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Die Welt · 1900-09-07 · 36 (7.9.1900) · p. 12

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
36 (7.9.1900)
Article
Ein missglückter Plan der rumänischen Antisemitenliga
Date
1900-09-07
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt1 Nr. 36 National a" gebrachten Berichte über Judenhetzen in Rumänien nicht wahr sind, so ist doch sehr zu fürchten, dass die Zeit, wo sich solche Lügennachrichten bewahrheiten, nicht mehr ferne ist. In Stadt und Land arbeitet die „Antisemitenliga*, unermüdlich hetzend und schürend, ohne: dass die Behörden ihnen Einhalt thun könnten oder wollten .. . Schwindeln Sie, so gut Sie können — Das „B. T." meldet: In dem westpreussischen Städtchen, das durch den Mord am Gymnasiasten W i n t e r eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, wimmelte es noch vor kurzem von Agitatoren und „Rechercheuren" von mitunter recht zweifelhaftem Caliber. Was da an Lügennachrichten in die Welt gesetzt wurde, ist unglaublich. Uns geht nun ein ergötzliches Schriftstück zu, das eine hübsche Illustration zu den Presstreibereien bildet, die sich ein gewisser W. geleistet hat, der ein paar Wochen in Könitz weilte und im Dienste einer hiesigen Correspondenz stand, die mit Vorliebe von antisemitischen Blättern benützt wird. Es ist die Abschrift einer Postkarte, die W. aus Könitz an das Correspondenzbureau gerichtet hat. Es heisst da unter anderem: „Heute die zwanzig Mark erhalten, erwarte natürlich die anderen dreissig Mark. Heute liegt nichts vor. Schwindein Sie, so gut Sie können, aber keinen Blödsinn.....!" Neues aus Rumänien. Wie sehr sich diejenigen geirrt haben, die von dem Regierungsantritte Carps eine Besserung der Lage unserer Brüder in Rumänien erhofften, beweisen folgende Blättermeldungen: In Lusa, Kreis Vaslui, hat die Gemeinde beschlossen, die Juden aus der Stadt zu vertreiben. Der Beschluss wurde vom Kreisvorsteher bestätigt, und am 12. Juli konnten die Bürger zur Ausführung ihres Beschlusses schreiten. Sie thaten es aber in einer so bestialischen Weise, dass man Zweifel hegen muss, ob die Rumänen in Lusa noch überhaupt zum menschlichen Geschlechte zu zählen sind. Sie schlössen nämlich die Juden in ihren Wohnungen ein, quälten und marterten sie die ganze Nacht hindurch und. banden sie schliesslich gegen Morgen an herbeigebrachte Wagen, die vorher mit ihren Habseligkeiten bepackt wurden, um sie in Gemeinschaft mit einigen Strolchen so nach Vaslui zu transportieren. — In Berlad prügelte ein Schutzmann ein sechsjähriges jüdisches Kind, weil es — eben ein jüdisches Kind war. Von dessen Mutter deshalb zur Rede gestellt, erklärte sie der Mann in der Schutzmannsuniform für verhaftet und schleppte sie unter Püffen und Stössen zur Wache. Hier wurde die Unglückliche von dem Wütherich und seinen Amtscollegen zunächst geschändet und dann furchtbar verhauen. Auch die auf den Hilferuf der misshandelten Frau herbeigeeilten Juden aus der Nachbarschaft wurden schwer geprügelt. Dann aber wurde ihnen Bart- und Haupthaar der einen Kopfhälfte abrasiert Die Frau ist ihren Schmerzen erlegen, und die geprügelten Männer liegen jetzt, 20 an der Zahl, im Krankenhause. Ch. D. Lippe, der bekannte hebräische Bibliograph, ist Samstag den 25. August in Wien nach längerem Leiden verschieden. Der Verstorbene ist ein Bruder unseres Gesinnungsgenossen Dr- K. Lippe aus Jassy. Sammlungen für die rumänischen Juden in Deutschland. Im Grossherzogthum Hessen sind bis jetzt zugunsten der rumänischen Juden gesammelt worden: In Rheinhessen 20.119-10 Mark, hiervon entfallen auf Mainz 17.430-15 Mark, auf Bingen 1000 Mark. In Starkenburg 10.179-17 Mark, hieran ist Darmstadt mit 9000 Mark betheiligt. In Oberhessen S74-35 Mark, zusammen 31.172-62 Mark. Von dieser Summe soll der grössere Theil der „Alliance israelite" zur geeigneten Verwendung in Rumänien selbst zur Verfügung gestellt werden, während der Rest des Betrages einstweilen noch zur Verwendung für die am Orte Durchreisenden oder für spätere Entschlüsse an der Depotstelle verbleiben soll. Von den in Frankfurt gesammelten Beträgen, die sich wohl auf insgesammt 400.000 Mark belaufen dürften, sind etwa 100.000 Mark am Platze selbst, beziehungsweise in Rotterdam verwendet worden, während der Alliance in Paris einstweilen 80.000 Mark gesandt wurden. Ein grösserer Theil des übrig bleibenden Betrages soll den Absichten der Spender gemäss für Galizien verwendet werden. In München wurden über (iO.OOO Mark gesammelt. