Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 34 (24.8.1900)
- Article
- Nachmittags-Sitzung des I. Tages
- Date
- 1900-08-24
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 „Die j£ Welt*« Seite 7 an den Pranger stellen, welche zeigen, dass seine Götter Füsse von eitel Lehm haben und seine Könige nicht wert sind, mit Ochsen zusammen zu grasen." Nach Mr. Greenberg ergreift Dr. Alexander Marmorek das Wort, um über die Lage der Juden in Rumänien zu sprechen. Zu Beginn seiner Rede führt er aus, es würde keinen Zweck haben und am allerwenigsten den Opfern der rumänischen Judenverfolgungen dienlich sein, wenn von der Tribüne des Congresses Proteste oder Beschwerden in die Welt hinausgiengen. Alles, was der Congress thun kann, beschränkt sich auf den Ausdruck seines Schmerzes und auf die Blosslegung der Ursachen dieser Katastrophe. Die Zionisten haben nicht erst die Stunde der acuten Krise abgewartet, um ihre Blicke den rumänischen Juden zuzuwenden; nun hat aber die Stunde geschlagen, wo sie ihre Kräfte verdoppeln müssen, um die Leiden der Brüder zu erleichtern. Wie kommt es, fragt Redner im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen, dass tausende von Meeschen ihrem Vaterlande den Rücken kehren, das Theuerste hinter sich lassend: die Gräber der Vorfahren und die Stätten der Kindheit? Etwas Ausserordentliches muss vorgefallen sein, wenn 18.000 Personen, keineswegs lauter mittellose Leute, sondern auch viele von den Wohlhabenden, sich veranlasst sehen, aus dem Lande ihrer Geburt auszuwandern. Das Leben ist ihnen eben unerträglich gemacht worden in ihrer „Heimat", die es für sie nur war, wenn es galt, die Pflichten der Einheimischen zu erfüllen, in der sie aber als Fremde behandelt wurden, wenn der Genuss der staatsbürgerlichen Rechte in Frage kam. In den Schlussätzen seiner Rede sprach Dr. Marmorek von den Hindernissen, die den rumänischen Emigranten von den verschiedenen Staaten in den Weg gelegt worden sind, und entrichtete der englischen Nation und Regierung den Zoll des Dankes und der Anerkennung für die Gastfreundlichkeit, die den rumänischen Juden auf englischem Boden zutheil geworden ist. England das grosse, England das gastliche, habe auch diesmal seine glorreichen Traditionen gewahrt. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dr. Schlaposchnikoff referiert über die Lage der Juden im Kaukasus. Delegierter Herbst erstattet Bericht über die Lage der Juden in Bulgarien. Redner erwähnt unter anderem, dass in einer Sitzung der Volksvertretung der Antrag gestellt worden ist, den Juden die Erwerbung von Grund und Boden zu untersagen, ihre Handelsfreiheit einzuschränken, jedem Juden, der das 21. Lebensjahr überschritten hat, eine specielle Judensteuer aufzuerlegen u. dgl. m. Dr. Kau f m a n n aus Freiburg i. Br. referiert über die Lage der Juden in Deutschland. Die meisten Staatsämter seien den Juden verschlossen. In Sachsen bestehe ein Schächtverbot. Der Antisemetismus sei namentlich im gesellschaftlichen Leben fühlbar. Redner hebt hervor, dass die Judenfrage ein einheitliches Problem sei, das in den verschiedensten Ländern sich ziemlich gleich bleibe. Ein grosser Theil der gebildeten Juden in Deutschland nehme an Angelegenheiten der jüdischen Allgemeinheit gar keinen Antheil. Viele von ihnen gehen sogar treulos in das Lager der Feinde des Judenthums über. Dennoch breite sich der Zionismus in Deutschland von Tag zu Tag aus, und es sei zu hoffen, dass schliesslich auch die deutschen Juden zur Erkenntnis gelangen werden, das einzige Heil des Judenthums ruhe im Zionismus. Dr. M e n c z e 1 aus Czernowitz spricht über die Lage der Juden in Galizien und der Bukowina. Er entwirft ein" überaus düsteres Bild. Wenn von dem Elend der galizischen Juden weniger gesprochen werde als von dem der Juden in manchen anderen Ländern, so habe dies seinen "Grund darin, dass man in den Culturländern sich nur über die Vorenthaltung von Bürgerrechten aufrege, in Galizien aber Gleichberechtigung auf dem Papiere existiere. Ferner seien die galizischen Juden ihres Elends schon gewöhnt und rufen nicht unausgesetzt nach Hilfe. Frau Prof. Gottheit spricht französisch über die zionistischen Frauenvereine in Nordamerika. Unter den 135 Vereinen, die der „Federation of American Zionists* unterstehen, befinden sich auch