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Die Welt · 1900-09-14 · 37 (14.9.1900) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
37 (14.9.1900)
Article
Weitere Äußerungen Wilhelm Liebknechts über Juden und Judenthum
Date
1900-09-14
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 ,Die & Welt« Nr. 37 nahe gebietende Stellung einnehmen. Diesem Umstand und der Aufgeklärtheit meiner Erzieher mag es zuzuschreiben sein, dass ich auch in meiner Knabenzeit kein Vorurtheil gegen die Juden einsog... Eine Judenfamilie, die uns gegenüber wohnte und meinen früh verstorbenen Eltern befreundet gewesen war, lud mich öfters zu sich ein — einmal zum Laubhüttenfest, welches einen tiefen Eindruck auf mich machte. Bald wurde ich noch mit anderen Juden bekannt und befreundet, und auch auf der Universität hatte ich Juden unter meinen besten Freunden. Ich rede hier nur von der Zeit, ehe ich durch die Verhältnisse zum Actor auf der politischen Bühne gemacht wurde, in dem Juden Johann Jacoby ein verehrtes Vorbild und in dem Juden Carl Marx meinen unsterblichen Lehrer kennen lernte. Als Fürst Bismarck vor 187S . . . den Antisemitismus aus der moderigen Rüstkammsr des Mittelalters hervorholte und Stöcker, den biederen Scheiterhaufenmann, auf die Juden losliess, da tauchten die frühesten Jugenderinnerungen in mir auf, und neben den politischen Erwägungen kamen auch meine persönlichen Sympathien für die Juden zur Geltung. In England hatten sich diese Sympathien erweitert, vertieft und gewissermassen eine wissenschaftliche Basis gewonnen. Disraeli, von allen englischen Staatsmännern mir der interessanteste, hat in seinen, literarisch wie politisch gleich bedeutenden, lange nicht nach Verdienst geschätzten Romanen die Theorie aufgestellt und genial verfochten, dass die Angelsachsen und Juden die zwei begabtesten und zur Weltherrschaft oder Weltregierung berufensten Rassen der Welt seien. Sagen wir statt angelsächsisch: germanisch, so gelangen wir zu einem Judo-Germanismus, in dem jedenfalls mehr Kern und mehr Wahrheit steckt, als in der sogenannten „christlich-germanischen Weltanschauung". Und nicht bloss mehr Kern und Wahrheit: vor allem auch mehr Freiheit. Der Judengott und die Judenhelden, voran die Makkabäer, sind es gewesen, die einen Cromwell zum Befreiungskampfe anstachelten — wohingegen im Namen des Christenthums nie ein Freiheitskampf der Völker geführt worden, wohl aber unzählige Kämpfe zur Unterdrückung der Völker. Das einzige Land, in welchem der Freiheitskampf des Volkes einen religiösen Charakter trug, ist England — und in England war es nicht das Neue Testament, das den Kämpfern das geistige Rüstzeug lieferte, sondern das Alte Testament. Die englische grosse Revolution in der Mitte des 17. Jahrhunderts . . . war das That gewordene und auf die politische Bühne gebrachte Buch der Makkabäer___In dem Umstände, dass die Juden durch ihre politische und sociale Aechtung und durch das Verbot der Ausübung „ehrlicher" Berufe zum Gelderwerb gezwungen und zu Pionnieren der modernen Bourgeoisie künstlich gezüchtet worden sind, erblickte ich immer eines der lehrreichsten und amüsantesten Beispiele von „Ironie der Weltgeschichte". Man könnte auch sagen: von Nemesis. Apropos Wucher! Wenn den Juden der „Wucher" vorgeworfen wird, dann fällt mir immer auch ein, dass, während mir in meinem Leben oft von Juden Gutes und Freundliches gethan worden ist, der einzige Wucherer, dem ich je in die Hände gefallen bin und der mir manche angstvolle Stunde bereitet hat. ein guter Christ war, ein protestantischer Mustermensch, der jeden Sonntag zweimal zur Kirche gieng." Der letzte Wunsch. Man schreibt uns aus Dwinsk: Bekanntlich sind die Juden in Russland in einige Gouvernements eingepfercht, nämlich in den sogenannten Ansiedlungsrayon, dessen Grenzen nur ein verschwindend kleiner Percentsatz von „privilegierten Juden" überschreiten darf. Wie sehr dieser Umstand den Juden den Kampf ums Dasein erschwert, ist zur Genüge bekannt. Der blosse Gedanke an Freizügigkeit lässt daher die russischen Juden schon freier aufathmen, ja sie sind sogar bereit, mit ihrem Leben dieses Recht wenigstens für ihre Nachkommen zu erkaufen, wie folgender charakteristische Fall beweist In der Dwinsk er Garnison richtete ein Officier an einen jüdischen verheirateten Soldaten die Frage, ob er bereit sei, als Freiwilliger nach China zu gehen. Die Antwort lautete:' „Jawohl, Herr Lieutenant, aber unter der Bedingung, dass im Falle meines Todes meiner Frau und meinen Kindern gestattet werde, in Petersburg — betteln zu gehen." — Die Bedingung konnte nicht erfüllt werden, und der betreffende Soldat wurde nicht genommen. Im allgemeinen ist ein grosser Percentsatz von jüdischen Soldaten nach China gegangen. Aus Odessa allein gegen tausend; in beträchtlicher Zahl auch aus Wilna, Petersburg, Dwinsk und anderen Städten. