Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Odessa [Nachricht] / B.
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die 2$ Welt" Nr. 33 liegt darin, dass zur kritischen Zeit keinerlei Militär- und Polizeimacht in Slobodka anwesend war. Nun streifen Militärpatrouillen durch die Strassen und halten den Mob in Schach. Dennoch befürchtet man für nächsten Samstag und Sonntag einen neuen Ausbruch der Excesse. Hoffen wir, dass es den Truppen und der Polizeiwache gelingen wird, jeden Versuch der Unruhestiftung im Keime zu ersticken. B. Nishni-Nowgorod. (Ausweisungen.) In dem grossen Messplatze an der Wolga wohnen seit Jahren sehr viele Juden, welche, ohne sich im Innern Russlands aufhalten zu dürfen, aus Handelsinteressen in Nishni-Nowgorod zeitweilig geduldet wurden. Vor einigerZeit fragte einer der Gouverneure beim Minister des Innern an, was mit diesen Juden, deren Aufenthaltsfrist vielfach längst abgelaufen ist, nun geschehen soll. Die Antwort des Ministers ist eben von Petersburg eingetroffen. Sie lautet auf Ausweisung nach abgelaufener Jahresfrist und Abschiebung der Ausgewiesenen nach dem Ansiedlungsrayon. Hunderte von jüdischen Familien werden von diesem harten Schlage getroffen. Manchester. Vor kurzer Zeit wurde Mr. S i d n e y Lee in Anwesenheit des Earl Spencer und der Professoren Lamb, Wilkins, Thomson und De war, Lord Rayleigh, Sir Wm. Abney und anderer zum Ehrendoctor der Victoria-Universität ernannt. Mr. Sidney JL e e ist der berühmte Autor des „Leben Shakespeares" und der Herausgeber des „Dictionary of National Biography", von dem soeben der 63. Band erschienen ist. Shanghai. In einer kürzlich hier unter dem Präsidium des Herrn Simon A. Levy stattgehabten, von 30 europäischen und indischen Glaubensgenossen besuchten Versammlung machte der Vorsitzende Mittheilungen über die von ihm unternommenen Versuche, mit den Juden von Kai- Feng-Fu in Verbindung zu treten. Darnach hätte General M o s s n y den in der Versammlung anwesenden Herrn Ginsburger aufgefordert, nach Kai-Feng-Fu zu gehen, um von da einige Juden nach Shanghai zu bringen; Nach längerer Debatte wurde ein „Verein zur Erhaltung der Juden in China" (£rrc p-sr ^-tzr mTp1? rren> begründet, dessen Mitglieder monatlich einen Dollar beizutragen haben. Der neue Verein hat sich sofort mit der Anglo Jewish Association in London in Verbindung gesetzt. Jerusalem. Vor kurzem ist eine äusserst populäre Persönlichkeit, M. J. G o 1 d s m i t, aus dem Leben geschieden, nachdem er volle 40 Jahre den städtischen und wohlthätigen Angelegenheiten Jerusalems gewidmet hat. Seit seinem 18. Jahre war er an Stelle seines verstorbenen Vaters der Obmann des Palästinensischen Wohlthätigkeits-Comites in Amsterdam. So wenig auch das System der Chalukah zu billigen ist, so muss man doch sagen, dass das Comite von Amsterdam in musterhafter Weise seines Amtes waltet. Goldsmit hat Jerusalem die Errichtung von etwa siebzig Wohnhäusern, die sich durch ganz besondere Nettigkeit und peinliche Sauberkeit von ihrer Umgebung abheben, zu danken, welche von ihm überwacht und geleitet wurden. Diese kleine Colonie, Bäte Machseh, war dem Verstorbenen, der kinderlos war, ungemein ins Herz gewachsen. Welch ungewöhnlicher Achtung sich Goldsmit allenthalben erfreut hat, konnte man deutlich beim Leichenbegängnisse sehen, das unter ungeheurer Theilnahme stattfand. Victoria. (Australien.) Ingenieur Hyman H e r m a n, Mitglied der Geologischen Gesellschaft in London, ist zum Vertreter J. S t i r 1 i n g s als Geologe im Ministerium ernannt worden. H e rm a n hat die Universität in Melbourne absolviert und alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden; seit