Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Spenden : für die rumänischen Juden [Nachricht]
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 15 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 „Die i$ Welt** Seite 15 endlich meine Schuld bezahlen — sie hat mir schon Gewissensbisse verursacht Gestatten Sie." Er hielt Zillah die Münze entgegen, die das Mädchen schweigend in Empfang nahm. „Ich wäre schon früher gekommen, aber ich konnte nicht," fuhr er fort; „ein politischer Verbrecher, nach dessen Gesellschaft sich die Polizei ungemein sehnte, drückte sich über die Grenze, und ich musste einen Ausflug nach Preussen machen, um ihn zurückzubringen." Salka stand starr am Ladentische und sah den Eindringling mit grossen Augen an. Zillah entgieng ihr Blick nicht. „Ich habe ganz vergessen, Dir zu sagen, Salka," erklärte sie hastig, „dass dieser Herr uns neulich die Ehre seiner Kundschaft erwies und kein Kleingeld bei sich hatte." Der junge Mann folgte Zillahs Blick. „Vermuthlich Ihre Schwester?" fragte er. Zillah nickte. „Welch ein trostloses Nest!" fuhr er fort. „Ich habe hier niemanden, mit dem ich ein Wort sprechen könnte, ich unternahm also gestern aus lauter Verzweiflung einen Spazierritt, in der Hoffnung, ausserhalb der Stadt mehr Glück zu haben. Und ich hatte recht; ich habe eine und die andere landschaftliche Schönheit genossen und ein oder zwei interessante Leute getroffen; es war sehr angenehm." „Wie konnte es auch anders sein — im Freien bei Sonnenschein?" entgegnete Zillah; so viel zu sagen schien ihr ungefährlich. „Es war nicht der Sonnenschein," erwiderte er, während seine Blicke an den ihren Wengen, „es war die Stimmung. Ich hätte eine ganze Nacht in einem karpathischen Schneesturm zubringen und glauben können, ich schliefe auf Eiderdunen. Wie schade, dass solche Stimmungen so selten und dann nur durch Zufall über einen kommen." Zillah wich seinem Blick nicht aus, er that ihr so wohl — ihr Herz erglühte darunter. Und der versteckte Sinn seiner Worte! Es kam ihr plötzlich zum Bewusstsein — was er schon vorher gemerkt hatte — dass zwischen ihr und diesem jungen Manne ein- Geheimnis bestand; der Gedanke machte sie nicht verzagt, aber schweigsam. „Will — will der Herr heute etwas kaufen?" stammelte Salka. Ihre Verwunderung raubte ihr fast den Verstand. Dieser Mann, dieser Fremde — dieser Christ unterhielt sich so intim mit ihrer Schwester, als wäre er ein alter Bekannter, und ihre Schwester verrieth kein Staunen, keinen Unwillen darüber! „Das ist ein sehr deutlicher Wink," sagte er gutgelaunt zu Salka, und er kommt gerade zur rechten Zeit. In zehn Minuten trifft der Personenzug aus Eiga ein, da muss ich auf dem Bahnhof sein, um die Pässe zu prüfen. Apropos" — wandte er sich an Zillah — „Sie sagen, dass Sie den Sonnenschein lieben. Wenn Sie dem Rathe eines erfahrenen Mannes folgen wollen, so werden Sie finden, dass man sich nicht besser am Sonnenschein erfreuen kann, als wenn man an einem schattigen Orte spazieren geht — am besten auf einer Strasse am Rande des Waldes zwischen zwei und drei Uhr nachmittags. Guten Abend, meine Damen." Nach seiner Entfernung herrschte tiefe Stille, die Salka zuerst unterbrach. „Was meinte er, Zillah?" fragte sie, Gesicht und Stimme voll dunkler Erwartung. „Wie soll ich das wissen?" erwiederte Zillah verdriesslich. „Nach Deiner Frage möchte man schliessen, dass ich mit seiner Art und Weise zu sprechen auf das