Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Ein zionistischer Volkskalender [Rezension]
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die 2$ Welt* Seite 11 dem jerusalemischen Talmud den Inhalt einer allegorischen Zwiesprache, die einst Rabbi Chija und Rabbi Simeon bei einem Spaziergange „vor Sonnenaufgang" miteinander pflogen. Dr. Alfred N o s s i g legt ein Capitel aus seinem grösseren bandschriftlichen Werke über die altjüdische Verfassung vor. „Die jüdischen Propheten" sind das Thema dieses Capitels. Die Propheten waren, wie Nossig ihr Wirken auffasst, „die verkörperte Geschichte, welche über die Gegenwart zu Gericht sass: sie waren das Gewissen des Staates und zugleich die Schwingen des Volksgeistes, welcher sich mit ihrer Hilfe . .. bis an die Schwelle einer echt kosmischen Ethik emporhob". „Es waren Philosophen, welche nicht zu contemplativer, wissenschaftlicher Thätigkeit berufen waren, wie etwa die griechischen Denker, es waren auch nicht jene ruhigen Weisen, denen die Verrichtung des staatlichen Tagewerkes oblag, wie die Mitglieder des Sanhedrin: sondern Historiosophen, welche in den Königen, Hohenpriestern und Behörden nur Bläschen erblickten, die der Strom der Geschichte emporgeworfen, Historiosophen, welche sich zur Regulierung, ja zur machtvollen Lenkung dieses Stromes berufen fühlten." „Wenn wir uns innerhalb der modernen Cultur nach einem Elemente umschauen, dessen Stellung und Aufgabe eine gewisse Analogie mit denen des Prophetenthums aufwiese, so finden wir nur die Journalistik. Aber die moderne Journalistik verhält sich zu dieser grandiosen politischen Institution etwa so, wie der trivale irdische Abklatsch zu den grossen, reinen Urwesen, welche Plato Ideen nannte." — Man sieht, eine originelle, sinnige Auffassung der jüdischen Prophetie — die Auffassung eines Künstlers, der zugleich Sociologe ist. Von Dr. O. T h o n ist in dem Kalender ein sehr beachtenswerter Aufsatz enthalten, der die Ueberschrift „Jüdischer Particularismus" trägt. „Sind wir Zionisten Particularisten?" fragt Thon. Und er antwortet: ,.Gewiss. Denn wir betonen in erster Linie und mit stärkstem Nachdruck die nationale Abgesondertheit des Judenthums, für die wir gesunde und natürliche Entwicklungsmöglichkeitn schaffen wollen. Wir sehen die vornehmste Aufgabe des Judenthums — für den Augenblick — in der Selbsterhaltung, darin, dass es sich selbst durchsetzt und auslebt. Sind wir also darum weniger Universalisten? Durchaus nicht. Wir wissen es . . . dass wir erst dann für die Menschheit wirksam und erfolgreich werden arbeiten können, wenn wir unser Ureigenes in ureigener Verarbeitung mit ureigenem Gepräge geben werden. Als geschlossenes Volk auf ureigenem Boden wollen wir uns — wie alle anderen Culturvölker — in den Dienst der Menschheit stellen. . . . Unser letztes Ziel ist Universalismus, wahrer und voller. Der Universalismus des Judenthums in der Zerstreuung ist ein hohles Wort, im besten Falle eine Chimäre.'1 Baruch S~a 1 o m o n s wirft einen kurzen Rückblick auf die drei Zionistencongresse in Basel. Dr. Heinrich L o e w e, der sich in letzter Zeit bedauerlicherweise in zionistischen Zeitschriften gar nicht sehen liess, findet sich in unserem Kalender gleich mit zwei Beiträgen ein. Der eine enthält hochinteressante Materialien „Zur Kunde von den Juden im Kaukasus aus zwei alten deutschen Zeitungen'', der andere, „Ein alter Judenstaat" überschriebene, handelt von einem im Jahre 1S40 in Berlin erschienenen, allerdings etwas embryohaften Vorläufer des Herzl'schen „Judenstaat" und bietet ausserdem noch andere lehrreiche Beiträge zur Geschichte der zionistischen Bewegungund Literatur. H. Y o rk- Steiner erfreut uns mit einer reizvollen