Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 33 (17.8.1900)
- Article
- Berliner Brief
- Date
- 1900-08-17
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 ,Die & Welt?» Nr.. 33 die Verschmelzung der beiden bisher bestehenden Ortsgruppen Thatsache geworden ist. Ein gemeinsamer neungliedriger Vorstand ist gewählt worden., der noch durch Cooptation erweitert werden soll. Somit ist eine grosse, hoffentlich dauerhafte, Organisation geschaffen, an der alle hiesigen Zionisten mit neuer Lust und Liebe weiterarbeiten werden. Bei den diesjährigen Congress-Wahlen, die gemeinsam vorgenommen wurden, sind wiederum die Herren Mozkin und Dr Friedemann gewählt worden. Der Versuch, ein Pronunciamento für die Cypern-Colonisation herbeizuführen, wurde von allen Seiten energisch zurückgewiesen. Man ist hier in überwiegender Mehrheit darüber einig, dass das Cypern-Project — gleichviel wie es um seine Ausführbarkeit steht — im gegenwärtigen Augenblicke nur geeignet ist, die Gemüther zu verwirren^, und dass es deshalb den officiellen Zionismus nicht beschäftigen sollte. Mögen Einzelne immerhin versuchen, der Colonisation auch ausserhalb Palästinas zu nützen — auch der Schreiber dieser Zeilen rechnet es sich zur Ehre an,, in dieser Richtung thätig sein zu dürfen — aber die Partei als solche hat mit diesen Bestrebungen nichts zu thun und würde mit einer Unterstützung noch unreifer Projecte eine schwere Verantwortung auf sich laden. Zu begrüssen ist dagegen, dass sich ein Verein „Schaare Zion" gebildet hat, der auch die ausserhalb Palästinas liegenden Colonisations-Möglichkeiten prüfen will, falls dies — wie wir sicher hoffen — objectiv geschieht. Auch sonst ist hier für Ansiedlungen mittelloser Vertriebener fleissig gearbeitet worden. Ein „Comite für Colonisation im Orient", das kürzlich gebildet wurde und dem auch eine grössere Anzahl nichtzionistischer, einflussreicher und bemittelter Persönlichkeiten beigetreten ist, beabsichtigt, den im Herbst 1899 und Frühling 1900 gegründeten rumänischen Colonien in Kleinasien zuhilfe zu kommen, die vorläufig einen harten Existenzkampf zu führen haben. Doch steht zu hoffen, dass dieselben zu allmählicher Blüte gelangen werden, zumal die türkische Regierung ihnen jedes Wohlwollen entgegenbringt. Ganz zweifellos tritt bei allen derartigen Neugründungen das stets wachsende Interesse hervor, das man in der Bürgerschaft allmählich für die Selbsthilfe im grossen Stile gewinnt. Männer, die früher jede ausschliesslich jüdische Action heftig verdammten, bieten jetzt freiwillig ihre Hilfe an. Kann deshalb der Zionismus bei uns auch noch nicht auf grosse zahlenmässige Fortschritte hinweisen, so darf er doch mit der immer radicaler werdenden Stimmung weiter Kreise zufrieden sein, an der ihm jedenfalls ein erhebliches Verdienst zukommt. Charakteristisch ist nach wie vor dabei die Haltung der Presse. Während die anständigen christlichen Blätter sich objectiv und wohlwollend stellen, bemühen sich die sogenannten „Judenblätter" verzweifelt, unsere Bewegung todtzuschweigen. „Börsen-Courier", „Tageblatt" u. s. w. haben am Londoner Congresse „nicht das geringste Interesse". Sie werden, falls sie überhaupt über den Stand der Bewegung und den Verlauf des Congresses berichten sollten, das im gehässigsten Sinn«thun.'Wir sind im Vorjahre über die Objectivität dieser Art von Presse gründlich aufgeklärt worden, wissen also zur Genüge, wessen wir uns zu versehen haben. Schliesslich ist es fast allen grösseren Bewegungen im Anfange so gegangen, dass man sie todtzuschweigen versuchte, und der rege Besuch unserer Versammlungen kann uns darüber trösten, dass man auch uns gegenüber dieses beliebte Mittel anwendet. Man wird aber gutthun, derartiges im Gedächtnis zu behalten. Der Congress wird doch, wie alljährlich, das Interesse weitester Kreise wecken. Wir erhoffen viel von ihm. denn vom Themse-Ufer wird man den Nothsehrpi des jüdischen Volkes weiter hören als vom alten Basel aus. An unseren Delegierten wird es sein, den Verlauf ruhig und imposant zu gestalten, damit er im