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Die Welt · 1900-09-21 · 38 (21.9.1900) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
38 (21.9.1900)
Article
Jüdische Dienstboten
Date
1900-09-21
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 ,Die x£ Welt'- Seite 3 Spottes ihrer christlichen, der Verachtung ihrer reicheren jüdischen Mitschülerinnen — sofern nicht die eine oder andere, bei aller Armut zu den Besten der Schule gehört. Die schwächer Begabte oder so äusserst Arme, dass sie den Schulbesuch nicht lange ermöglichen kann (die kleinen Städtchen haben überhaupt nur 3—4 Classen), verlässt nach Beendigung der vierten Classe die Schule — durchschnittlich im Alter von 11 — VI Jahren. Es muss auch eingestanden werden, dass viele gar keinen Schulunterricht gemessen. In diesem Alter schon drängt sie die Noth aus dem Elternhaase in einen Dienst. Sie wird Kindermädchen. Bei welchen Familien und Hausfrauen? Kann ich wieder nur andeuten: Sie verlässt nach '■1—3 Jahren diese Stellung — schon ganz in Schmutz und Unordnung versunken; sie hat das bischen Lesen und Schreiben, das sie bei einem eventuellen Schulbesuche erlernt, meist bereits wieder verlernt, dafür aber das Schimpf- und Scheltregister, das ihr im Elternhause bereits geläufig war, in der Zwischenzeit reichlich vermehrt; sie ist bei dem beständigen Herumtragen oder Wiegen des Kindes, dessen Hüterin sie war, schwerfällig, faul, arbeitsscheu geworden: sie weiss noch immer nicht, wie man zu besseren Leuten, in eine ordentliche Stube tritt, wie man eine Thüre auf- und zumachen soll, wie man einem Menschen guten Tag sagt. Dagegen zeigt sich häufig — besonders in den grösseren Städten — und je nach der Umgebung in dieser Periode ihres jungen Lebens und der Nähe grundverdorbener, christlicher Dienstboten — bereits ein Ansatz zur Frechheit und Liederlichkeit, welcher jeden Beobachter mit Schmerz erfüllen muss, der da weiss, dass solches der Jüdin nun und nimmer angeboren, sondern von den äusseren Umständen — wie das Unkraut auf dem guten, aber verwahrlosten Boden — hervorgerufen wird. Nachdem das Mädchen so 15—16 Jahre alt geworden, passt es ihr nicht mehr recht, „Kindermädchen" zu heissen, auch ist der Lohn zu gering. Sie geizt darnach, ein richtiges Dienstmädchen, womöglich eine Köchin zu werden. Sie wird auch thatsächlich das eine oder andere, aber — „fragt mich nur nicht, wie" sie es ist. Jede nichtgalizische Familie würde die Zumuthung, ein solches Dienstmädchen in ihr Haus zu nehmen, entschieden und mit Recht ablehnen. Ich glaube auch, nicht, dass die Dienstbotenschule hier noch verbessernd und helfend eingreifen könnte. Das schöne Material ist meist total verdorben. Dass es ursprünglich in den häufigsten Fällen gut ist, beweist der Umstand, dass die Wenigen, die das Glück hatten, in eine für ihre Entwicklung günstigere Umgebung zu gelangen, geradezu unschätzbare Stützen des Haushaltes werden. Wie wäre diesem ersten Uebel abzuhelfen? Wie könnte man die erste Vorbereitung und Vorbildung für den späteren dienstlichen Beruf den armen und ärmsten jüdischen Mädchen des Ostens angedeihen lassen? Nach meiner Kenntnis der Sachlage und auch meiner Empfindung nach, gäbe es nur einen Weg, nur ein Mittel, das in seiner Art und Weise zwar ein wenig an „Wohlthätigkeit* erinnert, aber nicht etwa an jene organisierte, schauderhafte Vereinswohlthätigkeit, auch nicht an die berühmte, stets an der grossen Glocke hängende ..jüdische Wohlthätigkeit" grossen Stiles, sondern an die echt jüdisch-patriarchalische Wohlthätigkeit früherer Zeiten : die Wohlthätigkeit von Mensch zu Mensch, im Stillen. Ich denke es mir so: In jeder Stadt Galiziens und Russlands, besonders des ersteren Landes, wo die Juden sich leichter die deutsehe Sprache aneignen können, sollen besser situierte jüdische Hausfrauen, je grösser ihre Zahl, desto besser, unter den die Schule verlassenden jüdischen Mädchen die kräftigsten und ältesten wählen, und jede Familie ein solch armes Kind zu sich in den Haushalt nehmen, sagen wir für die Dauer von zwei Jahren. Von Bezahlung ist keine Rede. Aber die bessere Kost und eine saubere, der Jahreszeit entsprechende, wenn auch noch so bescheidene, vielleicht von den Kindern des Hauses abgelegte Kleidung, wären des Lohnes genüg für diesen kleinen, bescheidenen Schützling. Und die Hausfrau käme dabei auch auf ihre Rechnung. Denn