fünf Jahren gehört er der geologischen Abtheilung im Ministerium an. Düdiscbc kitcFahir. Prof. Strack's „Einleitung in den Talmud". Prof. Dr. Hermann L. Strack hat seine vortreffliche «Einleitung in den Talmud* soeben in dritter Auflage herausgegeben (Leipzig, J. C. Hinrichs). Aus dem Vorworte dieser neuen Auflage citieren wir die folgenden Stellen : „Gerade wie in den Jahren 1892—1894 erheben gegenwärtig nicht nur Unkundige, sondern auch Böswillige lautes Geschrei wider „die jüdischen Geheimschriften". — „Hierdurch wurde ich genöthigt, meine seit geraumer Zeit vergriffene „Einleitung in den Talmud" schleunig wieder dem öffentlichen Nutzen zugänglich zu machen. Ueberbürdet mit anderen Arbeiten, musste ich mich jetzt beschränken, einen anastatischen Neudruck der zweiten Auflage (1894) herstellen zu lassen und die wichtigste neue Literatur nachzutragen. Wer ernsthaft wünscht, über den Talmud oder irgend einen Theil seines Inhaltes Aufschluss zu erhalten, kann, wie die S. 106 — 130 und jetzt auch S. 5—6 von mir verzeichnete Literatur beweist, gegenwärtig auch ohne Kenntnis der Sprachen des Grundtextes eine im allgemeinen ausreichende Belehrung sich verschaffen. Gleichsam um den Thatbeweis zu liefern, dass auch für ein wissenschaftliches Urtheil der Christ nicht mehr von dem abhängig ist, was Juden ihm über den Talmud mitzutheilen für gut halten, habe ich die erste Auflage dieses Buches geschrieben, ohne auch nur eines Schuhriemens Wert an Mittheilung von Juden oder Judendchristen erbeten oder angenommen zu haben." — „Der Talmud enthält schlechterdings keine Nachricht oder Aeusserung, welche, selbstverständlich wenn sie wirklich darin steht, der sprach- und sachkundige christliche Gelehrte zu finden nicht vermöchte. Was speciell die Censurlücken betrifft, so sind in Deutschland schwerlich zehn Rabbiner zu finden, welche alle vier S. 75 genannten, in meiner Bibliothek befindlichen Schriften besitzen. Ueberhaupt gibt es innerhalb des gesammten Judenthums weder eine Schrift, noch eine mündliche Tradition, welche kundigen Christen unzugänglich wäre." —„Der Talmud, der Schulchan Aruch und andere jüdische Schriftwerke sind Geheimbücher nur für diejenigen — Juden nicht minder als Christen — welche die zum Lesen erforderlichen Vorkenntnisse nicht erworben haben. Und eine grobe Unwahrheit sprechen die aus, die dem christlichen deutschen Volke vorreden, dass das Judenthum „den Talmud mit allen nur erdenklichen Mitteln geheim halte", Bekanntwerden seines Inhaltes fürchte, ja dessen Bekanntmachen seitens Juden für ein todeswürdiges Verbrechen erkläre. Demgegenüber genügt es, einige Namen neuerer Talmudübersetzer zu nennen: E. M. Pinner, J. M. Rabbinowicz, M. Rawicz, J. Sammter, M. Schwab, D. O. Strachun. Sie alle sind unangefochten geblieben. Und wie Bedeutendes hat Wilh. Bacher in seinem sechsbändigen deutschen Werke über die Geschichte der Hagada dazu beigetragen, einen Haupttheil des Inhaltes des Talmuds jedem, der darüber sich belehren will, bekannt zu machen! Möge mein Buch auch bei seinem dritten Ausgange in die Oeffentlichkeit dazu helfen, dass Erkenntnis der Wahrheit gefördert werde und dadurch auch Gerechtigkeit im Urtheil en." Ein zionistischer Volkskalender. Soeben ist der IV. -Jahrgang des von der „Zionistischen Vereinigung für Deutschland" herausgegebenen „Jüdischen Volkskalenders" erschienen (Leipzig, M. W. Kaufmann). Wie seine drei Vorgänger weist auch dieser Kalender einen sehr reichen und gediegenen Inhalt auf. „Zum Geleite" gibt ihm Dr. Theodor Z 1 o c i s t i ein paar herzliche Zeilen mit, ein Vorwort, das zugleich ein Fürwort ist. Sodann erzählt uns Martin Buber nach