Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Zum rumänischen Exodus
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die 2$ Welt'« Seite 9 gethan, um nach Anatolien auszuwandern. Herr Isidor Bendavid hat dieser Vereinigung 10.000 Frcs. gespendet. In Bukarest haben 10S Gastwirthe, Kaffeehausbesitzer und Ladeninhaber ihre Geschäfte geschlossen, um mit S0U.OOO Frcs. nach Canada auszuwandern. Juden als Soldaten. In Witebsk hielt der Commandeur des 16. Armeecorps, General der Infanterie M. I. Botjanow, vor der Abfahrt der 15. Compagnie des Lenkoransko-Naseheburger Regiments auf den chinesischen Kriegsschauplatz eine Ansprache an die Mannschaften, in der er unter anderem sagte: „Juden! Von Euch wird behauptet, dass Ihr Euer Leben allzu ängstlich hütet. Das ist nicht wahr. Ich selbst habe gesehen, wie Juden sich heldenhaft auf dem Kaukasus schlugen. Von Euch hängt es ab, meine Worte gleich im ersten Kampfe zu rechtfertigen." Die „Vereinigung Jüdischer Studierenderzu Berlin sendet uns den Bericht über ihr elftes Semester zu. Wir entnehmen diesem Berichte folgende Daten: „Das Semester begann unter glücklichen Auspicien. Eine grosse Anzahl jüdischer Commilitonen hatten wir für unsere Sache gewonnen: so herrschte bei dem Antrittsconvent freudige Erwartung, und das neu gewählte Präsidium — bestehend aus Zwirn X- P e r 1 i t z XX, H e c k e r i. V. XXX- Presch, Cassenwart und Jakobsohn, Turnwart — giengen mit Eifer an die Arbeit. Die Vereinsabende zeichneten sich stets durch Gemüthlichheit aus und waren von Gästen zahlreich besucht. Vorträge, an die sich meist lang ausgedehnte Discussionen schlössen, hielten von unseren Vereinsbrüdern : E. K o h n : Die Reuchlin-Pfefferkorn'sche Fehde: Hecker: Die Bergjuden im Kaukasus; Dr. H. L o e w e : Das Blutmärchen : Grünberg: Moses Mendelssohn; A. Blum: Nationalismus: Dr. Th. Z 1 o c i s t i: Alfred Nossig; P e r 1 i t z : Das Buch Ruth. Ferner verlas E. K o h n eine Abhandlung über Judenverfolgungen in Worms. Das Turnen wurde in diesem Semester eifriger als bisher gepflegt, und zwar bildeten wir, wie bisher, eine Gästeriege in dem jüdischen Turnverein „Bar Kochba". Die Gründung einer Bibliothek wurde beschlossen und hierzu per Semester ein Betrag ausgeworfen; hoffentlich werden Schenkungen unserer Bundesbrüder und Freunde sie ergänzen. Gegen Ende des Semesters hatte unser Verein Gelegenheit, seine Kräfte in den Dienst der allgemeinen jüdischen Sache zu stellen. Durch unseren Cartellverein in Breslau benachrichtigt, dass 165 jüdische Auswanderer aus Rumänien, von Studenten geführt. Berlin berühren würden, hielten wir es für unsere Pfiichtj soweit es in unseren Kräften stand, diesen unseren unglücklichen Brüdern unsere Hilfe angedeihen zu lassen. Obwohl uns nur wenige Stunden zur Verfügung standen, brachten wir durch Sammlung mehrere hundert Mark zusammen. Vor allem aber trugen wir dadurch, dass wir uns an einige einfiussreiche jüdische Persönlichkeiten in Berlin wandten, ein wenig dazu bei, die Aufmerksamkeit jüdischer Kreise auf das Schicksal dieser Unglückseligen zu lenkeD, die selbst von ihren eigenen glücklicheren Volksgenossen in so himmelschreiender Weise im Stiche gelassen oder zu spät unterstützt wurden. Eine Deputation unseres Vereines empfieng die Auswanderer am Bahnhof Ruhleben und übergab ihnen einen Theil des gesammelten Geldes, während das übrige für die noch zu erwartenden Auswanderer zurückbehalten und dem Berliner Hilfscomite überwiesen wurde, dem wir auch unsere bescheidenen Kräfte zur Verfügung gestellt haben. Mit dem „Verein Jüdischer Studenten zu Breslau" schössen wir am Ende des Semesters ein Cartell ab, so dass damit ein Bund der V. J. St. Berlin-Leipzig- Breslau geschaffen wurde, der den Namen „Jüdischer Delegiertentag" (J. D. T.) tragen wird. Mit dem „Verein Jüdischer Studenten zu München" unterhielten wir freundschaftlichen Verkehr: die Aufnahme desselben in den J. D. T. erfolgt zu Beginn des nächsten Semesters. Ausserdem wird am Anfange des nächsten Semesters an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg gleichfalls ein „Verein Jüdischer Studenten" gegründet werden. Die Vorarbeiten dazu sind im Gange. Der Verein zählte zu Beginn dieses