Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Tarnopol [Nachricht]
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 ,Die x£ Welt" Seite 11 Abiturient des Karlsbader Gymnasiums Herr stud. Ernst Stein die Versammelten in einer schwungvollen Rede begrüsst hatte, wurde der Commers durch Absingung des ,,G audeamus" eröffnet. Sodann hielt Herr MUC. Hugo Stransky vom Verein „Bar Kochba" eine zündende Tendenzrede, die mit begeistertem Applaus belohnt wurde. Ebenso reichen Beifall ernteten auch Herr Obercantor Tiger und sein Frl. Tochter Tür ihre trefflichen Liedervorträge und Herr stud. jur. Emil Gütig für seine ausgezeichnete Festrede. Unter stürmischem Applaus wurde hierauf das Bundeslied der akad. Verbindung ,,L i b a n o n i a" angestimmt. Die begeisterten Beifallskundgebungen erneuerten sich, als Herr stud. jur. Max Fleischer von der „Libanonia" aus der anlässlich des Commerses herausgegebenen Festschrift einen Brief des Prof. Dr. M a n d e 1 s t a m m (Kiew) und den Beitrag der Verbindung „Libanonia" vorlas. Unter den zahlreichen Toasten heben wir besonders den auf die jüdische Jugend hervor, den der stürmisch accla-. mierte Rabbiner in Karlsbad, Herr Dr. Ziegler, ausbrachte. Nach Verlesung der Begrüssungsschreiben und Telegramme wurde der officielle Theil der überaus gelungenen Feier geschlossen. Die anlässlich des Commerses herausgegebene Festschrift „J u d e n f r ü h 1 i n g". hat folgenden Inhalt: Geleitwort der Herausgeber. — Prof. Dr. Max Mandelstamm (Kiew): Meine lieben Gesinnungsgenossen 1 — Heinrich Grünau (Paris): An die Jugend. — Berthold Feiwel (Brünn): Modernes Judenthum. — Theodor Z 1 o c i s t i (Berlin): Apostata?! — Theodor H e r z 1 (Wien; : Die Menorah. — Max Ära m (Berlin): Ethischer Umschwung. — Otto A b e 1 e s (Brünn): Dornenkronen. — Max Fleischer (Komotau): Zion. — Dr. I. R ü 1 f (Bonn): Zionshoffnung. — Dr. Ad. Kur rein (Teplitz): Die hebräische Sprache als Erziehungs- und Bildungsmittel. — Ignaz Kohn (Wien): Flügellahm. — Hugo Z u c k e r in a n n (Prag): Ich hab' ein Ziel; Sichron Jakob. — Rudolf Klein (Komotau): Der Erlöser. — Max Fleischer (Komotauj: Das Judenweib; Sein Sohn. — Adolf Donath (Wien; : An die Juden! Tarnopol. Zugunsten der rumänischen Juden veranstaltete der Verein „Ahawath Zion" im Sokol-Saale eine jüdische Theatervorstellung, die einen Reinertrag von fl. loo ergab. Pressburg. (Todeslall.) Der Präsident der hiesigen orthodoxen Cultusgemeinde Joel W o 1 f ist am i). d. M. im Alter von Sü2 Jahren gestorben. Während seiner zwanzigjährigen Amtsthätigkeit hat der Verblichene auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit Hervorragendes geleistet. Schon bei Lebzeiten hat er sich durch Gründung und Erhaltung eines Altersversorgungshauses ein Andenken gesichert, und dem Vernehmen nach hat er auch sehr bedeutende Beträge für philanthropische Zwecke testiert. B. ^eitecbFifteijFuodscbau. Die Berechtigung des Zionismus. Unter diesem Titel bringt die „Ungarische Wochenschrift" in ihrer Nr. 21 vom 7. d. M. einen glänzenden Artikel aus der Feder des Rabbiners Dr. M. Rosen stein in N agy-K i kin d a. Herr Rabbiner Dr. Rosenstein legt hier zum erstenmale sein zionistisches Glaubensbekenntnis ab, und er thut dies mit einem freudigen Elan, der uns hoffen lässt, dass der zionistische Gedanke in der Person des Herrn Dr. Rosenstein nicht bloss einen treuen Anhänger, sondern auch einen thatkräfligen Propagator gefunden hat, wie er gerade in Ungarn sehr noththur. Wir geben hier einen Theil der Ausführungen des geschätzten Artikelschreibers im Wortlaute wieder. Rabbiner Dr. Rosenstein spricht von den Gegnern des Zionismus und sagt: „Die Finanzbarone geriethen in nicht gelinde Verwirrung: sie griffen rasch zu ihren Taschen, um diese zu verschliessen! Ein beträchtlicher Theil der wohlbestallten und reichdotierten „Glaubenswächter*, wohl bangend um die Existenz . .. wies jede Gemeinschaft mit dem Zionismus in einem mit gewundenen und gezierten Tiraden reichlich ausgestatteten Protest weit von sich. Und zuletzt kamen gewisse Dichterlinge und Scribenten, die Wettermacher am Himmel des Judenthums, die berufs- und geschäftsmässigen Fabrikanten der jüdischen öffentlichen Meinung und faselten von der Undurchführbarkeit der Idee, von der Unzulänglichkeit der