Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Article
- Ghettokrank
- Date
- 1900-09-07
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 14 „Die # Welt' Ni. 36 F e u i 11 Ghettokrank. Jetzt kommen böse Stunden: Ungeduld, Verzweiflung. Die Jabellieder schweigen — nur die Sehnsucht ruft. In meiner stillen Kammer nach Erlösung: Hinaus, hinaus aus schwüler Krankenstubenluft! Wir sind so schwach im Lieben und im Hassen, Der Blick wird scheu, das Denken, Fühlen stumpf. . . Soll denn der letzte Funke Willenskraft ersterben? Hinaus, hinaus aus diesem eklen Sumpf! Das Gift des Ghetto schleicht uns durch die Glieder. Bald naht es sich den jungen Herzen sacht Und weist uns in die Schar der Lebend-Todten : Hinaus, hinaus aus banger Kerkersnacht! Das Stundenglas verrinnt. — Wir wollen leben! Nach Sonne ringt die eingefall'ne Brust. Herrgott! Hinaus zu stolzer Auferstehung'. Herrgott! Hinaus zu froher Thatenlust! Brünn. Otto Abeles. Die Schwestern. Erzählung von S. Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Ja. sie hatte ein trauriges Gesicht, aber nur infolge ihres unendlichen Glückes; sie hatte so viel und andere so wenig. Oder vielleicht fürchtete sie auch, da sie dem Volke entstammtewelches an den bösen Blick glaubt, dass ihr Glück sich in das Gegentheil verwandeln könnte, wenn sie es zur Schau trüge, und heuchelte vielleicht eine Betrübnis, die sie nicht empfand." „Wissen Sie es bestimmt, dass sie erheuchelt war?" fragte Zillah, unverwandt vor sich hinblickend. „Vielleicht ist sie nur mit halbem Herzen in die Paläste gekommen vielleicht hat sie die andere Hälfte in der Einsamkeit zurückgelassen, aus der sie kam." „Das mag vielleicht im Anfang so gewesen sein," erwiderte er nach kurzem Nachdenken. „Wenn man aber eine solche Spaltung des Herzens einmal überlebt hat, so heilt sie schnell, bis nicht einmal eine Narbe mehr übrig bleibt, die verräth, wo der Riss stattgefunden hat." Zillah raffte sich auf — es wurde ihr bange, tiefbange; seine Worte berührten sie, als wären sie eine Antwort auf die Fragen in ihrem Innern, und sie durfte solche Antwort nicht hören, wenn sie von einem anderen kam, als von ihr selbst. „Warum führen wir solch feierliche Gespräche?" fragte sie heiter. „Ist das nicht eine Entweihung all der Freude und Herrlichkeit, die uns umgibt?" „Sie bringen mich zur Verzweiflung," sagte er lächelnd, mit schmerzhaftem Pathos, „vor einem Augenblicke beklagten Sie sich, dass ich scherzte, und nun missfällt Ihnen meine Ernsthaftigkeit. Ich werde ganz stumm sein." Aber Zillah fühlte, dass das Schweigen gefährlicher sein würde, als jedes Gespräch, und. so brachte sie gleichgiltige Dinge aufs Tapet. Doch auch so kann die Zeit sehr schnell vergehen, und als sie in die Allee zurückgekehrt waren, merkte Zillah zu ihrem Schrecken, dass die ersten Schatten der Dämmerung hereinbrachen. „Wann kommen Sie wieder?" fragte er, indem er sie fast gewaltsam zurückhielt. „Morgen oder übermorgen — ich kann's nicht vorhersagen," murmelte sie, während sie ihre Hand aus der «einen zu befreien suchte. „Hören Sie mich an! Mein Bursche wird jeden Morgen in Ihren Laden kommen, um etwas einzukaufen; ihm können Sie die Botschaft geben. Es muss aber bald sein, hören Sie? — bald." e t o rv. &m Er liess sie los und warf ihr eine Kusshand zu, seine Finger waren von der Berührung der ihren noch ganz warm. Sie sah es nicht, denn sie eilte rasch vorwärts, sie entfloh vor der schnellfüssigen Furcht, die sie auch das letztemal, als sie ihn verliess, verfolgt hatte. Nach fünf Minuten war sie im Laden. „Fräulein Zillah ist da," rief Jeiteles die Treppe hinauf. Und bevor Zillah ihn noch fragen konnte, was sein lautes Schreien zu bedeuten habe, war Salka in rasender Eile die Treppe heruntergekommen. „Wo bist Du gewesen?" fragte sie aufgeregt, „wir haben Dich überall gesucht." „Ich--begann Zillah. Aber Salka liess ihr nicht Zeit, noch eine Silbe zu sprechen. „Hier ist ein Brief vom Vater; er ist schneller fertig geworden, als er erwartete und kommt schon heute zurück. Du musst mir helfen, alles für sie vorzubereiten." „Für sie?" fragte Zillah. „Ja, hast Du denn vergessen?" Zillah hatte wirklich vergessen. VI. Das Krankenzimmer hatte eine so vollständige Umgestaltung erfahren, dass es wahrscheinlich von Zweifeln über seine Identität beunruhigt wurde. Es hatte einen heiteren, festlichen Ausdruck angenommen. Das schwerfällige Krankenlager war in eine Ecke gerückt worden und durch dicke, bunte Vorhänge verborgen. In der Mitte des Zimmers befand sich ein starker Mahagonitisch, der mit blendend weissem Linnen gedeckt war; darauf eine massive Bronzelampe auf einem Porzellanfusse, und an jeder Seite, gleichsam als Adjutant, ein silberner Leuchter. Salka war in der Küche und gab in einer wahren Todesangst auf die letzten Pfannkuchen acht. Zillahs Hilfe hatte sich noch mehr als nutzlos erwiesen, und nachdem sie einen Korb mit Eiern umgeworfen und fast eine nicht wieder gut zu machende Katastrophe angerichtet hatte, indem sie Salka anstatt des verlangten Zuckers Salz für die Käsekuchen reichte, da war ihr verächtlich bedeutet worden, dass man auf ihre ferneren Dienstleistungen verzichte. Sie ertrug diese Schande herzlich gleichgiltig. denn von dem Momente ab, da sie erfuhr, was ihr am Abende bevorstand, war sie sich mehr oder weniger wie ein Automat vorgekommen. Jetzt sass sie in dem verwandelten Krankenzimmer allein mit ihrer Mutter — die letztere sorgsam in einen gepolsterten Armstuhl gebettet. Zillah hielt sich dicht am Ofen, denn dort war es am dunkelsten, und sie fühlte sich viel wohler im Schatten. „Sie kommen spät, nicht wahr?;t fragte die Kranke. Sie stellte diese Frage zum drittemnale, und Zillah antwortete ebenso geduldig wie vorhin: „Nein, Mutter — der Zug kommt ja erst um dreiviertel auf neun, und dann hören wir ja die Locomotive pfeifen, wenn der Zug in den Bahnhof einfährt." „Gewiss, gewiss," murmelte die Leidende; „ich kann Dein Gesicht nicht sehen, mein Kind, aber ich weiss, dass Du Dich freust." „Gewiss freu' ich mich, Mütterchen, ist es nicht immer ein Festtag für uns, wenn der Vater heimkehrt?" (Fortsetzung folgt.)