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Die Welt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Article
Eine offene Frage
Date
1900-08-17
Page
12 (sequence 1)
Language
German
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Seite 12 ,Die 2$ Welt" Nr. 33 F e u i 11 Eine offene Frage. Von Rosa Pomeranz. „Es wäre schon alles recht gut und schön, wenn nur die erste Voraussetzung und Behauptung der Zionisten richtig wäre — nämlich: dass die Juden eine Nation sind" — erwiderte in überlegen ironischem Tone der Vertrauensmann der Hypothekenbank aus der Kreisstadt T . . . auf eine eindringliche Auseinandersetzung des Gutsverwalters in Kozönka, bei dem er ein für „sein Institut" angekauftes Quantum Getreide übernehmen sollte. Das Büd eines hervorragenden Führers der zionistischen Bewegung, welches die bescheidene Stube schmückte, hatte dem zu einem gastfreundlich gebotenen Imbiss eingetretenen Städter die Veranlassung zu einer feindseligen Bemerkung geboten. Der Wirt blieb die Antwort nicht schuldig. Denn der Zionismus war nicht bloss mit dem Bilde nach Kozönka gedrungen. Moses Gartenblum, der Gutsverwalter, hat ihn mit der Gründlichkeit eines Talmudjuden studiert und erwogen, und —er dankt ihm manche erhebende Stunde, manche stille Freude, ja sogar Augenblicke überschwenglicher Hoffnung und Zuversicht-Gefühle, die, so flüchtig sie auch sein mochten, seit Judengedenken sich bei einem Menschen, der Moses hiess und Gutsverwalter eines polnischen Dorfes war, einzustellen keine Veranlassung hatten. Den Trost, welchen der richtig erfasste und tief empfundene Inhalt der Zionsidee jedem wahren Juden spendet, lässt Moses Gartenblum voll auf sich wirken. Die Gegner schlug er noch immer aus dem Felde — nicht etwa mit gelehrten Thesen, mit Argumenten aus Geschichte oder Psychologie. Das sind ihm unbekannte und für seine Beweisführung auch überflüssige Hilfsquellen. „Mit dem, was ich an mir selbst erfahren, bezeuge ich am besten, was wahr ist," pflegt er zu sagen. .So, also Sie meinen, jüdische Nationalität4 wäre ein Unsinn?! Ja?! . . ., fragt er seinen Gast im Tone eines Mannes, der ein folgenschweres Ultimatum stellt. Und weiter, ohne die Antwort abzuwarten: „Was sind denn Sie?" „Wieso, was ich bin? — Ein Pole bin ich!" erwidert mit Pathos der Vertrauensmann der Hypothekenbank. — „Ein Pole, wie unser Herr Director und alle Beamten." „So!" meint gedehnt der Gutsverwalter. „Und was, glauben Sie wohl, bin ich?" „Nun .. . auch ein Pole" — entscheidet nach einigem Schwanken herablassend der andere — »wir sind eben alle Polen . . . Polen mosaischer Confession." „Hm" — Moses Gartenblum erhebt sich, zieht schweigend die Schublade der grossen, gelben Commode heraus und entnimmt ihr drei Schriftstücke, die er, ohne ein Wort zu sagen, vor dem Gaste ausbreitet. Dieser bemerkt mit einiger Verwunderung, dass es Schulzeugnisse sind : ein deutsches, ein polnisches und ein ruthenisches. Fragend blickt er seinen Wirt an. „Das sind die Schulzeugnisse meiner drei Söhne" erwidert dieser erklärend — und nun setzen Sie sich ein bischen und hören Sie zu." Ich bin in Rumänien geboren, habe von Jugend auf die Landwirtschaft gelernt — versteht sich, nur auf praktischem Wege — und mit Erspartem und Erheiratetem habe ich später einen Meierhof in der Bukowina — nahe bei Czernowitz — in Pacht genommen. Später erlangte ich das össterreichische Bürgerrecht. Als mein ältester Knah« aufs Gymnasium kommen sollte, schickte ich ihn