Kräfte, ergiengen sich in langathmigen, weitschweifigen Diatriben, dass ein Staat seit Menschengedenken auf diese Weise noch nicht gegründet worden sei; ergossen die volle Schale ihres schalen Witzes auf die Häupter des Zionismus, und zuletzt versuchten sie, jedem, der sich als Zionisi freimüthig bekannte, das Schandmal des Vaterlandsverräters auf die Stirne zu brennen. Doch all dies verfängt nichts. Die Fluten wässerigen Witzes werden die heisse Sehnsucht nach Zion, das Verlangen, das in dem jüdischen Herzen ob der Befreiung unserer geknechteten und gemarterten Glaubensbrüder glüht und lodert, nicht verlöschen. Die Finanzbarone mögen dessen eingedenk sein, dass sie mitunter nicht nur in der Börsehalle, sondern auch in ihrem Forum internum gewisse Differenzen auszugleichen haben, dass es noch eine höhere Behörde gibt, als das Börsen-Schiedsgericht: das inapellable Tribunal des jüdischen Gewissens. Und was das schwere Geschütz, die Anklage des Vaterlandesverrathes, betrifft, wird dieses keinen gesinnungstüchtigen Mann davon abhalten, in seiner Ueberzeugung auszuharren, denn der Anwurf construiert sich nicht aus eisernen, stahlfesten Thatsachen, sondern aus Hypokrisis und Tartüfferie zusammengeleimtem Papiermache.-' ,AV*enn die Gegner des Zionismus der Ansicht sind, dass etwa eine grossangelegte Colonisation in überseeischen Ländern ... oder in einem anderen, nicht palästinensischen Theile des ottomanischen Reiches eher zum Ziele führen würde, dann liegt ihnen die Pflicht ob, mit ihreu Propositionen hervorzutreten. Erweist es sich, dass ihre Vorschläge realisierbar sind, nun dann: Vogue la galere! Es muss jedoch zur Steuer der historischen Wahrheit festgenagelt werden, dass die Herren Antizionisten noch mit keiner einzigen, wahrhaft fruchtbaren Idee zur gründlichen Lösung der Judenfrage hervorgetreten, dass sie bisher den starren, kahlen Boden der Negation nicht verlassen." Eine russische Zeitschrift über den Zionismus. Aus Anlass des IV. Zionisten-Congresses widmet die angesehene russische Revue „Rossija" der zionistischen Bewegung einen ausführlichen, sehr wohlwollend gehaltenen Artikel, dem wir den folgenden interessanten Schluss-Passus entnehmen : .,Welches auch das Schicksal des Zionismus sei, man muss anerkennen, dass die Zionisten das Judenthum vom Parasitenthum scharf geschieden haben, und indem sie zur Grundlage der nationalen Wiedergeburt des jüdischen Volkes die Arbeit und den Gewerbefleiss gemacht, haben sie die Juden zurückgeführt in die grosse Gemeinschaft der Völker. Dieses Princip der nutzbringenden Arbeit wird Frieden stiften zwischen den Juden und den Gebildeten aller Völker: es wird dem Antisemitismus den Boden entziehen und den europäischen Staaten und Völkern unabsehbare Unruhen und Verlegenheiten ersparen." Uüdiscbe IfiteFatar. Jüdische Volkskunde. Das VI. Heft der „M ittheilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde-, herausgegeben von Herrn Rabbiner Dr. M. Grunwald in Hamburg, ist soeben im Selbstverlage der Gesellschaft erschienen. Es weist einen sehr reichen Inhalt auf. Rabbiner Dr. Eschelbacher in Berlin schreibt über „Jüdische Heiratsausstattungen im XVIII. Jahrhundert". Die culturgeschichtlich sehr interessanten Materialien zu diesem Aufsatze sind den Acten des ehemaligen Fürstbisthums Speyer entnommen. Der Herausgeber bietet uns einen Essay über „Die Ameise in der hebräischen Literatur". Hierauf folgt eine Sammlung jüdischer Sprichwörter aus Böhmen und Russland. A. Wolf in Dresden berichtet über einigein seinem Besitze befindliche jüdische Medaillen. Prof. M. Lazarus in Meran regt eine Rundfrage an über den Brauch des „Feldmessens". Ein Verzeichnis der Sammlungen der Gesellschaft und ein Plan zu einem jüdisch-ethnographischen Museum beschliessen das interessante Heft. Eine Anthologie von Zions-Liedern. Die rühmlich bekannte Warschauer Verlagsgesellschaft „Tuschijah" hat unter dem Titel "jT'jj ")Ü2„ (Die Harfe Zions) eine Sammlung der besten hebräischen Zions- Lieder herausgegeben. In diese Sammlung sind die Dichtungen aller Literaturperioden aufgenommen, von den Psalmen bis auf die Poesien S. L. G ordons und Ch. N. Bialiks. Das schön ausgestattete Büchlein ist als Bd. 100 der „Hebräischen Bibliothek* erschienen und dem IV. Zionisten- Öongresse gewidmet.