Semesters 2S Active; hierzu traten im Laufe desselben 11 neue Mitglieder. Ausserdem gehören dem Vereine 18 Alte Herren und 16 Inactive an." Die Juden in Australien. Aus dem statistischen Handbuche der Regierung von Neu-Süd-Wales ersieht man, welchen Antheil die Juden an der Regierung und Verwaltung dieser Colonie nehmen. Im gesetzgebenden Rathe sitzen drei Juden, Herbert Salomon, Hyam und Henry Moses. Im Parlament sitzen auch drei Juden, John Jacob Cohen, David Davis und Simeon Philips. In der Ackerbauverwaltung ist Victor Cohen, in der Gefängnisverwaltung J. J. Moss, und ebenso befinden sich jüdische Persönlichkeiten in den übrigen Regierungs-Departements. Neue Fälle von Mädchenraub in Galizien. Am 27. Juni d. J. verschwand die 17jährige Szaika Sob el aus ihrem Elternhause in Podgorze bei Krakau, während die Eltern Baruch und Beile Sobel abwesend waren. Nach einigen Tagen gelang es der Mutter, den Aufenthaltsort des Mädchens zu erforschen — sie befand sich im Kloster der Felicianerinnen. Beile Sobel hat seither wiederholt mit ihrer Tochter durch ein Fenster gesprochen, und diese bat die Mutter, sie aus dem Kloster zu befreien. Allein alle Anstrengungen der unglücklichen Frau, sich Zutritt zu ihrem Kinde zu verschaffen, blieben bisher erfolglos. — Am 7. Juli d. J. wurde die 15jährige Deborah Sattler, Tochter der Witwe Sarah Sattler in Gosprzedowa bei Lupnice murowana von der Pfarrersköchin Bojar ska überredet, aus der elterlichen Wohnung in das Pfarrhaus zu flüchten. Sie übernachtete dort, wurde am folgenden Tage, als Knabe verkleidet, von dem Lehrer des Dorfes mittelst Fiakers nach Solotwina und von da mittelst Bahn nach Krakau ins Kloster der Felicianerinnen gebracht. Ein kleines Mädchen aus demselben Dorfe wird in demselben Kloster zu leichteren Dienstleistungen verwendet. Dieses brachte der Mutter die Botschaft, dass Deborah Sattler unaufhörlich jammere und weine und sie dringend bitte, nach Krakau zu kommen und sie zu befreien. Als die Felicianerinnen sich anfangs weigerten, das Mädchen freizugeben, wendete sich Sarah Sattler an den Magistrat, der jedoch die erbetene Assistenz versagte. Nun begann die Mutter vor dem Kloster derart zu lärmen, dass die Nonnen das Thor öffneten und das Mädchen freiliessen. Ein Majestätsgesuch der Juden in Roman. Um die Mitte des August hat die jüdische Gemeinde in Roman folgende Bittschrift an den König Carol gerichtet: „Sire! Jetzt, wo Verfügungen getroffen wurden, dass die Juden nicht mehr auswandern können, wagen wir in Demuth uns dem Throne zu nahen. Die Antisemitenliga bedroht uns mit Mord und Todtschlag. Ueberau, wo diese Liga organisiert ist — und sie ist es fast in allen Städten und Marktflecken — findet sie uns Arme und Elende. Bei uns in der Stadt Roman haben sie sich speciell dazu organisiert, um zu beweisen, dass die Grausamkeit der Christen jede Grenze überschreitet. An der Spitze der Liga stehen der Bürgermeister und Senator C. B a 1 a i s t i, der Oberst des hier garnisonierenden Regimentes C. Garceanu, Post- und Telegraphendirector Nieziest i, ferner zahlreiche Beamte, darunter auch Richter am hiesigen Gerichtshofe. Diesen Männern ist es leicht, zuhundertenLeute zu dingen, darunter zahlreiche Vagabunden, die im gegebenen Momente wie wilde Thiere sich auf uns stürzen und die entsetzlichsten Grausamkeiten verüben, uns Folterqualen zufügen. Deshalb bitten wir Eure Majestät, sich unser zu erbarmen und uns zu erretten, dass, wenn wir schon an den Bettelstab gebracht sind, wir wenigstens das nackte Leben erhalten. Retten Sie uns, Majestät, aus den Händen dieser Bluthunde. Was haben wir gethan? Nichts, als dass wir in diesem Lande geboren wurden. Wir thun niemandem etwas zu leide, wir wollen nur arbeiten, um im Rahmen des Gesetzes leben zu können. Im Namen der Juden des Bezirkes Roman: Der Oberrabbiner der Cultusgemeinde." Weitere Aeusserungen Wilhelm Liebknechts über Juden und Judenthum werden nun bekannt. In einem Aufsatze „Aus meiner Schulmeisterzeit" erzählt Wilhelm Liebknecht: „Giessen, meine Geburtsstadt, liegt in der Nähe und in der Einflusssphäre von Frankfurt am Main, einer Stadt, in welcher die Juden seit einem vollen Jahrhundert eine geachtete, ja bei-