, und die Thränen standen ihr in den Augen. „Ach Gott. . . und das gerade heute." Sie gieng an seine Zimmerthüre und klopfte: „Willy?!" Er war schon aufgestanden und hatte bereits seine Hosen angezogen. Mit einem Satze war er an der Thüre, die er hastig öffnete: „Mama!" Er sagte das mit weicher Stimme. Es kam ihm tief aus der Brust. Er wusste ja, dass er seinen Vater schwer verwundet hatte, an einer Stelle, wo die Menschen am schwersten getroffen werden — alte, tiefwurzelnde Gefühle, die von lieben Erinnerungen umwoben sind. Aber . „Mama — er küsste sie auf die Augen — Du weisst ja, wie lieb ich Euch habe, Dich und Papa und wie unendlich dankbar ich Euch bin für all die Opfer. Aber ... ich kann nun 'mal nicht Es kommt mir wirklich zu dumm vor. Und ich suche doch alles zu vermeiden, was . .. Aber ... ich . weiss nicht.. . ich kanns eben nicht..." Er quälte sich die Worte heraus. Seine Züge waren schmerzlich durchzogen. Du bist ein gutes Kind, nicht, Willy?! Du gehst doch in die Synagoge und setzt Dich zu Papa. Du weisst doch, dass er sich grämt... Ich thu Dir das Gebetbuch in die Manteltasche. Nicht, Willychen?___ *) Aus dem Kölner „Jüd. Volkskalender" f. d. Jahr 5660. Und sie schaute ihn an mit jenem bittenden Blick, wie ihn eben nur Mütter haben. Willy blieb allein im Zimmer. Er begann sich zu waschen. Aber die Seife glitt ihm immer aus der Hand. Er starrte in den Spiegel über dem Waschtische — aber er sah nichts. Sein Auge war wie von einem dichten Schleier umgeben, als ob er noch halb schliefe. Er reckte sich, riss die Augen weit auf und presste seine geballte Faust fest gegen die Schläfe und gähnte. Die Luft im Zimmer war dumpf und dick. Er holte geradezu krampfhaft Athem. Hastig riss er das Fenster auf, und ein kalter Septemberwind schwang sich ins Zimmer und flog ihm um die Ohren. Und er wusch sich weiter und kleidete sich hastig an: „Die verdammte Pietät und immerzu das Verquicken der Dinge." Als er seinen Ueberzieher angezogen hatte und nach der Tasche fühlte, musste er lachen ... ein erquältes Lachen; halb Ironie, halb . . . Traurigkeit?-- Vor der Hausthüre blieb er noch eine Weile stehen. Was sollte er mit dem ganzen Tage anfangen? Auf der Strasse herumlungern oder gar im Thiergarten, wo halb Israel heute zu finden war? Die Collegien waren geschlossen. Vielleicht in die königliche Bibliothek? Nein! Weiss der Himmel... er war heute viel zu ernst gestimmt, um sich mit ernsten Dingen abzugeben. Das aber wusste er genau — in die Synagoge gieng er nicht. Seine paar Freunde waren in die Ferien gegangen. Einer war noch hier, der Sohn eines kleinen Beamten. Uebrigens kein Jude! Wie denn seine Freunde fast alle Christen waren — darum hatte er auch so wenige. Er hatte geradezu eine Antipathie gegen das Gros der jüdischen Studenten. Er sagte immer: „Sie sind arrogant und aufgeblasen, wenn sie unter sich sind, und im Verkehre mit Christen — kriecherisch und demüthig." Er gieng also zu seinem Freunde, der in entzückender Gemüthsruhe aus dem Fenster lag und aus einer mächtigen Pfeife rauchte und wie ein Fabrikschornstein qualmte. „Morgen! Du, Fritze, machst Du mit mir heute einen Ausflug." „Gewiss — aber wohin denn? Komm doch 'rauf. Dies können wir ja gleich besprechen." Fritz emfing ihn an der Thüre: „Mensch, was machst Du wieder für n Gesicht. Alte Thranseele." Sie gingen in Fritzens Arbeitszimmer. „Du, setz Dich mal aufs Kanapee. Also einen Ausflug. Für den ganzen Tag? Gut. Ich wills meiner Mutter sagen, dass ich nicht zu Tische komme. Da, stecke Dir mal 'ne Cigarre an. Feines Kraut." „Ich mag jetzt nicht rauchen. Ich bin noch nüchtern. — " „Woso denn?! Aha; heute ist ja lange Nacht bei Euch. Du trinkst natürlich bei mir eine Tasse Kaffe." Fritz gieng in die Küche und wie er nach einer Weile zurückkam, fand er seinen Freund — natürlich! — am Bücherschrank umherkramend. „Durchschnüffelst Du wieder die Bücher, die Du schon tausendmal gesehen hast. Richtiger Judäer . . . Du, trink, den Kaffee, so lange er warm ist. Also nach Tegel gehen wir. Ich mache mich schnell zurecht. Zu essen nehme ich nichts mit. Was? Wir gehen doch wieder in das Seeschlösschen?" * * Unterwegs bot ihm Fritz wieder eine Cigarre an. „Danke. Nachher. Ich will hier nicht auf der Strasse rauchen. Das sieht so herausfordernd aus. Wir dürfen ja heute nicht rauchen." „Wie Du willst" —-- Sie giengen rüstig zu. Es war ein herrlicher Herbsttag. Ein bischen windig. Aber nicht kalt. Gerade das Wetter für einen Ausflug. Die Strassen waren trocken und bedeckt mit Falllaub, das der Wind in bald kleineren, bald grösseren Kreisen das Trottoir entlang trieb. Es war heute auffallend still auf den Strassen. Fritz meinte: „Man merkt doch, dass bei Euch heute Feiertag ist. Es liegt doch so eine Art festlicher Stimmung in der Luft. Und fast alle Läden sind geschlossen." Willy sagte nichts. Sie giengen weiter, die Chausseestrasse entlang mit ihren endlosen Kasernenreihen. Vor einemLadenblieb Fritz stehen: „Sieh mal: Manufacturgeschäft von Gerson und Werthjjim. Heute geöffnet? Das sind doch aber sicherlich Juden!"

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