Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Czernowitz
Date
1900-09-21
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315850-3315890--21885-3372654
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 „Die 2& Welt- Nr. 38 dass ein gewisser Markus Pinkowsky, der sich hier in unsere Gesellschaft in betrügerischer Absicht eingeschlichen hatte und in der vorigen Woche Czernowitz verliess, unsere Couleur tragend, in unserem Namen Collecten machte. Wir erklären hiermit, dass Markus Pinkowsky mit dieser Mission von uns gar nicht betraut wurde, sondern unsere Couleur entwendet hat, um sie als Mittel zu seinem Zwecke zu gebrauchen. Für den Präses der jüd.-nat. akad. Verbindung ,Zephirah": cand. phil. Josef T ennenhäuser. Gurahumora. (Ein humaner Geistlicher.) In unserem Städtchen bildet die hochherzige That des beliebten rumänischen Geistlichen Dimitru Braileanu das Tagesgespräch. Behufs Ausheiratung eines hiesigen armen jüdischen Waisenmädchens veranstaltete der genannte Priester unter den Einwohnern eine Collecte, welche ein ansehnliches Sümmchen ergab. Seine Gemahlin, von denselben edlen Intentionen beseelt, hat aus Eigenem Bettzeug, Küchengeräthe und andere Einrichtungsgegenstände in munificenter Weise beigesteuert. Ungar.-Brod. Am 2. September 1. J. wurde von der Vereinigung jüdisch-zionistischer Akademiker „Achiwah" aus Ung.-Hradisch in der Nachbargemeide Ung.-Brod ein Agitations-Commers zugunsten der rumänischen Auswanderer veranstaltet, der nicht nur zu den gelungensten Veranstaltungen gehörte, sondern sich auch zu einer glanzvollen Manifestation für den Zionismus gestaltete. Es ist berechtigte Hoffnung vorhanden, dass durch diese Agitationsfahrt in dieser Gemeinde, welche bekanntlich zu den ältesten und grössten Mährens gehört, der zionistische Gedanke feste Wurzel gefasst hat und immer weitere Kreise der Stadt erobern wird. Ein äusserst zahlreiches und zugleich dankbares Publicum hatte sich lange vor Beginn des Commerses eingefunden. Nach der Begrüssung desselben durch den Präses M. U. C. Moritz Schmitz, erhielt jur. Fritz Winter das Wort zur Festrede. Seine trefflichen Ausführungen wurden wiederholt von Beifallskundgebungen unterbrochen. Die Tendenzrede hielt jur. Berthold Singer. Das Bild „einiger Tausend von den lebenden, leidenden, blutenden Zeugen des Zionismus", das Bild der „Judennoth, die vor nicht langer Zeit durch die Strassen der Residenz schritt", entrollte der Redner sehr wirkungsvoll, und erbrachte an demselben den Beweis für die Notwendigkeit des Zionismus. Nun wurde Antizion stutzig, und kaum hatte der Applaus geendet, da meldete sieh der Bürgermeister der politischen Judengemeinde, Herr Leopold S c hö n zum Worte. Seine Ausführungen waren voll des Lobes für diese erste Veranstaltung und in Begeisterung endete sein Bekenntnis, mit dem er seiner und der Gemeinde 'Sympathien für den jüdisch-nationalen Gedanken und den Zionismus bekundete. Hernach ergriff der Obmann des Ung.-Hradischer Vereines „Zion", Herr Jacob Weis sm ann, das Wort und forderte zu fester Organisation im Sinne des zionistischen Programmes auf. Techn. Wilhelm Winter beleuchtete die Zustände in den einzelnen jüdischen Gemeindevertretungen Süd-Ostmährens und forderte die Ung.