Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Article
- Budapest / R.
- Date
- 1900-09-07
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 36 „Die & Welt« Seite 13 Budapest. „Alkotmany*, das Organ der clericalen Volkspartei, schreibt in Nr. 202 Folgendes: „Anderswo würde man bis zu den Knöcheln in dampfendem Judenblut waten und längs der Landstrassen würden Juden auf den Bäumen modern, wenn anderwärts so schreckliche Schurkereien (es sind hier Kreuzverstümmelungen gemeint, die angeblich in Fünfkirchen und Erlau verübt worden sind und von den Antisemiten den Juden zur Last gelegt werden) geschähen, es könnte in einem solchen Lande nicht einmal dasAndenken einer so hässlichen und verachtungs würdigen Rasse aufrechtbleiben, welche mit herausfordernder Unverschämtheit alles beleidigt und verletzt, was christlich ist. Eine neue und schrecklichere Verwüstung Jerusalems wäre anderwärts die Vergeltung dafür. Wir aber verneigen uns unterthänig und gestatten alles, alles . . Wegen dieser blutrünstigen Ausfälle hat der Oberstaatsanwalt Franz S z e k e 1 y gegen den verantwortlichen Redacteup des „Alkomäny", Franz Bon Uz, eine 'Pressklage erhoben. Die Anklage lautet auf „Aufreizung zum Hasse gegen eine Confession*'. Die Schwurgerichtsverhandlung dürfte erst nachJMonaten stattfinden. — Das von Wilh. Väzsonyi redigierte Wochenblatt „üj sztizad" enthält in Nr. 33 folgende Warnung: „Wer da glaubt, dass clericale Agitation und confessionelles Vorurtheil heutzutage bei uns mehr keine tiefere Wurzel fassen und keine gefährlichen Wellen schlagen kann, täuscht sich gewaltig. Die confesionelle Befangenheit wurzelt tiefer im Gemütheder Völker und gelangt viel leichter an die Oberfläche, als gemeinhin geglaubt wird. Wenn wir nicht rechtzeitig und mit voller Thatkraft darnach trachten, der Agitation der Volkspartei entgegenzuarbeiten, werden wir sehr traurige Tage erleb en, die Zeit der cleric al en Herrschaft und den Triumph der gelb -weissen päpstlichen F a h n e. — „Egyenlöseg", derjverbitterte Zionshasser. schreibt in einem seiner seltenen lucida intervalla über die der clericalen Volkspartei gegenüber geübte Connivenz und Begünstigung Folgendes: „Aber die Juden sind stille, und die liberale Regierung übt mit ritterlicher Respectierung der katholischen Propaganda den Liberalismus. Gegenüber der abnormen Agitation, welche das ganze Land wie ein Netz umstrickt, bekundet die Regierung eine abnorme Zuvorkommenheit, die jüdische Bevölkerung aber harret geduldig des Momentes, da der Donnerkeil vom Himmel nieder fährt. Dann wird sie jammern und recurriereu. R. Erlau. „Egri Hiradö'-', das officielle Organ des Erzbischofs von Erlau, veröffentlicht folgendes Communique: „Die hauptstädtischen Tageszeitungen brachten die Nachricht, dass in Erlau an der ungarischen Krone und an dem ungarischen Wappen durch böswillige Verstümmelung des Kreuzes ein öffentliches Gravamen verübt worden sei. Manche Leute haben diesen Fall, indem sie ihn als unzweifelhafte Thatsache hinnahmen und ähnlichen Erscheinungen der jüngsten Zeit anreihten, voll Entrüstung mit Commentaren versehen, deren Veröffentlichung ohne vollständige und sichere Kenntnis des wahren Sachverhalts, eventuell mit Verdächtigung gänzlich unschuldiger Personen, die christliche Liebe und Gerechtigkeit nicht gestatten kann. Nun weiss aber niemand hier in Erlau von einem solchen Gravamen, und es kann jedermann aus den betreffenden Zeitungsnotizen und aus derartigen Commentaren nur die Besorgnis schöpfen, dass solche grundlose Ausstreuungen geeignet sein könnten zu unbegründeter Erregung der Gemüther, zur Gefährdung des friedlichen Zusammenlebens der Bürger verschiedenen Bekenntnisses in unserer Stadt, sowie zur Gefährdung des Erfolges derjenigen Bestrebungen, die auf die Aufrechterhaltung dieses friedlichen Zusammenlebens abzielen. Von der Gleichheit der Gefühle mit denen der katholischen Bürgerschaft haben bei diesem friedlichen Zustande unsere israelitischen Mitbürger — beispielsweise erst jüngst bei der Neunhundertjahr-Feier — glänzendes Zeugnis abgelegt Die allgemeine Ruhe unserer Gesellschaft zu stören, ist ein verdammenswerterFehler. Und wenn die hierzu führenden Ausstreuungen und Versuche noch überdies tendenziös sind, so hätten wir