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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Wenn der Kelch voll ist
Date
1900-09-21
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 „Die & Welt" Seite 13 In der ersten Zeit pflegten sie sich gegenseitig zu besuchen. Das gieng aber ein. weil Hagenow aufgehört hatte, sich zu revanchieren, Hagenow hatte bereits flüstern hören, dass er sich mit „Juden liiere0. Eines Tages begegnete Cohn seinem Freunde miteinem anderen „Vandalen". Cohn blieb stehen. Die „Vandalen" giengen weiter. Wilhelm Cohn gieng mit einem sehr bitteren Gefühle nach Hause. Es fieng in ihm an etwas aufzudämmern. Aber der Kelch war noch nicht voll. Einmal machte Cohn mit der Tochter seiner Wirtin einen Abstecher nach einem Cafe. An einem Tische sassen einige «Vandalen", darunter Hagenow. Der sah ihn aber nicht. Die „Vandalen" fiengen an, über Juden zu sprechen. Dabei regnete es von Schlagern wie „Schweinebande". „Lumpenvolk" u. dgl. — Hagenow nickte nur. Mit glühenden Wangen verliess Cohn das Restaurant, angeglotzt von einem Dutzend höhnisch-hochmüthiger Blicke. Sie hatten gesiegt. Den ganzen Weg vermochte Cohn kaum ein Wort zu sprechen mit seiner „Poussage". Er war discreditiert. Er gieng in sein Zimmer hinauf und setzte sich ans offene Fenster. Eine bittere, ätzend bittere Wehmuth frass ihm am Herzen. Er hätte weinen mögen, heisse, glühende Thränen. Der Kelch war voll geworden. Wodurch hat er das alles verdient? Warum ihm diese Schmach, diese Qual? Was hat er gethan? War er minderwertiger als jene Hohlköpfe? Und sein Freund, der da sass und mit süsslichem Kopfnicken seine/ Schmach zusah . . . Das war sein Freund, den er so herzlich gern gehabt hätte . . . Und er begann, sich ihrer früheren Freundschaft zu erinnern und er fieng an, sich zu schämen — Er erinnerte sich einer langen Kette von Vernachlässigungen und Kränkungen, die er nicht bemerken gewollt, und seine Scham verwandelte sich in Wuth, in glühende Wuth gegen sich selbst . . . Warum ist er so niedrig gewesen? Warum hatte er sich so weggeworfen? Warum ist er ihm nachgekrochen wie ein Wurm, wie ein Hund? Warum, warum? . .. Er hätte sich das Haar ausraufen mögen, sich zerfleischen vor Wuth und Scham, sich — die niedrige hündische Creatur . . . Es war eine dunkle, kühle Nacht. Der Wind säuselte und trug den Hauch kühlender Wellen herüber. Der Wuthanfall liess nach. Wilhelm Cohn fieng es an, leichter und weicher ums Herz zu werden. Und als er nach einer Viertelstunde aufstani, glaubte er sein bisheriges Leben weit, weit entrückt zu sehen. Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Und diesmal ist es ein grösserer Festtag als sonst. Warum sprichst Du nicht aus, was Dir auf der Zunge schwebt? Aber ich war gerade so, als Anschel das erstemal kam. Wie ich mich daran erinnere! Ich sass in einer Ecke, gerade wie Du jetzt, mein Kind, nur that ich, als stopfte ich eifrig Strümpfe. Und die jüngeern Kinder — es waren ihrer viel mehr als Ihr hier seid — die jüngeren Kinder drängten sich, am anderen Ende des Zimmers zusammen und kicherten und flüsterten muthwillig miteinander, und Jekel, der älteste und unbändigste unter ihnen — nun liegt er seit vielen Jahren ruhig unter dem Rasen im fernen Kaukasus — jawohl, ich erinnere mich genau, dass es Jekel war, der plötzlich zu singen begann: .Jede Dirn' ein Schätzlein hat, nur ich allein hab' keins," wie es in dem alten Liede heissi Und dann brachen die anderen in Lachen aus, und ich sass da