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Die Welt · 1900-08-17 · 33 (17.8.1900) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
33 (17.8.1900)
Article
Wien
Date
1900-08-17
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 33 ,Die 2$ Welt" Seite 9 zu richten an Maximilian Strauss, II., Rembrandtstr. 30, s 3. Stiege, 1. Stock. 1 Wien. (Paulus Mayer II.) In unserer vorigen i Nummer veröffentlichten wir eine Correspondenz aus Prag, i in der über das Treiben eines aus Preussen ausgewiesenen angeblichen Rabbiners Jehuda Tillinger, berichtet , ward, der für reichsdeutsche und österreichische Antisemitenblätter nach dem Muster Paulus Mayers, entstellte Auszüge aus dem Talmud besorgt. Ueber die Persönlichkeit Tillingers liegen nun neuerdings folgende Meldungen vor: Tillinger ist in Berlin ganz genau bekannt. Er besuchte eine Zeitlang die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums und war auch ein Jahr lang bei dem Wohlthätigkeits- und Synagogen-Verein „Norden" als Prediger und Religionslehrer thätig. Ob er berechtigt ist, den Titel „Rabbiner" zu führen, wird allgemein bezweifelt. Nirgends konnte er sich halten, einerseits wegen seines prahlei ischen, excentrischen Wesens, andererseits wegen religiöser Heuchelei und öffentlicher, schamloser Unsittlichkeit Seit Jahr und Tag gieng Tillinger mit der Behauptung hausieren, er werde von der ganzen Judenschaft verfolgt, während sich in Wirklichkeit kein Mensch um ihn kümmerte. Als seinen Hauptgegner bezeichnete er u. a. Rabbiner Dr. Maybaum, den er wie viele andere mit unaufhörlichen Denunciationen und Processen behelligte. Als schliesslich kein anständiger Mensch mehr mit ihm etwas zu thun haben wollte, stellte er sein „Material" den Antisemiten zur Verfügung. Dass er sich taufen lassen und den Juden noch viel zu schaffen machen werde, falls er mit seinen Processen nicht durchdringen sollte, hat Tillinger übrigens schon wiederholt geäussert. Nun ist er endlich dahin gelangt, wohin er gehört. Für das Judenthum ist es immer ein Gewinn, solche „Rabbiner" loszuwerden. Wien. Der Verein „Osseh Chessed" in der Leopoldstadt hat jetzt sein stattliches Bethaus renoviert. Der Verein wurde dabei von Herrn Moriz Wagner in grossmüthiger Weise unterstützt Berlin, 7. August. Nach der „Deutschen Wacht" ist Anzeige erstattet 1. gegen den Grafen P ü c k 1 e r, weil er in der dritten Könitz-Versammlung des Wahlvereins Berlin geäussert haben soll, die einzige mögliche Lösung der Judenfrage sei: „furchtbar durchhauen und rausschmeissen". Der Staatsanwalt sieht in dieser Aeusserung eine Aufforderung zu Gewalttätigkeiten. 2. Wegen desselben Vergehens soll gegen den Schriftsteller ßöckler vorgegangen werden, da er in derselben Versammlung sein Bedauern darüber ausgesprochen hat, dass sich in Bütow christliche Einwohner gegenüber den rohen Beschimpfungen des Christenthums und der Christen durch Juden an die Fensterscheiben der Juden gehalten hätten, anstatt, wie es solcher Frechheit gegenüber angebracht gewesen wäre, die Juden selbst „nach dem Recepte des Grafen Pückler" zu behandeln. Berlin, 9. August. Der Process gegen die „Staatsbürger- Zeitung" in Sachen des Konitzer Mordes wird einen grossen Umfang annehmen. Es sind, wie verlautet, 25 Artikel unter Anklage gestellt worden. Die Ober-Staatsanwaltschaft will aus diesen Artikeln beweisen, dass die Angeklagten — der Verleger und verantwortliche Redacteur der „Staatsbztg." — sich wiederholt schwere Beleidigungen des Gerichtes und der Behörden habe zuschulden kommen lassen. Die Anklage erstreckt sich auch auf die Artikel, in denen der Schächter L e v y und der Kaufmann Kaspary in Könitz beleidigt sind. Die Anklage vertritt Ober-Staatsanwalt Isenspiel. Die Verhandlung wird voraussichtlich» mehrere Tage in Anspruch nehmen, da die Beschuldigten den Wahrheitsbeweis für ihre Behauptungen erbringen