zu deren Verurtheilung nicht genug harte Wort e." Ulm. Vor sechs Jahren wurde hier der Friseurlehrling Paul Müller unter grässlichen Umständen ermordet Des Mordes verdächtig wurde der hiesige Schächter Bernheim verhaftet, da er in der Familie viel verkehrte. Schächtmesser und Kleider desselben wurden seinerzeit gerichtlich untersucht, und längere Zeit musste der Arme unter dem Verdachte, die Mordthat verübt zu haben, leiden. Einige Monate nach seiner Haftentlassung starb Bernheim. Nun berichtet das hiesige „Tagblatt", dass der Stiefvater des Ermordeten, Wagenwärter Eisenhardt auf dem Bahnhofe hier verhaftet wurde, weil sich, trotz der langen Zwischenzeit, neuerdings Umstände ergeben haben, die den dringenden Verdacht rechtfertigen, Eisenhardt sei derThäter oder doch Mitwisser des damaligen Verbrechens. Da von den Antisemiten seinerzeit ein „Ritualmord* als Grund des Verbrechens bezeichnet wurde, so wäre es von grosser Wichtigkeit, wenn der Mörder an den Tag käme. Magdeburg. Vom S. bis zum 10. September soll hier der sechste allgemeine Parteitag der „Deutsch-socialen Reformpartei", wie sich die deutschen Antisemiten euphemistisch nennen, stattfinden. Dem Parteitage wird ein Antrag auf Aenderung der Parteibezeichnung vorliegen. Die Antisemiten im Deutschen Reiche wollen sich fürderhin „Deutschnationale Volkspartei* nennen. Odessa. Am 15. August wurde eine grosse Anzähl der Excedenten, welche an den jüngsten Ausschreitungen gegen die Juden betheiligt waren, zu Gefängnisstrafen bis zu sechs Monaten verurtheilt. Paris. Die Preisjury der Weltausstellung hat die Weine der jüdischen Colonien in Palästina mit der goldenen Medaille und deren Obstfrüchte mit der sibernen Medaille ausgezeichnet fjüdiscbe IfitefatüF. Ein Judenroman. („Ahasver* von Robert Jaffe. Berlin 1900. Verlag Siegfried Cronbach.) Der Zionismus hat in der kurzen Zeit seines Bestehens eine ganze Reihe neuer Begriffe geprägt. Ein solches Wertzeichen zionistischer Prägung ist auch der Begriff „Geistige Judennoth". Der Zionismus hat dieser Wortmünze, die jetzt allenthalben im Umlauf ist, eine ganz bestimmte Deutung verliehen : „Geistige Judennoth" ist das seelische Unbehagen, das der Jude inmitten der feindlichen, nichtjüdischen Umgebung empfindet Robert Jaffe hat es unternommen, die „geistige Judennoth", das „ Ahasver-Gefühl", in einer Romanfigur zu versinnbildlichen. Der Träger des Ahasver-Gefühls ist ein junger Jude, Emil Zlotnicki. Robert Jaffe ist ein Meister psychologischer Zerfaserungskunst Es gelingt ihm, die zartesten Gemüthsvorgänge blosszulegen, er hat ein feines Ohr für die leisesten Stimmen, die in der Seele erklingen. Wer in dem Romane absonderliche Erlebnisse, ungewöhnliche Verwicklungen des äusseren Lebensganges sucht, wird wohl kaum auf seine Rechnung kommen. Wer sich aber dem feinen Genüsse hingeben will, den das Aufspüren und Secieren subtilster seelischer Regungen bietet, der wird in „Ahasver" eine hohe Befriedigung finden. Zur Psychologie des modernen Judenthums bildet „Ahasver" einen wertvollen Beitrag. Der Roman spielt grösstentheils in Berlin, und in der Schilderung der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaftsschichten zeigt sich Jaffe als scharf blickender Beobachter. Den politischen und wirtschaftlichen Strömungen, welche die Gegenwart bewegen, wird reichlich Rechnung getragen. Wir finden manch treffendes Wort, das auf einzelne Gegenden des „öffentlichen Lebens" ein kritisches Streiflicht wirft. Die Tendenz des Buches ist ausgesprochen philozionistisch, wenn nicht gar zionistisch. Die Bestrebungen der gegenwärtigen zionistischen Bewegung erfahren an zahlreichen Stellen sympathische Würdigung. Auch Emil Zlotnicki findet schliesslich im Anschlüsse an den Zionismus sein seelisches Gleichgewicht Spenden. Für die rumänischen Juden: Dr. M. K 6.—, Jos. Thar, Dolni Tuzla K 8.—, Breslauer Zionisten K 11.82, Seligmann, Bonn K 17.15, Sammlung Sachs im Bad Cudowa K 7.09, Musikal. Abend der jüil. Obergymnasiasten.. Buczacz K 180.—. Zusammen K 230.0«. Briefkasten. J. K., Linz, M. R., Brünn, „Iwri", Berlin. Leider nicht geeignet. Dr. J. H., Amsterdam. Das ist nicht der Fall. Sie haben ja andere Argumente. 0. R., stud. med., Zaleszczyki. Noch nicht erschienen. J. W-, Hradisch. Besten Dank.