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israelitischen Cultusgemeinde weist für die Zeit vom 5. bis zum 11. August 1900 5 Trauungen, G3 Geburten und 25 Sterbefälle, für die Zeit vom 12. bis zum 18. August 25 Trauungen, 56 Geburten und 27 Sterbefälle auf. Personalnachricht. Unser Gesinnungsgenosse Rabbiner Dante A. Lattes aus L i v o r n o feiert am 9. d. M. seine Vermählung mit Frl. Emma diS. Curie 1, einer Tochter unseres Gesinnungsgenossen Herrn A. di S. Curiel, Herausgebers des „Corriere Israelitico" in Triest. Correspondenzen. Wien, 17. August. In seiner gestrigen Sitzung beschloss der Zionistische Districts - Vorstand für Niederösterreich, Herrn Architekten Oscar M a r m or e k, Herrn Dr. Alexander Marmore k-Paris, sowie der Familie des so plötzlich dahingeschiedenen Herrn Doctor Josef Marmorek sein herzlichstes Beileid auszudrücken. Bei der Beerdigung war der Districts-Vorstand durch mehrere Mitglieder vertreten. Wien. (Einzelverein „W i e n" d e s „Z i o n"-V e rb an des.) Wir beehren uns, die Verbandsmitglieder zu benachrichtigen, dass an den hohen Feiertagen unter der Leitung unseres Vereines ein Gottesdienst im grossenSaale desCongressbureaus,IX-,Türkenstrasse 9, abgehalten wird. Karten sind bei folgenden Herren zu haben : Nathan Smiles, IX., Schlickplatz 4, Hermann Schimmer, IL, Rembrandtstrasse 30, Norbert Rappaport, IL, Castellezgasse 11, Herrn. Berliner, VIL, Kirchengasse 5, sowie im Bureau des „Carmel", Börseplatz. Da im ganzen nur circa 80 Männer- und 40 Frauenplätze zur Verfügung sind, bitten wir die Reflectanten um gefl. baldige Meldung bei genannten Stellen, wo auch alles Nähere über Preis etc. zu erfahren ist. Der Vereinsausschuss. Wien. (Israelitische Cultusgemeinde.) Für den im grossen Musikverein s-S aale, L, .Kärntnerring, Künstlergasse Nr. 3, an den hohen Feiertagen stattfindenden Gottesdienst werden Karten vom 2. September 1900 angefangen an der Cassa der israelitischeu Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, 1. Stock, täglich von 9 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags (Samstag ausgenommen) ausgegeben. Wien. (Wer weiss Auskunft) über den gegenwärtigen Aufenthalt der Frauen Perl und Jetty Feldmann aus Galatz? Dieselben waren Mitglieder der Truppe, welche von Galatz nach Cypern segeln wollte, jedoch nur bis zum Piräus (Athen) gelangte. Dort löste sich die Truppe auf. Frau Perl Feldmann soll nach Corfu gebracht worden sein. Diesbezügliche Mittheilungen sind an L. J. Feldmann per Adresse N. Zipkis, Galatz, str. Brailei 8, zu richten. Prag. „Narbdni Listy" sind diesmal aus Anlass des Congresses ausserordentlich feindlich, während sie anlässlich eines früheren Congresses eine ziemlich sachliche Arbeit Anton Necasels: „Judaea rediviva" gebracht hatten. „Czas", das Realisten-Organ Professor Masaryks schreibt: „Dem vorurtheilslosen Beobachter muss es entschieden imponieren, diese Versammlung von Juden aus der ganzen Welt am Werke zu sehen, wie sie zusammengekommen sind, um für ihre nothleidenden Brüder zu arbeiten, ohne dass sie sich auf die Hilfe der reichen Juden verlassen wollten, die sich ihrem Volke entfremdet haben." Diese freundliche Haltung des „Czas" war begründet durch das vom Professor Masaryk persönlich redigierte Programm seiner neuen „Volkspartei", worin es unter anderem mit Bezug auf „Unsere Haltung zum Antisemitismus und zur Judenfrage" (Punkt LX aus dem „Czas" vom 24. März 1900) heisst: „Das Schlagwort „Assimilation", welches besonders der Liberalismus predigt, wird nicht scharf genug präcisiert. Rassen-Assimilation? Da müsste doch entschieden die culturelle Assimilation vorausgehen, und diese könnte nur durch Reform beider Parteien, durch Reform des moralischen und religiösen Lebens bei Juden und Christen stattfinden. Sowie wir es uns selbst gestehen müssen, dass wir auf der ganzen Linie der Reform bedürfen, ebenso müssen auch die Juden selbst es sich zum Bewusstsein bringen, dass sie sich reformieren müssen. Freilich ist das ihre Sache und Sache ihres Gewissens. In dieser Hinsicht ist uns der Zionismus insofern sympathisch, als er seines Judenthums sich nicht schämt und zugleich seine moralischen Mängel zugibt." Bielitz. Unser Gesinnungsgenosse Herr Dr. J. Günzig, Obmann des hiesigen Vereines „H a s c h a c h a r", ist zum Rabbiner der Gemeinde Loschitz gewählt worden. Wiewohl wir Herrn Dr. Günzig ungerne scheiden sehen, freuen wir uns, unseren werten Gesinnungsbruder an der Spitze einer jüdischen Gemeinde zu wissen, und geben der Hoffnung Ausdruck, dass Herr Dr. Günzig an der Verbreitung unseres Volksideales nach wie vor fleissig arbeiten wird. Wir beglückwünschen Herrn Dr. Günzig, noch mehr aber die Loschitzer Gemeinde, zu dieser Wahl. —ff. Uhnöw (Galizien). In unserem Städtchen, das fast ausschliesslich von Juden bewohnt ist, wüthete am 25. August eine schreckliche Feuersbrunst, die circa 500 Häuser einäscherte. Nahezu 1000 jüdische Familien sind obdachlos. Das Elend ist namenlos, schleunige Hilfe dringend nothwendig.

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