wollen. Berlin, 11. August. (Gegen die antisemitische Presse.) Auch gegen das führende clericale Organ, die .Germania", die sich in der Konitzer Affaire an den antisemitischen Hetzereien eifrig betheiligt und mehrmals die Unparteilichkeit der die Untersuchung führenden Beamten verdächtigt hatte, ist jetzt von den zuständigen amtlichen Stellen ein Strafantrag eingereicht worden. Rawitsch, 1. August. Bei der Aufforderung, die der Hauptmann an die vollzählig angetretene Compagnie des hier garnisonierenden Infanterie-Regimentes richtete, . dass die zum Dienste nach China Bereiten sich freiwillig melden sollten, trat nur der jüdische Soldat Heymann vor. Erst als der Hauptmann in energischer Ansprache hervorhob, wie beschämend es für die Compagnie sein muss, dass, wenn Se. Majestät auffordere, die Ehre des Vaterlandes zu wahren, nur ein Mann sich melde, kamen schliesslich nach langem Zögern noch IS Mann hinzu. Petersburg. Die Regierung hat beschlossen, dass die Juden alle Bäder und Curorte in Polen besuchen dürfen, vorausgesetzt, dass sie nur die Sommermonate hindurch bleiben und keinerlei Geschäfte machen. — Der Finanzminister de Witte erliess ein Edict, in dem er verordnet, dass Directoren, Inspectoren und Secretäre von jüdischer Confession nur ein Drittheil der Beamten an Municipalbanken bilden dürfen. — In Alexandria, Gouvernement Cherson, war es bisher Sitte, jedes Jahr ein jüdisches Mitglied in den Stadtrath zu wählen. Bei der jüngsten Wahl protestierten die christlichen Wähler gegen die Anwesenheit eines jüdischen Rathes, und der Regierungsvertreter, der die Opposition billigte, rieth den jüdischen Wählern, sich zurückzuziehen. Odessa, 2. August. (Orig.-Corr.). Meinem vorigen Briefe muss ich leider hinzufügen, dass vorgestern abends von neuem Unruhen gegen die Juden ausgebrochen sind, und diesmal eine noch grössere Zahl von Opfern gefordert haben: Die gesammte jüdische Bevölkerung des Slobodka -Viertels ist zugrunde gerichtet und an den Bettelstab gebracht Diese Bevölkerung setzt sich zum grössten Theile aus Arbeitern uud Kleinhändlern zusammen. Alle Warenlager in Slobodka sind zerstört, geplündert, verwüstet; die Warenvorräthe ausgeraubt oder vernichtet. Der Pöbel dieser Vorstadt hatte Säcke und Wagen mitgebracht, in denen die Waren weggeführt wurden. Alles wurde kurz und klein geschlagen: Möbelstücke, Spiegel, Fensterscheiben, Hausthüren; so wurde das bisschen ehrlich und mühsam erworbene Hab und Gut armer Juden zunichte gemacht Die jüdische Bevölkerung hat sich geflüchtet, indem sie ihre Habe der Gnade des Schicksals preisgab, denn der Feind war grausam und sehr zahlreich. Selbst reiche Christen nahmen an dem Beutezuge theil und halfen den Plünderern; ein Theil der geplünderten Waren wurde bei steinreichen Hausbesitzern vorgefunden. Die Polizei fahndet noch immer nach geraubten Waren, obgleich das bisherige Ergebnis der Recherchen — von einzelnen, zufälligen „Entdeckungen" abgesehen — nicht besonders ermuthigend ist. Die Verzweiflung und der Jammer der vom Unglück betroffenen jüdischen Bevölkerung ist unbeschreiblich. Einer meiner Arbeiter, dessen Frau einem kleinen Kramladen in der Vorstadt Slobodka vorsteht kommt seit einigen Tagen nicht in die Arbeit: Er befindet sich auf der Suche nach den geraubten Waren. Ich kenne ferner einen Herrn K., der vor einer Woche noch ein wohlhabender und unabhängiger, wenn auch nicht reicher Mann war und die ausgeplünderten Juden von Slobodka Romanowka materiell in thati kräftigster Weise unterstützte. Heute ist er selbst an den Bettelstab gekommen und zählt zu den Aermsten der Armen. Unzählige andere Juden sind im gleichen Falle. Ein Hilfs- } comit6 für diese Verarmten ist in Bildung begriffen; doch! fehlen bisher auch nur einigermassen ausreichende Geldmittel. Die Ursache der Wiederholung der Unruhen

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