und zitterte vor Furcht und Verdruss, bis ich mir zum Schlüsse noch die Stopfnadel in den Daumen stach; da rannte ich zornig schluchzend aus dem Zimmer. Du siehst also, liebe Tochter, dass mir diese Dinge nicht fremd sind, und brauchtest Deine Gefühle nicht so eifersüchtig zu verbergen." Zillah krümmte sich, als wäre der Sessel, auf dem sie sass, eine Folterbank. Aber sie bezwang sich und wendete sich liebevoll zu ihrer Mutter um — zu der armen, ahnungslosen Mutter, die das Glück so gesprächig machte." «Glaubst Du, dass ich Dir etwas vorenthalten könnte?" lächelte sie. „Wenn ich so fühlte, wie Du denkst, würde ich es mir überlegen, es Dir zu zeigen?" „Ah, Du fühlst also nicht so?" lautete die Gegenfrage, die Traurigkeit und Enttäuschung verrieth. „Wie könnte ich? Du wirst mich doch nicht tadeln, Mutter, dass ich mein Herz gewähren lasse, bevor ich weiss, dass ich ihm ohne Gefahr freien Lauf lassen kann. Oder möchtest Du, dass ich antreibe?" „Du bist anders, Zillah — so ganz anders, als ich war. Ich liebte meinen Mann, bevor ich ihn gesehen hatte, denn indem ich ihn liebte, gehorchte ich nur dem Gebote, das uns befiehlt, unsere Eltern zu ehren. Nun, was sein soll, wird sein. Wie heisst es doch? „Aufgeschobene Freude ist doppelte Freude." Zillah sah sie mit demselben Lächeln an wie vorhin; sie konnte es nicht unterdrücken : es war wie festgefroren in ihrem Gesichte. Und das war erst der Anfang: und es gab kein Entrinnen aus dieser Qual — bis zu jener äussersten Pein, gegen welche die Gegenwart sich verhielt, wie ein Rosengarten zu einem Dornenbett. Und dabei sollte sie immer ein Lächeln zur Schau tragen — ein „Willkommen" über dem Eingange zu einem Beinhause — und ihre Lieben würden davor stehen und Freudengesänge anstimmen und nicht wissen, dass sie die letzten Reste ihrer Gefühle wieder ins Leben riefen, nur um sie von neuem sich in Qualen winden zu lassen. Ihre Lippen machten eine verzweifelte Anstrengung, zu antworten, aber die Mühe wurde ihr erspart. Die Kranke richtete sich plötzlich auf — ihr vom langen Leiden geschärftes Ohr hatte das Kreischen des herannahenden Eisenbahnzuges vernommen. „In zehn Minuten werden sie hier sein," sagte sie schnell. „Zillah, rasch, stelle die Sessel gerade — der Lampenschirm ist etwas schief. Wenn nur meine Füsse stark genug wären, mich bis zur Thür zu tragen, dass ich ihn gleich beim Eintreten begrüssen könnte," seufzte sie, „aber so Gott will, werde ich bei Deiner Hochzeit tanzen, Zillah, flink, wie ich bei meiner eigenen mit dem Vater den Kosakentanz tanzte — und Du und Salka, Ihr werdet zusehen t»pd in die Hände klatschen. Wie ich mich erinnere --" Und sie schweifte zurück in die ferne Vergangenheit und erzählte all die wohlbekannten Einzelheiten, denen ihre Kinder immer wieder mit Entzücken lauschten. Nun aber drangen sie an Zillahs betäubte Sinne wie das Murmeln eines weit entfernten Baches. Wenn sie nur immerfort in demselben Zustand verharren könnte — nichts hören, nichts fühlen, nichts wissen. Nein, sie wird bald wieder zu sich kommen müssen. Wie, so bald? Konnten sie ihr nicht eine kurze, ach, nur eine ganz kurze Frist gewähren? Unten auf der Strasse hörte man rasche Männerschritte — es waren zwei Männer, nun machten sie an der Thüre Halt, und im nächsten Augenblick ertönte wie im Triumphe Salkas Freudenruf: „Vater!" Zillah erhob sich gefasst, mit ruhigem Blick. War sie ein Kind? Sollte sie sich durch diesen Fremden von

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