Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 36 (7.9.1900)
- Article
- Nachtsitzung des III. Tages
- Date
- 1900-09-07
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 36 „Die j£ Welt?' Seite 7 Cultur, die wir. schaffen wollen, sei eine Uncultur, sei eigentlich ein Rückschritt. Die moderne Entwicklung unseres Volkes müsse ehrlich und unumwunden anerkannt und an dem Grundsatze unverrückbar festgehalten werden, dass, wie jede echte Cultur, auch die jüdische humanistisch und national zugleich sein müsse. Der Congress möge daher seine Autorität dafür einsetzen, dass das Volk sich der Arbeit für seine geistige und nationale Wiedergeburt widme. Die national-jüdische Volksbildung ist nicht Aue h- Zionismus. nein, sie ist der eigentliche Zionismus! (Lebhafter Beifall.) Der Congress möge weiters allen Pionnieren auf dem Gebiete der Volksbildung und Volkserziehung seine höchste Anerkennung aussprechen (Stürmischer Beifall) und innerhalb der Grenzen seiner Mittel der Förderung der hebräischen Sprache und jüdischen Literatur seine höchste Unterstützung angedeihen lassen. Referent tritt weiters für die Erhaltung des Beth-hasepher in Jaffa und die Unterstützung der National-Bibliothek in Jerusalem ein (Lebhafter Beifall), regt die Gründung von freien Vereinigungen und Kränzchen, sowie die Veranstaltung von Lehrer Versammlungen an und stellt schliesslichfolgendenResolutions-Antrag:„Der Congress erklärt, dass die Arbeit der geistigen Hebung der Juden in der Theorie und im Principe einen integrierenden Theil des Zionismus bildet." (Lebhafter Beifall.) In der Debatte über dieses Referat ergreifen zunächst Rabbiner Reines (Lida) und Herr T a i z das Wort. Sie meinen, dass nicht die Cultur die Hauptsache sei, sondern dass das Volk Brot zum Essen bekomme und überhaupt in materieller Hinsicht sichergestellt werde. Dann werde die höhere Moral, die als eine Folge der Cultur in Aussicht gestellt werde, von selber kommen. Nach einer längeren Geschäftsordnungs-Debatte wird die Wahl von Generalrednern über diesen Punkt der Tagesordnung beschlossen und die Sitzung hierauf um 7*1 Öhr nachts auf Donnerstag 10 Uhr vormittags vertagt. IV. Tag. Vormittags-Sitzung. Die Sitzung wird um 7411 Uhr von Dr. Herzl eröffnet und sodann abermals eine grosse Anzahl von Begrüssungskundgebungen zur Verlesung gebracht. Dr. Leop. Kahn (Wien) ergreift sodann als Correferent über die geistige Hebung des jüdischen Volkes das Wort. Er bezeichnet es als ein Unrecht, die alten Traditionen zu verlassen. Auf das Wort „Cultur", das so viele Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen habe, könne man leicht verzichten, nicht aber auf das Wesen der Sache. Er beantragt folgende Resolution : „Unter gleicher Achtung jeder Ueberzeugungsrichtung und ohne ein bestimmtes, festes Programm für die Länder der Diaspora aufzustellen, macht es der Congress jedem Zionisten und den Zionistenvereinen zur Pflicht, an der geistigen Hebung des jüdischen Volkes in religiöser, sittlicher und nationaler Beziehung zu arbeiten. Er erachtet es für wünschenswert, dass zur leichteren Erreichung dieses Zieles entsprechende Landesorganisationen geschaffen werden, die dort, wo den Juden der Zutritt zu den Staatsschulen erschwert wird. Anstalten ins Leben rufen und erhalten sollen, in denen nebst den allgemeinen Unterrichtsgegenstäuden das Studium der hebräischen Sprache, eine gründliche Kenntnis der jüdischen Cultur und Geschichte als obligate Lehrgegenstände eingeführt werden. Solche Organisationen werden dem Congresse über ihre Thätiglceit Bericht zu erstatten haben.- (Lebhafter Beifall.) Referent empfiehlt die Annahme dieser Resolution namens des Culturausschusses, da sie einen Mittelweg bedeute, der alle befriedigen könne. (Lebhafter Beifall.) Rabbiner Reines (Lida) betrachtet die Culturfrage als etwas, was dem Zionismus fremd sei, und meint, dass derjenige, welcher für die Einschliessung der Culturfrage in dass Programm des Zionismus sei, den Zionismus entweder nicht verstehe oder sich ihm gegenüber passiv verhalte. Generalredner Dr. W eitzmann spricht sich dagegen aus, das religiöse Moment in das Programm einzubeziehen, da dadurch viele vom Congresse ausgeschlossen würden. Man möge hier keine Conc;ssionen machen. Wenn die Rabbiner als Vertreter des Volkes hieher kommen, seien sie willkommen. Wenn sie aber als Vertreter der Synagoge herkommen, um unsere Berathungen zu