Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Die Einwanderung rumänischer Juden in Canada
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 34 ,Die 2§l Welt1 Sfeite 13 Die Einwanderung rumänischer Juden in Cariada. Aus Montreal ■wird gemeldet: Kürzlich brachte der englische Dampfer „Lake Cham piain " von Liverpool etwa 350 rumänische Einwanderer nach Montreal. Seit 1891 sind hier keine Einwanderer mehr gelandet worden, da alle Einwanderer stets schon in Quebec ans Land geschafft, abgefertigt und von da per Bahn nach den verschiedenen Gegenden Canadas und Amerikas gesandt werden. Es verlautete denn auch bald, dass diese 350 Rumänen auf Befehl der Regierung vorläufig in Ottawa noch festzuhalten seien und keine Erlaubnis erhalten dürfen, den Dampfer zu verlassen, noch imt Freunden und Religionsgenossen anders als vom Schiffe aus sich zu unterhalten. Von letzteren war eine grosse Anzahl erschienen, ebenso Vertreter der Ica, sowie anderer jüdischer Unterstützungs-Vereine, aber niemand durfte an Bord, und der Verkehr geschah denn auch lediglich aus einiger Entfernung mündlich oder schriftlich. Die genannten Vereine haben einen energischen Protest nach Ottawa gesandt und sie erklären darin die Behauptung, dass die Einwanderer „Paupers* seien, für unbegründet. Dieselben hätten Geld genug, um ihre Reise nach dem Innern des Landes eventuell selbst bezahlen zu können und ausserdem wären sie als Handwerker imstande, sich selbst durchzuschlagen, sie würden dem Lande nicht zur Last fallen. Es ist Aussicht vorhanden, dass man in diesem Falle die 350 Leute ins Land hineinlassen wird; aber in Zukunftsollen besonders strenge Massregeln getroffen werden, um einen weiteren Zufluss von Leuten, die nicht in der Landwirtschaft beschäftigt werden können, zu verhindern. Alle Zweige des Handwerks sind überfüllt; das beweisen die zahlreichen Arbeitslosen in den Städten. Gerade die Städte ziehen alles ■an sich und für das Landleben herrscht wenig Neigung. Einer, der vor einem jüdischen Richter nicht schwören will. Aus Saalfeld in Ostpreussen meldet man: Die Affaire •der Eidesverweigerung des Rittergutsbesitzers List vor •einem jüdischen Assessor hat ihren Abschluss gefunden. Nachdem List im Juli zu 200 Mark Geldbusse und zur Tragung der Kosten eines neuen Termines verurtheilt und seine Beschwerde vom Landgerichte Braunsberg zurückgewiesen worden war, erschien er zum neuen Termine vor ■demselben jüdischen Assessor mit den Worten: „Gezwungen von der Gewalt des Staates, will ich den Eid leisten." Da er zu der Eidesformel noch Zusätze murmelte, wurde er wegen Ungebür zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt, die er sofort erlegte. Die russischen Juden auf der Pariser Weltausstellung. Unter •der Ueberschrift „Etudes sur les Israelites" hat der Warschauer Banquier Bloch eine Serie von statistischen Tabellen und graphischen Darstellungen ausgestellt, durch welche die segensreiche Thätigkeit der Juden in Russland nachgewiesen wird. Durch die erste Tafel wird dargethan, dass im Ansiedlungsrayon der Preis von Grund und Boden um 19 Percent höher ist, als in den Gouvernements, wo den Juden der ständige Aufenthalt verboten ist; Syphilis und Prostitution grassieren unter der Bevölkerung des Ansiedlungsrayons weit weniger, als im übrigen Russland, und selbst die Zahl der Verbrecher ist da geringer. Eine weitere Reihe von Tafeln beweist, dass im Rayon die rückständigen Steuern geringer, der Viehreichthum aber grösser ist, als in den „judenreinen* Gouvernements, und dass ferner in den 25 Gouvernements des Ansiedlungsrayons jährlich für acht Millionen Rubel weniger Schnaps verbraucht wird, eine Ersparnis, welche die Bauern zur Verbesserung ihres lebenden und todten landwirtschaftlichen Inventars, sowie zur Zahlung, von Steuern verwenden. Was die Juden selber anbelangt, so wird durch statistische Ziffern der unwiderlegüche zahlenmässige