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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Ein ungarisches Zionslied
Date
1900-09-21
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 „Die j$ Welt« Nr. 38 Feu i 11 Ein ungarisches Zionslied. Von Dr. J. Rönai (Baläzsfalva). Als ungarischer Jude kann ich der Verlockung nicht widerstehen, über ein aus dem 18. Jahrhundert stammendes, noch heutzutage in fast allen kernmagyarischen Gegenden des Alföld1) bei Hochzeiten gesungenes Zionslied zu berichten. Zeitweilig bricht aus den Spalten unseres giftigsten Widersachers, des Budapester Wochenblattes „Egyenlöseg", ein heisser Lavastrom der jüdischen Volksseele hervor, der, die Nebel der assimilatorischen Verwirrung zerreissend, in dem Beobachter freudiges Erstaunen weckt. Diesem erwähnten Blatte entnehmen wir folgende Daten, deren Spuren zu einer sonnigen Legende zurückführen. Um die Zeit von 1500, in den blutigen Tagen der Inquisition, flüchteten aus Spanien vor dem Scheiterhaufen zwei Brüder: Jecheskiel und Isak. Nach langem Umherirren geriethen sie nach Ungarn und siedelten sieb, in Szerencs (Comitat Zemplen) an. Der Linie Isaks entspross gegen Ende des 18. Jahrhunderts der be r.ühmte Rabbi Eisik von Nagykällö, der Autor des ungarischen Zionsliedes. Dieser Rabbi pflegte auf freiem Felde zu lustwandeln. Da hörte er einmal wehmüthige Laute einer kleinen Hirtenflöte. Es schien ihm, als hätte er die Weise schon einmal gehört; nur konnte er sich nicht entsinnen, wann und wo. Ein unwiderstehlicher Trieb sagte ihm: .Erlerne dieses Lied, denn es ist Gottes Wille." Den Spuren der Töne folgend, traf er einen unbekannten Hirten, der die Flöte blies. „Lehre mich diese Melodie!" sprach zu ihm der Rabbi, „Du wirst es nicht bereuen." Der Hirte blies die Melodie noch einmal. Der Rabbi erlernte sie sofort und gab ihm dafür Geld zum Lohne. Wie die Legende berichtet, konnte der Hirte von jenem Momente an das Lied nicht mehr blasen und war tags darauf von jener Gegend verschwunden, niemand wusste, wohin. Zu dieser Melodie schrieb später Rabbi Eisik den ungarischen Text. Pilger kamen zu ihm von weit und breit und jeder erhielt von ihm zum Andenken die ungarische Melodie. Wie man der genannten Wochenschrift mittheilte, soll selbst in Italien und Jerusalem bei Hochzeiten und anderen jüdischen Festgelagen das Lied des Rabbi Eisik gesungen werden. Der Originaltext des Liedes lautet: Szöl a kakas mär, Majd megvirrad mär, Ha az Isten neked rendelt, Tied leszek mär. Zöld erdöben, zöld mezöben Setäl egy madär. Micsoda madär, miesoda madär? Arany szäja, arany läba . . . Engem odavär. Szöl a kakas mär, Majd megvirrad mär, „Jiboneh hamikdosch, ir Zion temale," Mikor lesz az mär? „Weschom noschir schirchodosch uwir'nonoh naaleh," Lleje volna mär! Hier eine deutsche Uebersetzung des originellen Volksliedes: Horch, der Hahn ruft schon, Bald graut der Morgen sfehon, Wenn mich Gott für Dich bestimmt hat, Werd' ich die Deine schon. Im grünen Wald, im grünen Felde Vogel hüpft umher. Was das für Vogel war', was das für Vogel war'? — Golden sein Mäulchen, golden sein Beinchen .. . Mich erwartet er. Horch, der Hahn ruft schon, Bald graut der Morgen schon, Erbau den Tempel, Stadt Zion lass' b 1 üh'n,1*2) Wann erfüllt sich das schon? „Dort singen wirHymnen, zieh'n jubelnd d a h i n,"*) Zeit wär's wahrlich schon! eton. vm* Eigentlich