innigste vertraut bin." „Aber Du bist so viel klüger als ich — deshalb fragte ich Dich." „Nun denn, ich halte dafür, dass er uns einfach auslachte, denn er sagte uns etwas, was jedes Kind weiss, und wollte uns offenbar mit seiner tiefen Weisheit imponieren." ,.Du hast recht, Zillah, Du hast immer recht," sagte Salka tief aufathmend, als ob ihr Gemüth von einer grossen Unruhe befreit wäre. „Er machte sich einfach über uns lustig, schon früher, als er von seiner Stimmung sprach. Mag er — Du machst Dir doch nichts daraus, Zillah?" „Nicht das Geringste." Und Zillah zuckte mit den Achseln, um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen. „Lass' ihn spotten. Er denkt, dass jedermann uns ungestraft zur Zielscheibe seines Spottes machen darf; versucht es die Welt nicht schon seit Jahrhunderten, uns mit ihrem Spotte zu tödten? Etwas mehr oder weniger davon wird uns nicht schaden." Salka gieng zu ihrer Patientin hinauf, und Zillah schraubte die Gasflammen etwas herab und rückte ihren Stuhl zur Thür, wo sie in die sternenhelle Nacht hinausblickte und lauschte. In Wirklichkeit aber dachte sie an den Commissär und seine Theorie vom Sonnenschein und fragte sich im Stillen, wann sie es gelernt hatte, ihre Schwester so leichten Herzens zu belügen. Jeiteles kam an dem Abend sehr spät zurück. Er war nicht bei seiner Mutter gewesen — er hatte mit den anderen Knaben Soldaten gespielt. In seinem Schuldbewusstsein war er auf viel Schelte und wenig Abendessen gefasst. Aber Zillah sagte nur: „Sperre den Laden zu, es ist ein Stück kaltes Huhn für Dich da: Du wirst es auf dem Waldweg — ich wollte sagen in der Speisekammer finden." V. Der Commissär gieng in der Allee, welche den Eingang zum Walde bildete, auf und ab. Das war der dritte Nachmittag, an dem er das that. Die Sonne glühte auf ihn herab, aber er schien sich nicht darum zu kümmern. Von Zeit zu Zeit gieng er zu dem äussersten Ende der Allee, von wo er zu der Häuserreihe hinüberblicken konnte, und blieb dort volle fünf Minuten stehen. Dann schüttelte er den Kopf und nahm seine wandernde Beschäftigung wieder auf. Er fragte sich im Stillen, warum sie nicht kam, bis sein ganzes Herz eine einzige bange Frage war. Da — sein Herz jauchzte und hüpfte — um die Biegung der Strasse kam ein rosa Sonnenschirm einher, der eine hohe geschmeidige Gestalt beschattete — er machte weniger den Eindruck eines Schirmes als eines Heiligenscheines. Rasch trat er auf sie zu, und ihre Hand lag in der seinigen — sie wusste selbst nicht wie. „Wir scheinen vom Schicksal bestimmt, uns zu begegnen." sagte sie lächelnd mit bebender Stimme. „Warum wollen Sie es verbergen?" fragte -er fast schroff. „Sie wissen, dass wir — dass ich das Schicksal selbst geschaffen habe. Warum sind Sie gestern nicht gekommen? Und vorgestern?* „Sie vergessen, dass ich nicht Herrin meiner Zeit bin; es war sehr viel im Geschäft zu thun — wer hätte bedienen sollen?" (Fortsetzung folgt.) Spenden. Für die rumänischen Juden: Glückliches Brautpaar, Linz K. 2.—, Jüd. akad. Ferial- Verbindung. Bielitz K. 51.50, Zieher Sam., Tarnopol K. 2.—, Magazineur Morecki. Tarnopol K. 1.—, Jüd. Gymnasialjugend. Jaroslau K. 10.80, Commers jüd>nat. Studenten N.-W.-Böhmens K. 20.—, Gisela K. 10.—, Zion. Handelsangestellte und Studenten Carlsbad K. 10.—, Hoch7<vt Berner Tarnopol K. 10.—, Jüd. akad. Jugend, Stryi K. 2.—. Zusammen K. 119.30. Für zionistische Zwecke: Drei Baseler Zionistinnen K. 3.38.