Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Brief aus Rumänien
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die & Welt«* Nr. 34 frage nothwendige und von ihr erwartete Energie vermissen lässt, und dass man gut thut, um bitteren Enttäuschungen zu entgehen, seine Zuversicht auf das möglichste Minimum herabzuschrauben. Zu dieser, dem Schreiber dieser Zeilen selbst unangenehmen Warnung drängt auch die Haltung der Regierung in der letzten Zeit. Ein politischer Mord ist in einer Strasse Bukarests von einem jungen Bulgaren verübt worden. Die Bukarester Polizei, welche sich damit beschäftigt, Juden auszuweisen, Organisationen zu sprengen, alte Juden aufzufangen, zu misshandeln und zu photographieren, auch jüdischen Kaufleuten Geld zu erpressen, konnte natürlich keine Ahnung haben von dem Complotte, welches sozusagen unter ihrer Nase angezettelt wurde. Die Regierung aber benützt die durch dieses Complott hervorgerufene Erregung der Gemüther, um die Judenfrage zu Grabe zu tragen. Gelingt ihr das, so bleibt sie judenfreundlich und — im Sinne der Antisemiten — auch „patriotisch". Seit nahezu dreissig Jahren ist es nicht gelungen, die Judenfrage wieder auf die Tagesordnung der rumänischen Politik zu bringen. In diesem Jahre gelang es endlich. Es wäre also der grösste Fehler, der rumänischen Regierung den Gefallen zu erweisen und ihr die Wegräumung dieser Frage leicht zu machen. Die Regierung ist zwar dem Namen nach philosemitisch, und Herr Carp ist ein bekannter Judenfreund, dessen guter Glaube über allen Zweifel erhaben ist, aber unangenehm wäre es ihm doch, wenn er sich mit den Antisemiten herumbalgen müsste, und sehr angenehm wäre es ihm auch, wenn er an die heikle Juden frage nicht herantreten müsste. Aber gerade weil er Philosemit ist, muss Herr Carp gezwungen werden, der Frage näherzutreten, und sein Möglichstes zu thun, um dieselbe auf jene Bahn zu lenken, von welcher aus der Weg zu .ihrer Lösung führt. Wir wollen ja sehen, was jene Juden, welche sich jetzt — wir lassen es dahingestellt, ob mit Recht oder nicht — die Führung der Politik der Juden in Rumänien angeeignet haben, thun werden, um die nach dreissig Jahren wiedererwachte Judenfrage nicht sang- und klanglos zu Grabe tragen zu lassen. W. Weltchronik. ^^led^Dr^osei^MaraaorekJ Am 16. d. M ist der praktische Arzt Dr. Josef Marmorek in Franzensbad plötzlich verschieden. Der Name Marmorek ist in der zionistischen Bewegung wohlbekannt. Sind doch zwei Söhne des Verstorbenen Mitglieder der obersten zionistischen Leitung, des Actions-Comites. So ziemt es sich auch, des Vaters zu gedenken, der diese Söhne zu inniger Anhänglichkeit an das Judenthum erzogen und dem Zionismus thätige und eifervolle Arbeiter geschenkt hat Josef Marmorek wurde im Jahre 183S in Galizien geboren. Er entstammte einer tiefreligiösen und in der Wissenschaft des Judenthums eifrig thätigen Familie. Sein Vater liess ihm schon von frühester Jugend an den üblichen jüdischen Unterricht zutheil werden. Die grossen Geistesgaben des ehrgeizigen und wissensdurstigen Knaben veranlassten die Eltern, ihm das Gymnasialstudium zu gestatten. Sie verarmten aber, und so musste der junge Josef nach Absolvierung der vierten Classe das Gymnasium verlassen. Da sein Wissensdurst ihn jedoch nach wie vor gebieterisch auf der einmal eingeschlagenen Bahn vorwärts drängte, so widmete er sich unter kaum glaublichen Entbehrungen dem Studium an der wundärztlichen Schule in Lemberg. Seine Begabung und sein eiserner Fleiss verschafften ihm an der Schule