Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Wilhelm Liebknecht über die Juden
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 ,Die & Welt" Nr. 33 musste doch auch die reifere Kritik späterer Jahre sich vor der Thatsache verneigen, dass für das Wohl und die Freiheit der Menschen, für Kunst, Literatur, Wissenschaft von den Juden im Verhältnis ihrer Zahl mehr geleistet worden ist als von irgendeinem anderen Volke." Eine Actien-Gesellschaft zur Errichtung von gesunden jüdischen Arbeiterwohnungen hat sich dieser Tage in Russland constituiert. Die auf Veranlassung des Ministers des Innern begründete Gesellschaft erstreckt sich über alle 25 Gouvernements des Ansiedelungsrayons und hat den Zweck, in allen jüdischen Städten und Städtchen gesunde Wohnungen nebst Werkstätten zu bauen und sie an jüdische Arbeiter, Handwerker, sowie überhaupt an sich selbständig ernährende Juden zu vermieten. Daneben wird die Gesellschaft kleinere Bodenparcellen erwerben und sie an jüdische Obst- und Gemüsegärtner verpachten, die bekanntlich in allen kleineren Ortschaften des Ansiedelungsrayons in grosser Anzahl vertreten sind. Das Unternehmen, an dessen Spitze Baron Horace Günzburg in Petersburg und Banquier W a w elber g in Warschau stehen, dankt seine Verwirklichung vorwiegend der „Ica", welche von den 1000 Actien (ä 500 Rubel) 450 gezeichnet hat. Als Sitz ist Petersburg ausersehen, daneben sollen aber Filialen in allen grösseren Städten des Ansiedelungsrayons errichtet werden. Ihre Thätigkeit wird die Gesellschaft in W i 1 n a beginnen, wo auf ihre Rechnung bereits zwei Häuser mit zusammen 220 Wohnungen nebst Werkstätten, Kleinkinder-Bewahranstalten, Sanitätswachen, Lesehallen und Fortbildungsschulen gebaut werden. Die gewitzigte „Staatsbürger-Zeitung". Seitdem die Berliner antisemitische , Staatsbürger-Zeitung" wegen ihrer allzu bedenkenfreien Konitzer Berichte mit der Staatsanwaltschaft in ernsten Conüict gerathen ist, befleissigt sie sich einer überraschend anständigen Sprache. Die Leser des schneidigen Antisemitenblattes, die in der letzten antisemitischen Versammlung mit Entzücken die Todtschlägerreden des Grafen Pückler anhörten und sich schon im voraus darauf freuten, in dem Berichte ihres Leiborgans noch einmal mit innigem Behagen jenes Vergnügen durchzukosten, haben eine arge Enttäuschung erlebt. Alles, was die gräfliche Knüppelrede an Aufreizungen der gefährlichsten Art enthielt, hatte die „Staatsbürger-Zeitung" in einige harmlos klingende Phrasen zusammengezogen. Graf Pückler hatte unter anderem gesagt: „Fort mit dem fremden Ungeziefer!" „Wir müssen die Kerls hauen, dass die Schwarte knackt." „Nehmen wir die Karbatsche und hauen das Gesindel hinaus aus unserem deutschen Vaterlande." „Zieht das Schwert, das scharfe und schneidige, und haut mal auf die Judenbande, dass die Fetzen fliegen!" Davon hat die .Staatsbürger- Zeitung' kein Sterbenswörtchen gebracht, und auch die Aufforderung, den Boxern in China nachzuahmen und nach ihrem Beispiele die Juden zu behandeln, hat das gewitzigte Blatt seinen Lesern vorenthalten. Da ist der Pückler doch ein anderer Kerl. Der spricht wenigstens frei heraus, was er auf dem Herzen hat, ohne Scheu vor den etwaigen Folgen. Diese haben sich freilich auch für ihn recht unangenehm gestaltet, wie aus unserer ersten Berliner Correspondenz ersichtlich ist. Dreyfus in Ungarn. Aus Arad berichtet das „W. T.": Alfred Dreyfus geht nach Ungarn. Nach Beendigung des Dreyfus-Processes lud der Pächter des Badeortes Monyassa Dreyfus ein, sich in dem Curorte bei ihm zu erholen und sein Gast zu sein. Dreyfus konnte damals der Einladung nicht Folge leisten. Nun wird aber berichtet, dass er an den Pächter des genannten Bades einen Brief gerichtet habe, in welchem er sich bereit erklärt, die Einladung jetzt anzunehmen und im Laufe des Monates September mit seiner Familie dort einzutreffen, da er Ungarn, dieses Land, dessen Einwohner ihm so