behindern, so sei das antijüdisch. (Lebhafter Beifall.) Dr. A w i n o w i t z k y (Odessa) will die Culturfrage aus dem Programme ausgeschaltet wissen. Die Cultur sei eine Frage für sich. Sie aber hier aufzuwerfen und zu discutieren, würde nur Zwistigkeiten hervorrufen. Leo M o z k i n meint, dass der Cultur-Ausschuss dem Referenten Dr. Kahn einen derartigen Auftrag nicht gegeben habe: von der Hebung in religiöser Beziehung sei im Ausschusse nichts beschlossen worden. Präs. Dr. Herzl constatiert, dass ein förmlicher Beschluss des Cultur-Ausschusses nicht vorliege und Doctor Kahn diesen Antrag nur im eigenen Namen gestellt habe. Mozkin beantragt hierauf, das Wort „in religiöser Beziehung" in der Resolution Kahn zu streichen. Referent Sokolow verweist bezüglich der Culturfrage auf das Baseler Programm, in welchem man sich doch verpflichtet habe, das jüdische Volksbewusstsein zu heben. Präs. Dr. Herzl constatiert, dass Herr Mozkin mit dem Antrage auf Streichung des Wortes „religiös" durchaus nichts Religionsfeindliches beabsichtige. Er stehe dabei nur auf dem Standpunkte, den man in den bisherigen Congressen eingenommen habe, diese Fragen hier nicht zu erörtern, damit nicht Missverständnisse über die nationale Tendenz des Zionismus entstehen. (Lebhafte Zustimmung.) Man müsse nach wie vor dabei stehen bleiben, dass der Zionismus alle Bekenntnisfragen ausschliesse. (Lebhafter Beifall.) Dr. Kahn habe seinen Antrag zurückgezogen. Ausserdem liege ein Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung vor. Derselbe wird unter lebhaftem Beifalle angenommen. Präs. Dr. Herzl theilt mit, dass der Referent über die Frage der wirtschaftlichen Hebung, Doctor Isidor Marmore k, durch Familienverhältnisse verhindert sei, das Referat zu erstatten. Er weist auf die Wichtigkeit dieses Gegenstandes hin, bei dem der Congress etwas wirklich Praktisches leisten könne. Die vom Referenten beantragten Vorschläge lauten : 1. Schulung für den wirtschaftlichen Kampf: a) Vorbereitung für den gewählten Beruf, nothwendig geworden durch die Absperruug der öffentlichen Schulen für Juden. b) Schaffung von Berufsgenossenschaften und Gewerkschaften. 1. Fürsorge während der Arbeit und zur Zeit der Arbeitslosigkeit: a) Kranken-, Invaliditäts- und Alters-Versorgung. b) Aibeitsvermittlung und Versicherung gegen Arbeitslosigkeit. 3. Massregeln zur wirtschaftlichen Emancipation : a) Ermöglichung von Selbstproduction (Productiv- Genossenschaften). b) Erschliessung von Absatzgebieten für diese Production. c) Schaffur.gvon Creditgenossenschaften, Vorschusscassen, Rohstoff-Genossenschaften und Consum- Vereinen. Rechtsanwalt Jasinowsky (Warschau) beantragt, mit Rücksicht auf die kurze, noch zur Verfügung stehende Zeit, und da man mit den vorhandenen Mitteln nichts Erhebliches leisten könne, über diesen Gegenstand zur Tagesordnung überzugehen. Präs. Dr. Herzl spricht sich mit Rücksicht auf die Wichtigkeit der Sache dagegen aus. Gerade hier könnten die Vereine das Jahr über sehr thätig sein, und man könnte hier beweisen, dass man nicht mit Phrasen herumwerfe, sondern wirklich die Absicht habe, etwas für das Volk zu leisten. (Lebhafter Beifall.) Der Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung wird abgelehnt. Dr. Katzenellensohn (Wilna) bespricht in sehr eingehender Weise die ökonomische Lage der Juden, die in den weitaus meisten Fällen eine elende sei. An der Hand d«n- Statistik weist er nach, dass es nicht richtig sei, dass der Handel in Russland überwiegend in den Händen der Juden liege. Andererseits sei die Zahl der jüdischen Gewerbetreibenden und Fabriksarbeiter eine sehr grosse. Redner macht insbesondere die Verhältnisse in den volkreicheren Städten Russlands zum Gegenstande seines Vortrages, wo die Ernährungsweise die denkbar schlechteste ist. Wohlthätigkeit könne da nicht helfen; da müsse in anderer Weise eingegriffen werden und ein geeignetes Mittel hierzu wäre die Gründung von Creditbanken in allen grösseren Städten, wo Juden wohnen. Zum Schlüsse spricht Redner die Hoffnung aus, dass die Jüdische Colonialbank einstmals diese Creditbanken wird unterstützen können. (Lebhafter Beifall.) Dr. Rosenheck (Kolomea) regt die Schaffung von Genossenschaften auf jüdisch-nationaler Basis an, um unbemittelten Juden einen billigen und ausgiebigen Credit zu verschaffen und auf diese Weise auch Existenzen zu begründen. Auch die bereits bestehenden Organisationen