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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Die Schwestern
Date
1900-09-21
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 ,Die & Welt" Ni. 38 der Pflicht abschrecken lassen, ihrem Vater mit offenen Armen entgegenzugehen? Wenn sie sich verzagt zeigte, noch bevor sie dem Feinde gegenüber stand, was würde der Ausgang des Kampfes sein? Aber ihr Entschluss war zu spät gekommen; bevor sie noch die Thür erreicht hatte, hatte sich diese von aussen schon geöffnet, und ihr Vater trat ungestüm ein. „Das nenn' ich einem Gaste Ehre erweisen," rief er aus, während er ganz roth wurde vor Vergnügen, als er bemerkte, wie einladend das Zimmer aussah. „Ich nehme das Compliment an, trotzdem ich einen leisen Verdacht hege, dass es nicht für mich allein gemeint ist. Esther, Du siehst um zwanzig Jahre jünger aus, und wie mir Salka sagt, wirst Du stark wie ein Löwe." Dann wendete er sich an Zillah. „Du hast gut acht gegeben auf die Mutter?" flüsterte er ihr zu, als er sie küsste, „das ist brav, und zum Lohn dafür hab' ich jemanden mitgebracht, der künftig auf Dich gut acht haben wird." Dann bemerkte Zillah mit einem flüchtigen Blick die Gestalt, die schweigend und regungslos im Thüreingang stand. „Wo sind Sie, Enoch?" rief er aus. „Wir sind weit gekommen, wenn Männer wie Sie Angst haben, sich sehen zu lassen." Und was Zillah zunächst zum Bewusstsein brachte, war, dass der Vater den Fremden zu ihr führte und, während er seine Hand festhielt, zu ihr sagte: „Zillah, dies ist Enoch Gontaller. Als Du noch in der Wiege lagst, war der Name seines Vaters bereits in der ganzen Welt bekannt. Es ist ein Name, auf den man stolz sein kann, und der Sohn ist des Vaters würdig. Brauche ich mehr zu sagen? Dies hier, Enoch, ist meine Frau — nun kennen Sie uns alle. Sie sind zwar stumm, aber aus tiefem Herzen willkommen geheissen worden." Zillah wurde bleich bis in die Lippen. Das also war die grosse Ehre, auf die ihr Vater angespielt hatte — die Verbindung mit der Familie des grossen Talmudisten und Rabbiners. Das machte alles schwerer. Sie wollte darüber nachdenken, um wie vieles schwerer, aber bei den letzten Worten ihres Vaters, die fast wie ein Vorwurf geklungen hatten, kam sie wieder zu sich. „Sie haben eine beschwerliche Reise hinter sich," sagte sie mit niedergeschlagenen Augen zu dem Gaste, „bitte, setzen Sie sich und haben Sie ein paar Minuten Nachsicht mit uns, wir werden Sie bald nach Kräften bewirten." Er schien nicht zu hören, was sie sagte, sondern blieb stehen, seine glänzend schwarzen melancholischen Augen auf sie geheftet. Anschel warf ihm einen raschen Seitenblick zu: Enochs Schweigen war ein gutes Zeichen — es war sehr bedeutsam. Und so nahm Anschel mit vergnügtem Lächeln das Gespräch wieder auf. „Ihr habt uns wohl nicht so früh erwartet? Da habt Ihr ganz recht gehabt, denn dass wir jetzt hier sind, ist wirklich fast ein Wunder zu nennen. Nein, es war keine Gefahr," unterbrach er sich auf einen besorgten Blick seiner Frau hin, „aber — na, ich will Euch die ganze Geschichte erzählen. Als ich aus Berditscheff kam, wo ich mich mehrere Tage aufgehalten hatte, und wo Enoch mit mir zusammentraf, reisten wir, um keine Zeit zu verlieren, mit dem nächsten Zuge ab, und ich konnte mir den Pass nicht mehr von der Polizei vidieren lassen. Aber das machte mir keine Sorge, denn der alte Tomalow, unser Polizeicommissär und ich — es wäre nicht das erstemal gewesen, dass wir in einer solchen Angelegenheit ein Abkommen trafen. Erst als der Zug drei Stationen von hier, in Boligno hielt, hörte ich, dass Tomalov todt und sein Nachfolger bereits ernannt sei. Ihr