Beweis geführt, dass ein jüdischer Verbrecher auf 2170 Menschen kommt, während bei der übrigen Bevölkerung Russlands ein Verbrecher schon auf 715 Menschen kommt. Eine weitere* Reihe von Tabellen schildert den Juden als Kaufmann, wobei Herr Bloch zu überraschenden Resultaten kommt: Die Juden sind nur im Kleinhandel tüchtig, während sie sich mit grossen Handelsunternehmungen ungern abgeben. Im Ansiedlungsrayon bilden die Juden die grössere Hälfte der gesammten Handelstreibenden, der von ihnen erzielte Umsatz beträgt aber nur 436 Millionen Rubel, während der Umsatz der kleineren Hälfte, der christlichen Handelstreibenden, sich auf 4S9 Millionen beläuft. Der grösste Theil der jüdischen Händler sind kleine Detaillisten, deren tägliche Losung 1—3 Rubel beträgt, woran 20—60 Kopeken (0-50—1-50 Kronen) verdient wird. Und um einen solchen kläglichen Gewinn zu erzielen, muss der jüdische Detaillist 12—16 Stunden täglich arbeiten und „handeln". Wahrlich, kein beneidenswertes Los. Die Zahl der jüdischen Handwerker im Ansiedlungsrayon beziffert Herr Bloch auf 3,101.560, gleich 78 Percent aller Handwerker. Diese Ziffern reden eine unzweideutige Sprache! Die Juden im Ansiedlungsrayon bilden kaum 20 Percent der Gesammtbevölkerung, dafür aber 80 Percent aller Handwerker. Und da reden unsere „guten Freunde" von Mangel an Handwerkern unter den Juden! Die Lage dieser Handwerker ist äusserst traurig. Ihr Jahresverdienst beträgt durchschnittlich 171 Rubel. Professor W. Solowjew. Die Gelehrtenwelt in Russland beklagt jetzt den Tod des berühmten russischen Philosophen und Publicisten Wladimir Solowjew. Die Juden verlieren in Solowjew einen warmen Freund und Verth eidiger, der mit dem ihm eigenen Muthe oftmals seine Stimme zu ihren Gunsten erhoben hatte. Seine Artikel zugunsten des verfolgten jüdischen Volkes, von Humanität und Toleranz durchdrungen, sind noch dadurch bemerkenswert, dass sie in ihrer feinen Analyse und scharfsinnigen Kritik, in ihrer glänzenden Darstellung und in ihrem Adel des Geistes den Leser gefangennehmen und den Gegner entwaffnen. Als der Mechaniker Ernst Schneider in Oesterreich und dessen gleichwertige Gesinnungsgenossen in Deutschland gegen den Talmud den Feldzug eröffneten, publicierte Solowjew in der Moskauer Monatsschrift „Russkaja Myssl" (Russischer Gedanke) einen Artikel unter dem Titel „Der Talmud und die neueste polemische Literatur gegen denselben in Oesterreich und Deutschland", in welchem er, als Kenner der hebräischen und der rabbinischen Literatur, den hohen ethischen Wert des Talmud nachwies und die unberufenen Kritiker desselben nach Gebür würdigte. Vom Standpunkte des Christenthums, das in Solowjew einen seiner besten Kritiker besass, hatte der Verstorbene über die sogenannte jüdische Frage folgendermassen geurtheilt: „Entweder sind die Juden nicht unsere Feinde, dann gibt's keine jüdische Frage, oder sie sind unsere Feinde, dann muss man sie im Geiste der Liebe und des Friedens behandeln. Das ist die einzige christliche Lösung der jüdischen Frage." Eine Preisausschreibung. Einige Zionisten in Wilna haben einen Preis ausgesetzt für das beste in hebräischer oder russischer Sprache geschriebene Werk, welches in volkstümlicher Form das Wesen des Zionismus auseinandersetzt. Es soll vor allem der Begriff des Zionismus klar definiert werden, sodann die geschichtliche Ausgestaltung der Idee dargelegt, ferner die Nothwendigkeit der zionistischen Bewegung und die Erreichbarkeit des zionistischen Endzieles dargethan, die verschiedenen Strömungen in der Bewegung vorgeführt und schliesslich die Pflichten, die der Zionismus seinen Bekennern auferlegt, erörtert werden. Die Preisschrift ist zu Agitationszwecken bestimmt. Der ausgesetzte Preis beträgt 300 Rubel. Personalnachricht. Fräulein Rosalie Hammer, Cassierin des Vereines jüdischer Mädchen „Hadassa", hat sich mit,, Herrn David Schauer aus M.-S z i g e t verlobt.