-Broder Gemeinde als grösste und tonangebende Cultusgemeinde in dieser Gegend auf, mit gutem Beispiele voranzugehen und für den Zionismus einzutreten. Endlich toastierten jur. Max Körner auf Dr. Herzl, jur. Siegf. Klein in humorvollster Weise auf die Damen. Frl. Valerie Weinstein machte sich besonders um das Gelingen des Abends verdient, indem sie das Lied „Dort, wo die Ceder" in vortrefflicher Weise zum Vortrage brachte. Vertreten waren die akamischen Verbindungen „Ivria", Wien, „Unitas", Wien, „Veritas", Brünn und „Geulah", Olmütz. Berlin. Die conservative „Deutsche Tageszeitung" bespricht die Haltung der antisemitischen Partei in Deutschland und bestreitet, dass darunter die antisemitische Bewegung leiden werde. Der „gesunde antisemitische Gedanke" sei so weit verbreitet, so tief eingewurzelt, so mächtig erstarkt, dass Parteispaltungen ihn nicht mehr schwächen können. Das deutsche Volk — so führt das genannte Blatt weiter aus — ist ein christliches Volk, eine Nation. Das Deutsche Reich und die deutschen Staaten sind völkische Gebilde und beruhen auf christlichen Grundlagen. Sonach muss Deutschthum und Christenthum bestimmend sein in der Verwaltung und Gesetzgebung. Das deutsche christliche Volk soll Herr sein in seinem Hause. Den jüdischen Bewohnern soll das Gastrecht unverkümmert bleiben; — aber auch nur das Gastrecht. Unsere Kinder müssen in christlichem, deutschem Sinne erzogen werden. Deshalb müssen wir christliche Schulen haben. JüdischeLehrer in christlichen Schulen sind ein Unding. Deshalb ist reinliche Scheidung zu fordern. Christliche Schulen für christliche Kinder und, wenn es möglich ist, Judenschulen für Judenkinder! Das sei eine durchaus gerechte Forderung. Dass in der Staatsverwaltung Juden niemals Vertreter des deutschen Königthums von Gottes Gnaden sein können, hat schon Bismarck ausgesprochen. Das würde dem Wesen unseres Staates widersprechen. Die Beamtenlaufbahn muss den Juden verschlossen bleiben oder verschlossen werden. Unser Recht ist deutsch und christlich. Jüdische Richter sollten undenkbar sein. Ist das nicht durchzuführen, so darf es wenigstens niemals vorkommen, dass ein Jude als Einzelrichter seines Amtes walte. Das zu verlangen, sei das gute Recht des deutschen christlichen Volkes. Die Rechtsanwaltschaft soll den Juden nicht verschlossen werden; aber es ist recht und billig, dass die Zahl der zur Rechtsanwaltschaft zugelassenen Juden ihrem Percentsatze in der Bevölkerung entspreche. D*as sind alles Forderungen, die vom Standpunkte des deutschen christlichen Volkes erhoben, verfochten und durchgeführt werden müssen. — Dieser Antisemitismus ist nicht todt, kann auch niemals getödtet werden. Wenn die Zeit kommen sollte, wo ein christlicher Mann mit voller Seelenruhe vor einem Juden schwören, wo ein deutscher christlicher Vater sein Kind ohne Gewissensbedenken einem jüdischen Lehrer anvertrauen würde: so würde das eine Zeit nationalen Niederganges und religiöser Erstarrung sein. Eiue solche Zeit darf nicht kommen. Danzig. Am 24. August d. J. verhandelte die Strafkammer über die antisemitischen Krawalle, die in B e r e n t am 12. und 13. Juni stattfanden. Es waren dreizehn Personen angeklagt und dreiundvierzig Zeugen geladen. Neun Angeklagte wurden zu Gefängnis-, bezw. Geldstrafen verurtheilt, vier freigesprochen. Memel. (Ausweisung russischer Juden.) Wie die „Tils. Allg. Ztg." mittheilt, ist sämmtlichen in Tilsit sich aufhaltenden r u s s i s c h-j üdischen Holzhändlern polizeilich eröffnet worden, dass sie ihre Ausweisung zu erwarten hätten, wenn sie nicht durch Bescheinigungen deutscher Holzhändler oder Sehneidemühlen-Besitzer nachweisen könnten, dass ihre Anwesenheit dem^ Holzhandel vonnutzeu sei. Paris. (Nichts gelernt und nichts vergessen.) Von der Unverbesserlichkeit und unglaublichen Verblendung unserer Herren Assimilanten legt die nachfolgende Meldung hiesiger jüdischer Blätter beredtes Zeugnis ab: „L'Union liberale israelite" heisst die Vereinigung, welche vor kurzer Zeit ihr Programm, ihre „Propositions de reformes" an die jüdischen Gemeindemitglieder in Paris versandt hat Die Punkte des Programme^ beziehen sich zunächst auf Cultuseinrichtungen und Religionsunterricht. Es wird gefordert, die Bitten um die Rückkehr nach Palästina und Wiedereinsetzung der jüdischen Verfassung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.