Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Brief aus Lodz
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die & Welt?« Seite 7 Die von den Zionisten gegründete und geleitete Abendschule ist in diesem Jahre um eine Classe vergrössert worden. Fast alle Schüler, selbst die jüngsten (einer ist 12 Jahre alt!), sind Handwerker oder Arbeiter. Ein gleiches gilt von den vielen hunderten Petenten, die wegen Mangels an Plätzen zurückgewiesen werden mussten. Da hatten diejenigen, die es nicht schon früher wussten, die Gelegenheit, zu erfahren, wie productiv „das Volk von Schacherern" arbeitet und arbeiten will. Angesichts des selbst in jüdischen Kreisen weit verbreiteten Vorurtheiles von den unproductiven Beschäftigungen der Juden kann es nicht oft und entschieden genug hervorgehoben werden, dass diejüdische Volksmasse in Russland und Rumänien zum überwiegendsten Theile aus Handwerkern und Arbeitern besteht. Unglücklicherweise hat aber die Abendschule sehr schwer um ihr Dasein zu kämpfen und ist jetzt sogar in ihrem Bestände bedroht. Die Zionisten sind durch anderweitige Lasten zu sehr überbürdet, um auch die Schule ganz auf ihre Schultern zu nehmen, die Unterstützung der JSTichtzionisten ist aber bis jetzt ausgeblieben. Scham und Entrüstung erfüllen uns bei dem Gedanken, dass Lodz, eine der reichsten Gemeinden in Russland und Polen, eine Abendschule nicht erhalten will, während in kleinen Städtchen solche Schulen prosperieren. Wenn die Schule eingehen sollte, so wird an dieser Schmach nicht Geldmangel — denn an Geld fehlt es in Lodz nicht — sondern die Gefühllosigkeit und der moralische Stumpfsinn der Satten und Bequemen die Schuld tragen. Besonders bemerkenswert und bedeutungsvoll ist der Einfluss des Zionismus auf die untersten Schichten des Volkes. Diese, die früher keine Spur von Gemeinsinn zeigten, scharten sich nach Auftauchen des Zionismus sofort um sein Banner, und zwar ganz von selbst, ohne jeden Anstoss von Seiten der Intelligenz, ein schlagender Beweis, dass der Zionismus nicht dem Volke eingeimpft wurde, sondern ihm aus der Seele gequollen ist. Der Zionismus ist aber diesen Schichten auchzum Hebel des Fortschrittes geworden. Er hat in ihnen den Trieb zur Bildung und das Streben nach gesunder Einrichtung des Lebens geweckt, aber ohne die gemüthszerrüttenden Begleiterscheinungen der Auf klärungsepoche. Als positives Princip, das in der Religion tief wurzelt und der Nerv der jüdischen Geschichte ist, bedeutet uns der Zionismus nicht einen Sprung, sondern Fortenwicklung, nicht einen Bruch mit der Vergangenheit, sondern *»in Fortspinnen des historischen Fadens. Darum fordert er, im Gegensatze zum negativen und revolutionären Principe der Assimilations-Aufklärung die Religion und den Fortschritt in gleicher Weise. Es ist sein höchstes Ziel, das Judenthum zu erhalten, aber eben darum sträubt er sich, wie alles, was Leben und Kraft in sich fühlt, gegen Erstarrung. Von diesem Geiste beseelt, haben hier die Volkskreise eine Talmudthora-Schule für arme Kinder ins Leben gerufen, deren grosse und bequeme Räume in einer allen Anforderungen der Hygiene genügenden Weise gehalten sind. In dieser Schule, welche der Leitung einer zum grössten Theile aus hiesigen Pädagogen bestehenden Commission anvertraut ist, werden die Kinder in Bibel, Talmud, Hebräisch, sowie in den Landessprachen und in Arithmetik methodisch unterrichtet. — Diesen Schöpfungen der Zionisten setzt eine wirtschaftliche Institution, die ihrer Initiative entsprungen und durch ihr eifriges Drängen zur Ausführung gelangt ist, die Krone auf. Es ist dies eine aus 140 Kraftstühlen bestehende Fabrik, wo jüdische Handweber mit solchen Stühlen hantieren lernen und daselbst dauernde Beschäftigung finden. Das ist der erste Schritt zur Lösung der jüdischen Arbeiterfrage, oder richtiger der Frage der Arbeitslosigkeit, in Lodz. Das alles haben die Zionisten geschaffen. Aber nicht bloss in Lodz, sondern überall in Russland und Polen arbeiten sie, und nur sie. zum Segen des Volkes. Sie organisieren das Volk, verbreiten Bildung, suchen die Kluft zwischen den verschiedenen Ständen und Culturschichten auszufüllen, judaisieren