zum Verhätscheln und Verschonen nähme sie ja das Mädchen nicht. Dieses würde also, wenn auch anfangs nur leichteste häusliche Verrichtungen, als: gründlich Staubwischen, die Möbel und Nippsachen zusammenstellen, die Kleinen waschen und anziehen, leichte, in der Schule erlernte Handarbeiten, wie kleine Stickereien, Strümpfe stricken und stopfen u. dgl. übernehmen können, aber stufenweise auch eompliciertere Dienste, als : feines Servieren, Bedienen der Gäste bei Besuch im Hause, Aushilfe in der Küche u. s. w., zur Zufriedenheit der Hausfrau leisten. Ueberhaupt Jässt sich ja gar nicht im voraus bestimmen, in welchem Masse sich so ein Kind nützlich machen kann, kommt es doch hier, wie in jeder anderen Beziehung, auf die natürlichen Anlagen, die angeborene Cieschicklichkeit und Auff'assungskmft an. Doch auch bei einem bescheidenen Masse dieser Gaben, würde die gütige Hausfrau viel Freude. Genugthuung und Nutzen haben. Die Wohlthaten aber, die aus einem solchen, edler Nächstenliebe und wahrhaft jüdischem Erbarmen entspriessenden Verhältnisse für ein armes, heranwachsendes Judenniädchen des Ostens erstehen könnten, hissen sich gar nicht genügend würdigen, sie sind einfach unschätzbar. Der, wenn auch in gebürenden Schranken gehaltene Verkehr mit gebildeten, wohlerzogenen Menschen, die wohlwollenden Belehrungen und auch manchmal Zurechtweisungen der Hausfrau aus besserem Stande, die reinere, edlere Atmosphäre des jüdischen bürgerlichen Heims, müssen bildend, fördernd, veredelnd auf Sinn und Gemüth des jungen Mädchens wirken. Und welch eine schöne Aufgabe für erwachsene Töchter des Hauses, den kleinen Lehrling unier ihren besonderen Schutz zu nehmen! Seinen Geist, von der Stuf.», wo ihn die Volksschule gelassen, ein wenig höher emporzuleiten. Das Dienstmädchen wird ja nicht immer Dienstmädchen bleiben. Auch sie soll einst. Gattin, Hausfrau, Mutter sein. Und sie wird dann mit innigem Dankgefühle dieser Lehrjahre gedenken. Nach Ablauf solcher zwei, für das ganze fernere Leben des Mädchens bedeutungsvollen Jahre, mag sie dann erst, ausgerüstet mit allen Vorkenntnissen und mit so manch Wertvollem, das ihr die denkbar vollkommenste Dienstbotenschule niemals «eben wird, eine solche besuchen, um sich in dem rein Praktischen ihres Berufes weiter auszubilden. Im Anschlüsse daran wäre es wünschenswert und das grosse Werk angemessen ergänzend, wenn in jeder Grossstadt des Westens eine Gruppe jüdischer Damen zwanglos, ohne jeden Vereinsapparat zusammenträte, um sich der so ausgebildeten, jüdischen Dienstboten anzunehmen und sie bei durchaus achtbaren Familien unterzubringen. Ich bin selbstverständlich weit entfernt, meiner Meinung in der hier besprochenen, so wichtigen Frage irgendwelche autoritative Bedeutung beizumessen, würde mich aber unendlich freuen, von manchen Seiten wenigstens Zustimmung zu erhalten, umsomehr, als eine Zustimmung so viel wie ein Eingehen auf meinen Plan, also auch eine Inangriffnahme desselben bedeuten würde. Ich zweifle auch keinen Augenblick, wie selbstgefällig es auch klingen mag. dass zionistisch gesinnte Frauen es zuerst sein werden, die das Werk beginnen. Und dieser Gedanke erfüllt mich mit Stolz. Eine französische Zeitung über die Lage der Juden in Rumänien. Der „Sii'cle" vom 7. September veröffentlicht folgenden Bericht seines Special-Correspondenten : Galatz, den k September. Das Elend in dieser Stadt ist noch immer herzzerreissend und die Lasten der jüdischen Gemeinde werden alle Tage drückender. Glücklicherweise finden sich hier einige aufopferungsvolle Männer, die ihr Bestes thun, um die Leiden der Armen zu mildern. Sie eröffneten eine Volksküche, um die vielen hunderte von Hungernden, die nicht einmal ein Stück Brot haben, zu speisen. Dieses Institut, das gut geleitet wird, erweist die grössten Dienste. Ich habe es natürlich besucht und bin ncch unter dem schmerzlichen Eindrucke dieser in Lumpen gehüllten Menge, die nur ihre Freude am Leben kundgibt, wenn einmal ihr Magen befriedigt ist. Bei meiner Ankunft drängen sich gerade mehr als :20O Personen zur Thür, und nur mit Mühe kann ich mir einen Weg zwischen diesen jämmerlichen Fetzen und noch jämmerlicheren Körpern bahnen. In diesem Saale sitzen gegen .50 der Hungerleidenden an den Tischen, gebeugt über ihre Näpfe, und verschlingen die Brotkrumen und schlecken

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