viel Freundschaft und Wohlwollen entgegengebracht haben, sehr liebe. Hier herrscht grosse Aufregung. Alle Welt will den Brief von Dreyfus lesen. Die Ansiediungsrechte der Juden in Russland. Der russische Senat entschied kürzlich, dass: 1. Juden, welche im Besitze eines akademischen Grades sind, im ganzen russischen Reiche nicht allein wohnen, sondern-auch Handel und Gewerbe treiben dürfen; 2. jüdische Apothekergehilfen, Zahntechniker, Feldscherer sich überall in Russland, Moskau nicht ausgenommen, niederlassen können und in diesem Privileg auch dann nicht verkürzt werden dürfen, wenn sie es vorziehen, statt sich mit ihrer Specialität zu beschäftigen, Handel und Gewerbe zu treiben. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien weist für die Zeit vom 22. Juli bis zum 28. Juli 1900 48 Geburten und 31 Sterbefälle, für die Zeit vom 29. Juli bis zum 4. August 67 Geburten und 35 Sterbefälle auf. Personalnachricht Unser ausgezeichneter Gesinnungsgenosse und Mitarbeiter, Herr Dr. Abraham K o r k i s in Lemberg, vermählte sich Mittwoch den 15. d.M. mit Fräulein Dora Nagelberg. Wir sprechen Herrn Doctor K o r k i s aus diesem Anlasse unsere herzlichsten Glückwünsche aus. Correspondenzen. Wien. Anlässlich des 70. Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers Franz Joseph L finden in sämmtlichen Bethäusern der israel. Cultusgemeinde in Wien Samstag den 18. August um 9 Uhr vormittags feierliche Gottesdienste statt. Wien. In der Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus, IL, Leopoldsgasse 29, wird anlässlich des siebzigsten Geburtstages Sr. Majestät am 18. d. M. um 10 Uhr vormittags ein solenner Gottesdienst abgehalten werden. Wien. Unter der jüdischen. Arbeiterschaft in Wien macht sich in letzter Zeit das Bestreben geltend, eigene jüdisch-nationale Arbeiter-Organisationen zu gründen. Die Verhältnisse der jüdischen Arbeiter, die ungemein verächtliche Rolle, die der Jude innerhalb der Socialdemokratie spielt, haben es mit sich gebracht, dass selbst in Wien so mancher jüdische Arbeiter sich seiner Lage bewusst wird, und so werden auch hier in kurzer Zeit Arbeitervereine auf national-socialer Basis gegründet werden. Den Anfang haben die jüdischen jugendlichen Arbeiter gemacht Am 29. Juli fand im Locale des jüdischen Handelsangestelltenvereins „Jordania" eine auf Grund des § 2 V.-Ges. einberufene Versammlung statt, in der Gesinnungsgenosse S t r a u s s die Anwesenden willkommen hiess, ihnen den Zweck des projectierten Vereines auseinandersetzte und die Anwesenden zum Beitritte und zu reger Agitation aufforderte. Hierauf ertheilte der Vorsitzende dem Referenten Herrn N. Gross das Wort. Derselbe besprach in einer längeren Rede die Notwendigkeit einer jüdischen Organisation, erörterte die wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Lehrlinge, die Stellung des jüdischen Arbeiters in der Socialdemokratie, und kam zu dem Schlüsse, dass für die Juden in der Socialdemokratie kein Platz sei, die jüdischen Proletarier sich daher ausserhalb dieser Partei auf national-socialer Basis vereinigen müssen. Als Gegner meldete sich Herr Strauss jun. Er richtete an die Anwesenden den Appell, diesem Vereine ja nicht beizutreten, sondern in dem socialdemokratischen Vereine jugendlicher Arbeiter zu bleiben. Nachdem Herr Alfred Weissberger die Aeusserungen des jüdischen Socialdemokraten Strauss junior gebürend gewürdigt und der neuen Organisation viel Glück und Gedeihen gewünscht hatte, schloss der Vorsitzende die Versammlung. Die cpnstituierende Versammlung des „Vereins zionistischer jugendlicher Arbeiter" dürfte anfangs September stattfinden. Der Verein bezweckt die Hebung des jüdisch-nationalen Bewusstseins unter den jüdischen jugendlichen Arbeitern, die wirtschaftliche Interessenvertretung des Arbeiterstandes etc. Jeder jüdische Arbeiter im Alter von 14 bis 24 Jahren kann demselben als ordentliches Mitglied beitreten. Beitrittsanmeldungen sind