parlamentarisch erzogenen englischen Volke Sympathien erwecke. F. Mene Tekel. In das heitere, ausgelassen lustige Treiben der jüdischen Bourgeoisie in den fashionablen Bädern fiel heuer die rumänische Judenauswanderung, gleich jener Unheil kündenden Flammenschrift beim Gelage Belsazars. Ahasver zieht wieder durch die Länder, und weithin wirft er seinen Schatten. Wie gebannt steht die Judenheit des Erdballs unter diesem Eindrucke. Das Wandern, der Juden alte Noth, hub wieder an. O weh! Heute du, morgen ich. Verfassung ist Unsinn, Schutz ist Plage an solchen Tagen. Stehen wir vielleicht schon am Vorabende des „morgen"? Die sorglos Indifferenten, die eingebildeten Omnipotenten wurden beim leckeren Mahle unangenehm gestört Man sammelte, spendete und — verfrachtete sie weiter, die wandernden Brüder. Ja, der Vertreter Oesterreichs am rumänischen Hofe Markgraf Pallavicini theilte der rumänischen Regierung officiell mit, dass den jüdischen Auswanderern der Uebertritt der österreichisch-ungarischen Grenze nicht mehr gestattet werde. Also das zionistische Gespenst ist verscheucht Erleichtert athmet man auf. Das Mene tekel, das das Blut in den Adern erstarren machte, ist verschwunden. Nichts mehr von dem Jammer und Elende auf Auswandererschiffen, in Eisenbahnzügen und Massenquartieren. So denken sie und — flirten weiter. Da huscht oben wieder ein verdächtiger Schatten, unheimlich, gruselig vorbei. In Odessa, der volkreichen Handels- und Hafenstadt, dem russischen Hamburg, wurden durch volle zwei Tage, am -19. und 30. Juli, Juden geplündert. In der Tyraspolska-, Kataikajewska-. Sofijska- und Derybasowska-Strasse, dem belebtesten Stadtviertel Odessas, wurden sämmtliche jüdische Handlungen zerstört und ausgeplündert. Was nicht mauerfest war, fiel der Wuth des Pöbels zum Opfer. Ueber zweitausend Hafenarbeitern war im Angesichte der allmächtigen hohen Regierung, der starken Odessaer Garnison und Polizei der Juden Hab' und Gut, Leib und Leben vogelfrei ausgeliefert. Erst nach des Volkes wildem Feste — man nennt es euphemistisch post festum — schritt das Militär ein . .. So zucken wie Blitze ohne Zahl und Wahl der Judenheit diese warnenden Flammen zeichen auf. Kein Geisterspuk des Zionismus. Der Zionismus ist wie Daniel, der dem Belsazar die Zeichen deutet, die Flammenschrift liest... Belsazar aber poculierte und spottete der Flammenschrift. Und des Morgens fand man ihn — eine Leiche.. Dr. Jakob Kommer. Brief aus Lodz. Der Zionismus ist in unserer Stadt nicht auf Rosen gebettet. Ab«r ungeachtet aller Gegnerschaft hat der Zionismus hier Erfolge, zu verzeichnen. Die stattliche Anzahl Delegierter, die zum Congresse entsendet wurden, zeigt, dass trotz der schweren wirtschaftlichen Krisis, trotz des Massenelends unter den jüdischen Arbeitern, der Schekei auch in diesem Jahre fleissig gesammelt wurde. Der Actienverkauf, beziehungsweise die Eintreibung der Rückstände geht ebenfalls gut vonstatten. 16 „Kreise" entwickeln eine fruchtbare Thätigkeit. Ausserdem existiert hier noch ein von den Zionisten geschaffener und geleiteter Culturverein für Frauen, von dem wir bereits im vorigen Jahre berichtet haben. Wir behalten uns vor, über das Wirken der „Kreise" nächstens eingehend zu berichten. Vorläufig sei hier nur erwähnt, dass dieselben nicht nur die politisch-wirtschaftliche Seite des Zionismus pflegen, sondern auch culturelle Zwecke fordern. In drei Kreisen finden allwöchentlich Vorträge, beziehungsweise Discussionen über den zionistischen Gedanken, sowie über jüdische Geschichte und Literatur statt. Im Kreise „Kadimah" wurden u. a. über den „Zionismus vom Standpunkte der Philosophie der Geschichte", Nietzsche und das Judenthum", „Tolstoj und das Judenthum", „Zionismus und Religion", „Die rituellen Gebräuche als nationales Band", „Der Talmud", „Die Kabbala", „Zionismus und Staatsbürgerthum", „Die nationale Idee und der Menschheitsgedanke", „Die Volksaufstände vor der Zerstörung des jüdischen Reiches" Vorträge gehalten. Ausserdem wurden auch noch für nichtorganisierte Zionisten Vorträge und Debatten veranstaltet.