zu den Schwiegereltern nach Czernowitz. eton. vm* Sein erster Schulbericht enthielt die Mittheilung: „Lieber Vater, der Herr Professor hat mich gefragt, welcher Nationalität ich bin, und da ich nicht zu antworten wusste, sagte der Herr Professor: „natürlich bist Du ein Deutscher!" Dass Du es also weisst, lieber Papa, ich bin ein Deutscher." Ich und meine Frau — wir hatten nichts zu sagen. Nach einigen mageren Ernten war mein kleines Capital zu Ende. Ich musste in Stellung gehen. — Sie wissen, was das bedeutet. Die Abhängigkeit und Armseligkeit dieses Standes spornte mich erst recht dazu an, meine Kinder vor ähnlichem Schicksal nach Kräften zu bewahren. Mein zweites Kind sollte ebenfalls studieren. Der ältere Sohn blieb bei dem Grossvater in Czernowitz, wo mich sein Unterhalt nichts kostete. Das Gut, das ich verwaltete, lag in Westgalizien, hinter Krakau. In die „Jagellonen-Stadt", in „das Herz Polens" kam der Jüngere, an die dortige Realschule. Kurz nachher erhalte ich die Epistel: „Lieber Papa, ich habe dem Herrn Professor gesagt, dass ich ein Deutscher bin, da hat er mich furchtbar böse angeblickt und gesagt: „So, Deine Eltern leben in Capöwka, sie essen polnisches Brot, und Du willst ein Deutscher sein? Der einzige Deutsche in meiner Ciasse?" . . . Da bin ich gar sehr erschrocken und hab' geantwortet: „Ich bitte, Herr Professor, ich will nicht!" — „Na, das ist recht von Dir," hat der Herr Professor schon freundlicher gesagt, „freilich, Du bist ein Pole!" — „Und nicht wahr, lieber Papa, Du bist nicht böse, und ich werd' ein Pole." Ich wechselte bloss einen Blick mit meiner Frau. Wir hatten wieder nichts zu sagen. Leider war es unmöglich, bei meinem Gutsherrn lange auszuhalten. Nach kaum zwei Jahren suchte und fand ich eine andere Stellung. Diesmal verschlug mich das Geschick — wie Sie sehen — nach Ostgalizien, bekanntlich der Herd des ruthenischen Radicalismus. Mein neuer Herr ist Ruthene und enragierter Nationalist. Selbstredend — kein Judenfreund. Doch mein Jüngster gefällt ihm. In der Kreisstadt begann man im verflossenen Schuljahre mit der Errichtung ruthenischer Parallelclassen. Mein Herr „warb" Ruthenen und gab mir unzweideutig den Wunsch zu verstehen, dass der Junge das ruthenische Gymnasium besuche. Sollte ich mich widersetzen? Weiterziehen mit Weib und Kindern? — „In Gottes Namen" — dachte ich, und — da steht's richtig im Zeugnis: Benjamin Gartenblum, ruthenischer Nationalität. Nun, wie gefällt Ihnen der rumänische Vater, der einen Deutschen, einen Polen und einen Ruthenen zu Söhnen hat," fragte in bitter-ironischem Tone der Verwalter seinen Gast. Und nicht genug an dieser seltsamen Erscheinung an und für sich, stört dieselbe jetzt schon den Frieden meiner Familie und verhindert die Festigung der brüderlichen Gefühle. Wenn meine Kinder nachhause kommen, bilden sie drei feindliche Lager, die einander zu bekämpfen und zu erobern suchen. In den Argumenten pro und contra werden Tugenden und Fehler hervorgehoben, die beide nicht ihnen gehören und gleich der erborgten Nationalität fremdes Eigenthum sind. Soll ich sie gewähren lassen, bis einst die Stunde der Belehrung kommt, in der die verschiedenen Nationen mit ziemlich unbarmherziger, plumper Hand den Wahn zerstören? Oder soll ich selbst schon jetzt ihnen den eigentlichen Standpunkt klar machen und gleichzeitig um des eventuellen Vortheiles willen nach aussen den Schein patriotischen

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