bald einen ersten Platz. Seine Mitschüler liessen sich von ihm in ihrem Studium nachhelfen, und die kleinen Honorare, die Josef erhielt, ermöglichten es ihm, schon auf der Schule in Lemberg seine armen Eltern, an denen er mit unendlicher Zärtlichkeit hieng, zu unterstützen. Nach Beendigung seiner Studien trat er als Militärarzt in die österreichische Armee ein und machte den Feldzug im Jahre 1859 mit. Die grossen Anstrengungen warfen ihn nach der Schlacht bei Solferino aufs Krankenlager. Viele Monate musste er im Lazareth als Schwerkranker verbringen und wurde dann, als er endlich genesen war, unter ehrenvoller Anerkennung seiner Thätigkeit superarbitriert Kaum ein wenig erholt, widmete er sich in einem kleinen Städtchen Galiziens mit Erfolg der chirurgischen Praxis. An dem Orte seiner Wirksamkeit lernte er auch seine Frau kennen. Er heiratete, kaum 24 Jahre alt, und hatte das Glück, in seiner Frau eine ebenso treue als kluge Gefährtin zu finden. 38 Jahre einer ungetrübten, glücklichen Ehe verbrachten die Gatten miteinander. Erst der Tod konnte dieses schöne Band lösen. Als die Kinder heranwuchsen, zog er nach Wien und begann von neuem sein Studium. In kurzer Zeit gelang es ihm, sich das ärztliche Diplom zu erringen. Er prakticierte dann in Wien. Dr. Marmorek war ein überaus zärtlicher Vater, wie er ein überaus guter Sohn gewesen war. Nichts war ihm eine so heilige Pflicht als die Erziehung seiner Kinder. Selbst ein integrer Charakter, war er eifersüchtig darauf bedacht, dass auch nicht der Schatten eines ehrenkränkenden Wortes auf ihn oder einen seiner Angehörigen falle. Sein Haus nannte er mit Stolz ein jüdisches. Alle jüdischen Feiertage waren für ihn wahre Festtage, an denen er die ganze Familie um sich versammelte, Tage, die er weihevoll begieng. So konnte es nicht anders sein, als dass seine Kinder, als die Botschaft des Zionismus an das jüdische Volk ergieng, sich ohne Zaudern der Bewegung anschlössen. Ihre zionistische Thätigkeit ist bekannt. Sind doch auch Dr. Alexander und Architekt Oskar Marmorek, wie gesagt, vom Congresse zu Mitgliedern der obersten Leitung erwählt worden. Hat doch der dritte Sohn, Dr. Isidor Marmorek, dem letzten Londoner Congresse das Referat über die ökonomische Lage der Juden vorgelegt Und wie stolz war der Vater auf seine Kinder! Wie liebte er sie! Noch wenige Tage vor seinem Tode schrieb er an seine am Londoner Congresse theilnehmenden Söhne: ,Lasst Euch nicht stören! Thut Eure Pflicht! Ich habe nur ein Ziel und eine Hoffnung: Euch glücklich zu sehen!" So war der Dahingeschiedenedas Vorbild eines guten Menschen, eines wahren Juden, eines trefflichen Vaters und Gatten. Sein Leichenbegängnis bildete einen Beweis der hohen Achtung, welche er genoss. Zahlreiche Aerzte, darunter Professor Nothnagel, und andere hervorragende Vertreter der akademischen Lehrerschaft hatten sich im Trauerhause eingefunden. Viel grösser noch war die Zahl der Freunde und Bekannten, welche dem Todten das Geleite zur letzten Ruhestätte gaben. Wenn es für die trostlose Gattin, wenn es für die so schmerzlich betroffenen Kinder, die vom Congresse, mitten aus ihrer Arbeit für ihr Volk, an die Bahre des Vaters gerufen wurden, einen Trost gibt, so ist es der, dass das Andenken Josef M a rmsor e k s von vielen gesegnet wird. Den Hinterbliebenen können ihre Freunde und Bekannten tröstend sagen, was sie erheben muss über ihren Schmerz, dass sie ehrend und liebend dieses trefflichen Mannes gedenken dürfen. „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt."