Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 37 (14.9.1900)
- Article
- Ein nachahmenswertes Beispiel
- Date
- 1900-09-14
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die j& Welt" Seite 3 erwiesen haben . . . Die Schaffung eines besonderen Staates in Palästina würde übeidies die jüdische Frage gar nicht lösen. Selbst könnte man zwei Millionen Menschen nach Palästina verpflanzen — eine wahrlich riesenhafte Unternehmung! — so stände immer noch die Frage vor uns, was für die in Osteuropa zurückbleibenden fünf oder sechs Millionen Juden zu thun sei. Die Gründung eines jüdischen Staates würde nur zu einer noch grösseren Judenfrage führen. Und wie sollten sich die Einwanderer nach Palästina, die ohne Zweifel den ärmsten und hilflosesten Theil des Gemeinwesens bilden würden, in ihrer neuen Heimat in Behaglichkeit erhalten? Welche Sicherheit könnte zudem der Sultan ihnen ertheilen, falls er überhaupt bereit wäre, die gewünschte Erlaubnis zu geben, dass die Eingewanderten auf immer des ihnen gemachten Zugeständnisses genössen? Zu irgendeiner Zeit könnte Russland oder sonst eine Macht auf das türkische Gebiet niederfahren, und was wäre dann die gesetzlich gesichelte Heimat wert?" Der „Hamburgische Correspondent" ist ein altangesehenes Blatt, wie viele Leser wären wohl durch diese heimtükische Entstellung der Thatsachen irregeführt worden und dem zionistischen Gedanken verloren gegangen? Glücklicherweise hat ein Hamburger Gesinnungsgenosse dem famosen Londoner Berichterstatter die nöthige Abfuhr zutheil werden lassen. Hier ist die Antwort: Geehrte Redaction! Ich war sehr überrascht, in dem Londoner Briefe an der Spitze Ihrer Morgenausgabe vom 28. d. M. die Behauptung zu finden : „Freunde und Gegner des Zionismus seien darin einig, dass der neulich in London abgehaltene Congress dort keinen Boden für die Bestrebungen seiner Führer gefunden hat." Weiter wird bemerkt, in der Londoner Tagespresse sei scharfer Einspruch gegen die Bewegung erhoben worden, und als Hauptzeuge dafür der „Jewish Chronicle" angeführt. Ich glaube, die Veranstalter des Congresses werden diese Sätze mit gleichem Staunen lesen wie ich. Meines Wissens sind sie im Gegentheile höchst befriedigt von dem Erfolge des Congresses, von dem überaus starken Besuche, von dem Interesse, das er auch bei dem christlichen englischen Publicum erregt, von der sympathischen Behandlung und ausführlichen Berichterstattung, die ihm von der englischen Presse auch da gewidmet worden ist, wo sie die grossen Schwierigkeiten, die sich der Verwirklichung der zionistischen Idee entgegenstellen, betont. Der „Jewish Chronicle" war von Anbeginn der Bewegung in den Reihen der entschiedensten Gegner des Zionismus zu finden. Ist es gerecht, nur diese Auslassungen, oder, wie neulich, das an die „Times" gerichtete Schreiben eines anderen jüdischen Gegners, der sich „Cantab" unterzeichnet, zu bringen, und alles zu ignorieren, was die jüdische zionistische und die nichtjüdische englische Presse an sympathischen, die Bedeutung der Bewegung anerkennenden Artikel veröffentlicht hat? — Von dem wahren Stande der Dinge mag der von vielen Theilnehmern geäusserte Wunsch, auch der nächste Congress möge in London stattfinden, Zeugnis ablegen. Es würde zu weit führen, und es würde an Raum mangeln, wollten wir hier auf die gegen die Bewegung im allgemeinen vorgebrachten Argumente antworten. Sie sind in der zionistischen Presse in den letzten Jahren vielfach widerlegt und die Irrthümer, die weit und breit über das Wesen des Zionismus bestehen, eingehend beleuchtet worden. Aber diese Auslassungen finden ja leider keinen Platz in meistgelesenen deutschen Blättern. Dass der Zionismus eine vorübergehende, bedeutungslose Bewegung sei, ist seit seinem Hervortreten von den Gegnern vielfach behauptet worden. Die Möglichkeit eines zweiten Congresses wurde bestritten, das nahe Aussterben der Bewegung prophezeit. — Das Erscheinen von etwa 400 