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener^ israelitischen Cultusgemeinde weist für die Zeit vom 26. August hl-s zum l. September 1900 4 Trauungen. 61 Geburten und :->r> Sterbefälle auf. Correspondenzen. Wien. (Einzelverein „W i e n" d e s „Z i o n"-V e rbandes.) Wir beehren uns, die Verbandsmitglieder zu benachrichtigen, dass an den hohen Feiertagen unter der Leitung unseres Vereines ein Gottesdienst im grossen Saale desCongressbureau, IX., Türkenstrasse 9. abgehalten wird. Karten sind bei folgenden Herren zu haben: Nathan Pineles, IX., Schlickplatz 4, Hermann Schimmer, IL, Rembrandtstrasse :Ju, Norbert Rappap o r t, II., Castellezgasse 11, und Hermann Berliner, VII., Kirchengasse 5, sowie im Bureau des „Carmel", Börseplatz. Da im ganzen nur circa 80 Männer- und 40 Frauenplätze zur Verfügung sind, bitten wir die Refiectanten um gefl. baldige Meldung bei genannten Stellen, wo auch alles Nähere über Preis etc. "zu erfahren ist. — Am 1. Rosch-Haschono- Abend. sowie am 1. Tage vor dem Mussaph-Gebete, ferner zu Koi-nidrei und zur Seelenfeier am Jom-Kippur wird unser Gesinnungsgenosse Dr. Benjamin Brille predigen. Vom 17. September an können die Sitze auch abends von 5—6 Uhr im Congresslocale belegt werden. Der Vereinsausschuss. Wien. (Noch einmal der .Egyenlöse g".) An anderer Stelle würdigen wir gebürend das Verhalten der Budapester jüdischen Assimilan ten-Zeitschrift gegenüber dem vierten Zionistencongresse. Wir haben uns nicht getäuscht : Die Leser des Blattes haben dem antizionistischen Herausgeber den Standpunkt klar gemacht. In der jüngsten Nummer des „Egyenlöseg" versucht die Redaction sich vor ihrem Lesepublicum zu rechtfertigen, aus dessen Mitte ihr, wie sie berichtet eine Anzahl von beschwerdeführenden Zuschriften zugekommen ist. „In einigen Briefen", so erzählt das Blatt, „zieht man uns wegen dieser Unterlassung zur Rechenschaft, indem man fragt, warum wir, wenn wir auch stets dem politischen Zionismus entgegenarbeiteten, ihm diesmal nicht wenigstens soviel Aufmerksamkeit geschenkt haben, wie jeder anderen Bewegung, die die Angehörigen der Confession (so!) von irgend welchem Gesichtspunkte interessiert." — Und das Blatt gibt an, dass es ihm leicht falle, auf diese Fragen zu antworten. Der Zionismus bringe nichts neues hervor. Er sei nicht imstande. Interesse hervorzurufen. „Wir wissen schon" — ein köstliches Wort — ..dass Nordaus Reden phänomenal sind und auf welche Weise sich die HerzVsche Juden staatsidee in eine Staaten grün den de Bank und in einen Charter verwandelt hat" — Ei. ei. der Zionistencongress ruft kein Interesse hervor? Aber das Interesse der Leser des „Egyenlöseg" hat er doch erregt, sollte man denken : wio iiessen sich die reclamierenden Zuschriften sonst erklären? Die Redaction des ..Egyenlöseg" ..weiss schon", dass Nordaus Reden phänomenal sind? Das ist ja aber ganz belanglos: es fragt sich bloss, ob die Leser das auch schon zur Genüge wissen, und ob sie vielleicht doch begierig sind, sich über den Zionismus nicht bloss von dem unberufenen Herrn Max Szabolcsi, sondern — wenigstens zur Abwechslung — auch aus dem berufenen Munde eines Max Nordau belehren zu lassen ... Noch eine irrthümliche Behauptung des ..Egyenlösegmüssen wir berichtigen. Das Blatt will wissen, dass die gesammte jüdische Presse, mit Ausnahme der prononciert zionistischen Blätter, den vierten Consrress in einigen Zeilen aba-ethan habe, oder wie sich das Blatt in unbewusster Selbstironie wunderlich genug ausdrückt: .,Der Londoner Congress hat in der Haltung der gesammten confessionellen Presse die Symptome der Decadenz gezeigt." Das ist nun eine offenkundige Unwahrheit. Den ..Jewish Chronicle'\ welcher spaltenlang über den Congress berichtete, wird vielleicht selbst Herr Szabolcsi ebensowenig für ein zionistisches Blatt halten, wie etwa den Mainzer „Israelit", der ebenfalls einen erklecklichen Theil seiner Spalten den Verhandlungen des Congresses gewidmet hat. Die ,.Symptome der Decadenz-4 hat also der Londoner Congress höchstens in der Haltung des „Egyenlöseg" gezeigt. Z. Komotau. Die jüdisch-nationalen Abiturienten Nordwestböhmens veranstalteten am 11. August 1. J. in Karlsbad einen Commers. Zu demselben hatten sich zahlreiche Karlsbader Bürger und Curgäste. sowie die Vertreter der akad. Verbindung „L i b an o n i a" (Wien), des Vereines jüdischer Hochschüler „Bar Koch ha" (Prag), der akad. Verbindung „Emunah-' (Lemberg), der jüdisch-nationalen Tafelrunde ,.F r a t e r n i t a s" (Prag), des jüdischen Handelsangestellten-Clubs „E m u n a h" (Karlsbad), der zionistischen Ortsgruppen ..K o 1 i n" und „M ährisch-Ostrau" und jüdisch-nationale Abiturienten aus Karlsbad. Komotau, Teplitz, Eger, Prag eingefunden. Nachdem der

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