di<> Intelligenz und europäisieren die Masse: sie beleben den Geist, erwärmen das Herz und die Seele mit Kraft und Hoffnung. Ari Bensun. Weltchronik. Der siebzigste Geburtstag des Kaisers. In der ganzen Monarchie werden Anstalten getroffen, um den diesjährigen 18. August, den Geburtstag des Kaisers Franz Josef I., zu einem Gedenktage ersten Ranges, zu einem wahren Jubiläumstage zu machen. Kaiser Franz Josef ist die Personification des monarchischen Principes im besten Sinne des Wortes. Er umfasst alle seine Unterthanen mit gleicher Liebe und hat in Zeiten schwerster Prüfungen in idealer Weise seine Herrscherpflichten erfüllt. Wir Juden gedenken dankbaren Herzens der väterlichen Güte und Milde, mit welcher der edle Monarch uns jederzeit ausgezeichnet hat und wünschen, dass es ihm beschieden sein möge, viele glückliche Jahre das Scepter zu halten und sich der Liebe seiner Völker zu freuen. Der Verein jüdischer Studenten an der Universität München übersendet uns seinen ersten Semesterbericht. Wir entnehmen demselben: Nach Schluss der Gründungsfeierlichkeiten schritt der Verein daran, zur wissenschaftlichen Anregung seiner Mitglieder beizutragen. Einige Mitglieder schenkten dem Vereine zur Gründung einer eigenen Bibliothek mehrere Bücher. Ausserdem bemühte sich der Verein, seine Organisation auszubauen, und sich nach innen wie nach aussen zu festigen. Es wurde mit der akademischen Verbindung „ünitas" zu Wien ein Freundschaftsvertrag geschlossen; ferner wurde beschlossen, mit den V. J. St. in Berlin, Leipzig und Breslau behufs späteren Abschlusses eines Cartells in nähere Fühlung zu treten. Dann wurde eine Geschäfts- und Ehrengerichtsordnung geschaffen, sowie Bestimmungen über die „Burschung" der jüngeren Mitglieder getroffen. Es fanden folgende Vorträge statt: jur. Appel: Handelsgeschic h te der Juden im Alterthum; jur. Böhm: Der Antisemitismus und die Juden im Lichte der modernen Wissenschaft nach Cesare Lombroso; med. Calvarj: Die Juden zu Anfang des XIX. Jahrhunderts; med. Citron: Zionismus;jur. Lemche: Die jüdische Moderne nach M. Acher; med. Schweitzer: Ein geschichtlicher U eberblick über die Lage der Juden im Deutschen Reiche; med. Tützer: Der Blutaberglaube bei den Völkern mit besonderer Berücksichtigung der Konitzer Verhältnisse. Ausserdem verlas jur. Appel einen Vortrag seines Vaters: „Ueber die Anfänge des Christenthums". An die Vorträge schlössen sich Discussionen an, an denen sich stets Mitglieder wie Gäste rege betheiligten. Zum Schlüsse des Semesters zählte der Verein zwanzig Mitglieder. Der Verein bückt mit Befriedigung auf das abgelaufene Semester zurück. Wenn auch nicht alle Vorsätze zur Ausführung gebracht werden konnten, insbesondere die Einrichtung von hebräischen Sprachstunden und Turneursen, so ist doch deren Zustandekommen für das nächste Semester schon jetzt gesichert. Am Schlüsse des Berichtes heisst es: „Wir sehen mit Vertrauen in die Zukunft und wünschen, dass unsere alten Freunde uns treu bleiben, und dass das neue Semester uns viele neue, alte und junge Freunde bringen möge, damit der V. J. St. zu München in Wahrheit das werde, was er zu sein sich bestrebt : Der Vereinigungsort aller jüdisch-fühlenden und jüdisch-denkenden Akademiker Münchens." Wilhelm Liebknecht über die Juden. Der kürzlich verstorbene Vorkämpfer der socialdemokratischen Partei in Deutschland äusserte sich einmal über das jüdische Volk in folgenden Worten: „Die Geschichte der Juden nach der Zerstörung des jüdischen Staates und der Zerstreuung des Judenvolkes über die Erde war für mich schon in frühester Jugend ein Räthsel gewesen und ein Wunder. Mit wahrhaftem Grausen hörte ich als Kind von den grässlichen Judenverfolgungen des Mittelalters, von der entsetzlichen Roheit und Barbarei, die die Christen wegen unmöglicher, nur dem blödesten Stumpfsinne und blindesten Vorurtheil glaubhafter Verbrechen an Juden bethätigt haben. Wenn ich nun sah, wie Männer, in denen mein junges Herz die edelsten und tapfersten Vorkämpfer der Freiheit verehrte — ein Börne, ein Johann Jacoby Juden waren, so übertrug sich unwillkürlich die Verehrung für diese Männer auf ihre Rasse. War hierin etwas von Schwärmerei, so