Delegierten, viele aus den entlegensten Gegenden, auf dem vierten Congresse in London und die Anwesenheit einer nach tausenden zählenden Zuhörerschaft ist die Antwort auf die erste Behauptung und die angeblich dem Erlöschen nahe Bewegung trägt Symptome fortdauernder Frische und Lebensfreudigkeit. — Erst die Zukunft, vielleicht eine ferne Zukunft, wird den endgiltigen Beweis bringen können, ob sie sich als das von ihren Anhängern erhoffte Heil für das Judenthum erwiesen hat oder nicht. Ein Zionist. Hamburg, 2S. August 1900. Der vierte Zionisten-Congress. (Das Abschiedsbankett.) Am Abend nach Schluss des Congresses gab die „English Zionist Federation" den Delegierten und Vertretern der Presse zu Ehren ein Bankett im Congresssaale. Nahezu sämmtliche Delegierte und zahlreiche Journalisten hatten sich eingefunden. An der Spitze der Festtafel nahmen Dr. H e r z 1, Nor'dau, Sir Francis Montefiore, Doctor Gast er, Dr. Mandelstamm, Bernstein-Kohan. Prof. Gottheil, Rabbiner Reines, Zangwill und andere hervorragende Zionisten Platz. Der geschmackvoll decorierte Saal bot einen heiter-festlichen Anblick. Eine Kapelle spielte jüdische und englische Weisen. Den Reigen der Toaste eröffnete Dr. G a s t e r. Er führte humorvoll die „Engländer mosaischen Bekenntnisses" ab. Sodann sprach Max N o r d a u. Er führte u. a. aus: Bei den Juden galt als heilig, wer viel fastete, bei den Griechen, wer viel ass und trank. Die Lebensanschauungen der Völker verändern sich im Laufe der Zeiten. Heutzutage finden wir im Judenthum die Vertreter beider Ansichten. Redner könne als Arzt versichern, dass weit mehr Leute von Völlerei als vom Fasten sterben . .. Das gilt vom physischen wie vom geistigen Tode. Der Vorredner hat gesagt, die Juden seien ein Volk. Was ist jedoch das Wesen eines Volkes? Die Sprache keineswegs; oft sprechen die Angehörigen desselben Volkes die verschiedensten Sprachen. Die Anthropologie lehrt uns. dass auch die Abstammung kein Unterscheidungsmerkmal sei. Die Wissenschaft also kennt keinen bestimmten Unterschied zwischen Volk und Volk: desto besser kennt einen solchen Unterschied der Instinct des gemeinen Mannes. Die Juden lassen sich im allgemeinen in zwei Parteien sondern. Die Anhänger der einen nennen sich selber Juden, die der zweiten werden von anderen Juden genannt. Er glaube, der ersten Partei ergehe es besser. Herzl erzählt folgende Parabel: Der Fabeldichter A e s o p begegnete einst auf der Landstrasse . einem Manne. Der fragte ihn: „Wie weit ist's von hier in die Stadt?" Aesop antwortete: „Gehe". Der Mann wiederholte die Frage, aber Aesop blieb dabei: „Gehe." Der Fragesteller gerieth in Zorn und sagte: „Ich frage Dich einigemale, wie weit der Weg in die Stadt ist, und Du antwortest mir „Gehe"! Da entgegnete Aesop: „Bevor ich weiss, wie Du gehst, ob Deine Gangart rasch oder langsam ist, kann ich Dir doch nicht sagen, wie lange es dauert, bis Du in die Stadt kommst!" — Auch uns fragt man: „Wie lange dauert's noch? Wann kommen wir ans Endziel?" Wir können aber nur antworten: „Gehet." Je rascher Ihr geht, desto früher kommt Ihr an! Es sprachen noch Mr. Zangwill, Dr. Leopold Kahn und mehrere englische Delegierte. Zum Schlüsse verrichtete Rabbiner Reines aus Lida mit erhobener Stimme das Tischgebet, während die Anwesenden das Haupt bedeckt hielten. Die General-Versammlung der jüdischen Colonialbank. (Schluss.) Es versteht sich von selbsf, dass alles gethan wurde, um die Geschäftsführung auf der Höhe der Situation zu halten. Zu diesem Zwecke wurde das Bureau und das Personal vergrössert, welches nach Erledigung der dringenden Arbeiten wieder reduciert werden soll. Zu den gewöhnlichen Arbeiten der Registratur, Correspondenz und Buchhaltung kam noch die zeitraubende Erledigung der vielerlei Formalitäten, welche im Leben einer englischen Actien-Gesellschaft vorkommen, hinzu. Um hiervon nur ein Beispiel zu geben, führe ich an, dass das hiesige Gericht jedes Jahr innerhalb 14 Tagen nach