ist dies ein „kindisch naives, recht einfältiges Liebesliedchen", das von jüdischen Frauen und Mädchen gesungen wird. Wenn aber bei Hochzeiten „nach Mitternacht", wo die Jugend sich zum Tanze anschickt, der feurige Wein von Erraellek den alten Frommen und Gelehrten die Zunge löst, dann rücken diese näher zusammen und sie, die sonst nur Psalmen zu singen pflegen, holen aus dem tiefsten Abgrund ihrer sonst verschlossenen Seele die ergreifendsten Töne und stimmen das obige Lied an. Wie „Egyenlöseg" mit Recht bemerkt, ist es bei solchen Gelegenheiten kein einfältig erotisches Lied mehr, sondern ein allegorisches, von ausgesprochen zionistischer Tendenz. Nun wage es noch jemand zu leugnen, dass in dem Busen des ungarischen Judenthums von jeher wahre, innige Zionssehnsucht verborgen liegt. Wenn früher oder später der Gottesfunke in die stillglimmenden Seelen fällt, dann wird es auch in Ungarn wohlthätig leuchtend und wärmend aufflammen — dann wird nicht nur All-Israel uns zujubeln, auch unsere christlichen Mitbürg er werden mit altungarischer Ritterlichkeit, die Manche dermalen zu verdunkeln suchen, uns aufmunternd und helfend zustimmen. Unseren ungarischen Gesinnungsgenossen möge es empfohlen sein, sich Text und Melodie dieses echten ungarischen Zionsliedes zu verschaffen und zu verbreiten. Wenn der Kelch voll ist. Eine Erinnerung. Von* Josef Stutzin. Wilhelm Cohn — achtzehnjährig, schlank, schwarzäugig, schwarzhaarig, gelblich-dunkler Teint und mit einer, Avie ein Horn nach unten zu aufsteigenden Nase — und Otto Gaspar von Hagenow — siebzehnjährig, blond, blaue Augen, weisser Teint und regelmässige Züge, — waren Freunde. Die Freundschaft datierte seit Untersecunda, als man die deutschen Aufsätze ernster zu nehmen anfieng, und Professor Braun behauptete ab und zu lächelnd, dass Hagenow von der Cohn'schen „Poesie" „total inficiert" sei. Beide waren sie vaterlos. Hagenows Mutter behandelte Cohn sehr freundlich. Cohns Mutter überschüttete Hagenow mit Aufmerksamkeiten. Sie kamen fast täglich zueinander. Zur Abendgesellschaft jedoch, die Hagenows Geburtstag folgte, pflegte Cohn nicht eingeladen zu werden. Cohn wurde dann regelmässig krank und gieng einen Tag vorher und einen Tag nachher nicht in die Schule. Mit dieser Manipulation — über die einst einmal Sohn und Mutter zu sprechen wagten — hatte Cohn sein Prestige bei den Juden gerettet Bei den Juden der kleinen grossherzoglichen Residenz galt nämlich Cohns Familie als die „erste", weil sie fast nur „christlichen Verkehr" hatte. Cohn und Hagenow machten zusammen das Abiturium und zogen nach Heidelberg um Jura zu studieren. Hagenow trat in das „Vandalen"-Corps, und Cohn blieb Finke. Cohn begann mit allerlei socialen Problemen sich zu befassen, und Hagenow bekam Schmisse ins Gesicht. Wenn beide Freunde sich einmal auf der Strasse trafen, begrüsste Cohn seinen Freund mit übersprudelnder Liebenswürdigkeit (darin mischte sich auch ein Gefühl geschmeichelten Stolzes, namentlich, wenn er glaubte, dass jemand ihn so mit dem schneidigen „Vandalen" zusammensah). Auf Hagenows Gesicht hätte man aber eine sehr gezwungene Freundlichkeit lesen können. *) Der ungarischen Tiefebene. 2) Aus den Tafelgesängen (Z'miröth), die in frommen jüdischen Häusern bei den Sabbathmahlzeiten angestimmt werden.

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