Erzählung: „Grossvaters Erbe." Ben-David schreibt über „Jüdische Colonisation in den Nachbarländern Palästinas". Dr. Th. Zlocisti würdigt in einer fesselnden, feinsinnigen Studie das vielseitige, weithin verzweigte künstlerische und wissenschaftliche Wirken unseres genialen Alfred Nossig, dieses wahrhaft universellen Mannes, der Dramatiker und Nationalökonom. Bildhauer und Kunstkritiker, deutscher, polnischer und französischer Schriftsteller zu gleicher Zeit und bei alledem, ja in erster Reihe, Jude ist, ein aufrechter, ganzer Jude, dem der moderne Zionsgedanke Herz und Seele erfüllt, das innerste Wesen durchströmt. Den Beschluss des literarischen Theiles unseres Kalenders bilden sonnige Tagebuchblätter: Aufzeichnungen von Eindrücken und Erlebnissen, die eine Fahrt nach Galiläa unserem Gesinnungsgenossen L. M o z k i n gebracht hat. Auch an hübschen, stimmungsvollen Gedichten ist der „Jüdische Volkskalender" sehr reich. Das verdankt er seinen Beiträgern Nathanja S a h u w i, Martin B u b e r, Berthold F e i w e 1 und Israel Auerbach. Der literarischen Abtheilung schliessen sich Mittheilungen des Centralcomites der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und ein reichhaltiges Kalendarium an. M. Z. Flavius Josephus, übersetzt von — Victor Istöczy. Manche Leser der „Welt" dürften sich erinnern, welche Rolle der ehemalige ungarische Reichstags- Abgeordnete Victor Istöczy noch vor anderthalb Decennien im öffentlichen Leben Ungarns spielte. Er war das Haupt der antisemitischen Gruppe im Abgeordnetenhause, ein unermüdlicher Ritualmord- und Geheimschriften- Schnüffler, eine Art Ernst Schneider in ungarischer Prägung. Zur Zeit des Tisza-Eszlärer Processes war er unter den antisemitischen Hetzern, welche die leidenschaftliche Erregung der Volksmassen wider die Juden entfesselten und masslos schürten, einer der blindeifrigsten. Seit der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre war Istöczy fast verschollen. Er hatte sich vom politischen Schauplatze ganz zurückgezogen, und nicht einmal das Aufblühen einer neuen antisemitischen Bewegung, deren parlamentarische Wortführung die sogenannte Volkspartei übernommen hat, vermochte den alten Herrn zu neuem politischen Leben zu erwecken. Bloss vor ungefähr zwei Jahren ging sein Name vieder einige Zeit durch die Spalten der ungarischen Tagespresse. Sein Hausarzt hatte einen Selbstmord begangen, weil er angeschuldigt worden war, den Tod von Istöczys Sohn durch unrichtige ärztliche Behandlung herbeigeführt zu haben. Damals munkelten die Pressorgane der Volkspartei ziemlich unverblümt, dass der schwer beschuldigte Arzt möglicherweise «>in Söldling der Juden gewesen sei. Istöczy ging jedoch offenbar auf die liebevollen Intentionen der Herren nicht ein, und so gerieth die Angelegenheit und mit ihr der Name Istöczys alsbald wieder in Vergessenheit. Nun bringt die Tagesgeschichte, und zwar ein etwas abgelegenes Gebiet derselben, nämlich die literarische Tageschronik, Victor Istöczy wieder mit den Juden in Verbindung. Ungarische Blätter bringen nämlich die merkwürdige Meldung, dass der enragierte Antisemitenführer der Achtzigerjahre das bekannte Geschichtswerk des Flavius Josephus „Ueber den jüdischen Krieg" ins Ungarische übersetzt und im Selbstverlage herausgegeben habe. Der ungarische Titel des Werkes lautet in der Istöczy'schen Uebersetzung: „ Flavius Josephus a zsidö häboruröl es Jeruzsälemnek Titus caesar ältal ostrommal törtent beveteleröl irt Het könyve." Zu deutsch: „Die sieben Bücher des Flavius Josephus über denjüdischen Krieg und die Erstürmung Jerusalems durch den Caesar Titus." Istöczy hat das Buch aus dem Lateinischen übersetzt. Der Urtext ist bekanntlich griechisch. M. Z.