könnt Euch denken, dass ich die Nachricht nicht gerade pries. Ich that nun, was ich konnte. Zuerst legte ich mir für den Nothfall hundert Rubel zurecht und dann las ich fleissig in den Psalmen, bis wir hier ankamen. Da stand auch schon der neue Polizeicommissär; ich weiss nicht, ob Du ihn kennst, Zillah — er ist hochgewachsen und hat ein ehernes Gesicht. Aller Muth entsank mir, und ich sah mich schon im Zuge auf dem Rückwege nach Berditscheff begriffen, um mir dort meinen Pass vidieren zu lassen. Wie er war, reichte ich ihn dem Commissär, der betrachtete ihn und runzelte die Stirn. Plötzlich glättete sie sich aber wieder. „Heissen Sie Markowitz?" fragte er mich. Ich bejahte. „Sind Sie der Eigenthümer des Käse- und Häringgeschäftes?" fuhr er fort. „Jawohl, Euer Gnaden," erwiderte ich erstaunt — wieso wusste er das? „Ihr Pass ist in Ordnung, Sie können gehen," sagte er liebenswürdig. — Ist das nicht wunderbar?" Und Anschels gewölbte Brust dehnte sich, um sich für den Athem, den er in der Erzählung verbraucht, schadlos zu halten. „Es ist wirklich seltsam," erwiderte Zillah, an welche die letzte Frage gerichtet war, „und doch — wenn man bedenkt, dass Du die ganze Zeit über Psalmen gelesen hast . . ." Anschel klopfte sich auf die Stirn und blickte Enoch an. „Ein Mädchen beschämt uns durch ihren Verstand," sagte er in fast feierlichem Tone. Enoch räusperte sich, bevor er antwortete; seine Stimme war so traumverloren, wie seine Augen, „Ihnen mag das als ein noch grösseres Wunder erscheinen," sagte er, „mir kommt es ganz natürlich vor; wenn Gott etwas erschaffen hat. was äusserlich so vollkommen ist, warum sollte er auf halbem Wege stehen bleiben und es nicht auch innerlich vollendet gestalten?" Eine kurze Stille folgte seinen Worten, dann liess sich die Kranke vernehmen. „Zillah, möchtest Du Salka jetzt sagen, dass sie uns etwas zu essen bringe?" (Fortsetzung folgt.) Spenden. Für die rumänischen Juden: (Fortsetzung.) Für die rumänischen Juden, anstatt Telegramm nach London, gesammelt am 13. August zu Salzbrunn: AdoL Spira, Krakau Mk. —.50, Josef Klausner, Bochnia —.50, Lazar Ecker, Brody —.50. Salo Burstyn, Brody —.50, Max Baumann, Lemberg —.50, Michal Berger. . Krakau —.50, M. Gerson, Posen 1.— , Hermann Hornung, Lemberg —.50, Moses Rakower, Krakau —.50, Aron Safier, Tarnow 1.—, Selmar Hecht, Berlin 1.—, J. M. Spiegel, Lodz 1.—, Jakob Plawner, Czenstochau —.50, S- Brzesko, Kolo —.50, Alesander Bernstein, Salzbrunn 1.—, Abraham Halpern, Warschau 1.—, S. Preuss, Zwickau 1.—, Rubii. Buchstab, Lemberg 1.—. Zusammen Mk. 13.— K 15, Gesammelt von Dr. Kokesch K 25.40, Gesammelt von Dr.' Kornfeld K 3S.01, Gesammelt von Isak Steiner K 36.— , Gesammelt von Jac. Oezeret K 8.70. — Bei der Administration der „Welt" eingelangt: Gallia Norbert, Ung. - Hradisch Kl.—. Tischgesellschaft Haselbach K 2.90, Pfaidler Abrah, Tarnopol K 3.—. Für zionistische Zwecke: Kaplan E. durch Dr. Tschlenow in Moskau K 144.—, Bannet in Rossland (Canada) K 24.—, Gründungsfest jüd. Akademiker, Kremsier K 90.—. Zusammen K 258.—. An das Congress-Bureau eingesandt: Jonas Wölpe, Frankfurt a. M. Mk. 52.—. Briefkasten. Festversammlung „Zionah", Grodno. Herzlichsten Dank. J. G., Frankfurt. Anonyme Zuschriften können wir nicht berücksichtigen. S. M. (Congresskinder.) Leider nicht verwendbar. J. Ft., Bialystok. Ueberholt. M. B., Lissa i. P. In einer Correspondenz unseres Blattes aus Paris wird der Vorfall besprochen; ausführlicher möchten wir darauf nicht eingehen. T. M.. Bad Gastein. Ad. 1. Den Bericht hierüber finden Sie in Nr. 36 und 37. Ad 2. Wurde von den Congressberichten verdrängt

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