viele Frauenvereine. In New-York allein gebe es deren fünf. Mrs. Gottheil richtet zum Schlüsse einen Appell an die jüdischen Frauen von Grossbritannien, es ihren amerikanischen Schwestern gleichzuthun. (Lebhafter Beifall.) Prof. Richard Gottheil referiert über die Lage der Juden in Amerika. Die wirtschaftliche Lage der nach Amerika eingewanderten Juden sei in den meisten Fällen sehr eiend. Auch eine antisemitische Strömung mache sich neuerdings bemerkbar. Im allgemeinen sei jedoch die Lage der Juden in der nordamerikanischen Union besser als in den meisten europäischen Ländern. Der Zionismus sei in Amerika im Anwachsen. Rabb. Reines spricht hebräisch zur Culturfrage. Die Sitzung wird hierauf vertagt. IL Tag. Vormittags-Sitzung. Dr. Herzl eröffnete die Sitzung um 10 Uhr vormittags. Nach dem Vorschlage der Permanenz-Commission werden einige Wahlen in die Ausschüsse vorgenommen, und sodann die seit gestern eingetroffenen Begrüssungskundgebungen zur Verlesung gebracht. Darunter befindet sich auch eine solche von 150 Zionisten und Scheckelzahlern in Constantine (Algerien). Hierauf erstattet Mr. Clarence J. de Sola einen Bericht über die Lage der Juden in Canada. Scheinkin überbringt dem IV. Congresse die herzlichen Grüsse der jüdischen Ackerbauer in Palästina. (Stürmischer Beifall.) Sodann erstattet Architekt Oscar Marmorek den allgemeinen Rechenschaftsbericht des Actionscomites. Die Bemühungen zur Verwirklichung der zionistischen Bestrebungen entziehen sich vor Erreichung eines wirklichen Resultates der Berichterstattung. Erst ein wirkliches Ergebnis, welches als ein endgiltiges angesehen werden kann, werde mitgetheilt werden. Der Congress könne aber versichert sein, dass das Actionscomite das Ziel des Zionismus durch Zugeständnisse des Sultans und Freundlichkeitsacte der Grossmächte zu erlangen, stets unentwegt im Auge behält. (Lebhafter Beifäll.) Zunächst suche man durch Belehrung und Aufklärung den Zionismus in jene Kreise zu tragen, in die er bisher noch keinen Eingang gefunden hat. Auch auf die Propaganda durch die zionistische Presse müsse grosses Gewicht gelegt werden, und es werde von diesem Congresse eine Commission gewählt werden, die sich mit der weiteren Ausgestaltung dieser Presse befassen kann. Die intensive Agitation im vergangenen Jahre hatte eine bedeutende Ausbreitung des Zionismus zur Folge. (Lebhafter Beifall.) In Russland gibt es jetzt 1034 Vereine gegenüber S77 im Vorjahre und 377 zur Zeit des II. Congresses. Die Zahl der organisierten Zionisten in Russland kann auf mehr als 100.000 geschätzt werden. Die Zahl der Zionisten, welche den Schekel zahlen, sei im steten Wachsthum begriffen, aber es gäbe hunderttausende von Juden, welche selbst diesen geringen Betrag nicht entrichten können, trotzdem aber aus ganzem Herzen Zionisten sind und ihre ganze Hoffnung auf die Verwirklichung des zionistischen Ideals setzen. (Lebhafter Beifall.) In England gibt es 3S Vereine in -2'.) Städten gegenüber 16 im Vorjahre. Die Zahl der Schekelgelder hat sich mehr als verdoppelt, dank der Thätigkeit der „Federation" und der Einzelveteine. In diesem Lande haben ausserdem unsere Bestrebungen nicht nur bei Juden, sondern auch bei Christen Würdigung und Förderung gefunden. In Canada gibt es keine Stadt, in der eine grössere Anzahl von Juden zusammenlebt, wo nicht ein zionistischer Verein thätig wäre. In Nordamerika gibt es 135 Vereine, darunter 70 Frauenvereine. In Südamerika, Frankreich. Belgien, Holland, Italien und der Schweiz hat die Zahl der Vereine und der Schekelzahler zugenommen. In Algerien beginnt sich unter den Juden die ErkeTrntnis von der Bedeutung des Zionismus zu regen. Im Deutschen Reiche ist die Zahl der Schekelzahler gestiegen, und es sind vier Vereine neu erstanden. In Oesterreich gewinnt der Zionismus insbesondere in den Provinzen an Ausdehnung, ebenso ist in Galizien und der Bukowina ein Anwachsen des Zionismus zu constatieren. In Rumänien sind durch die Auswanderungen viele Organisationen sehr geschwächt, einzelne ganz aufgelöst worden. In B u 1 g a r i e|n gibt es 42 zionistische Vereine. Mit Dankesworten gedenkt der Berichterstatter der Unterstützung, welche die Zionisten in Amerika den einwandernden Juden zutheil werden Hessen, (Lebhafter Beifall) um sodann die Mittel zur Förderung der Agitation für den