Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Article
- Gegen den Strom
- Date
- 1900-08-10
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 „Die & Welt' Seite 13 Die Wolke ballt sich — es ist Nacht — Ob wohl ein Gott dort oben wacht? Ihn leugnen — bräche mir das Herz! Ihn glauben — stillt es meinen Schmerz? . . . — Geh' schlafen. Kind, geh' schlafen! „Wir lieben nicht dies Vaterland!" Wie leicht man uns solch Urtheil spricht! Der Vogel liebt sein Nest — das Wild Liebt seine Schlucht: sein Heim — wir nicht! O dieser Vorwurf schändet mehr, Als wenn mit feuerrothem Stahl Auf des Galeerensträflings Stirn Der Henker brennt sein Schandenmal! . . . — Geh' schlafen, Kind, geh" schlafen! Vertheid'ge Dich — Du reiz't aufs neu": Leid' stumm — Du bist ein feiger Wicht: Schrei auf — so ist's Empfindelei: Ja, wider Dich Dein „Ach" selbst spricht. Nur ein Gesetz gilt allerwärts Für jedes Hirn und jedes Herz: Natur lässt keine Ausnahm' zu — Nur eine, eine: die bist Du!... — Geh' schlafen, Kind, geh' schlafen! O schliess', mein Kind, o schliesse Du Die holden Augensterne zu, Wozu auch strahlte ihre Pracht In solch gewitterschwang'rer Nacht? Wer weiss, kommt nicht die Zeit daher, Dass dieser Blick sich, thränenschwer, Gen mich kehrt — wenn ich längst im Grab — Dass ich Dir solch' ein Leben gab . . . — Geh* schlafen. Kind, geh" schlafen! Ladislaus v. N e u g e b a u e r. Altneuland. Roman von Theodor Herzl. Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen. (Der Verfasser stellt uns ein Capitel dieses Romanes zum Vorabdrucke zur Verfügung, und zwar das zweite Capitel des zweiten Buches. Zum Verständnisse der Vorgänge in diesem Abschnitte sei vorausgeschickt, dass im Jahre 1920, nach zwanzigjähriger Verschollenheit, Doctor Friedrich Löwenberg, der mit dem reichen Sonderling Mr. Kingscourt in völliger Weltentfremdung auf einer Insel im Stillen Ocean gehaust und nichts von den Weltbegebenheiten erfahren hat, nach Europa zurückkehrte. In Port Said hörten die Reisenden vom neuen Aufschwünge Palästinas. Sie beschliessen, einen kleinen Umweg zu machen, um diese unerwartete Cultur kennen zu lernen. Als sie im Hafen von Haifa ans Land steigen, wird Friedrich Löwenberg von einem unbekannten Manne angerufen und herzlich begrüsst. Dieser Mann ist David Littwak, dessen Eltern Friedrich vor zwanzig Jahren aus tiefstem Elende errettet hat. Damals war David Littwak ein kleiner, hungernder Betteljunge. Heute ist er ein stattlicher und freier Mann. Anmerkung der Redaction.j Zweites Buch. Zweites Capitel. Noch ehe sie recht wussten, wie ihnen geschah, hatten Friedrich und Kingscourt sich von David Littwak die Dammtreppe hinaufführen lassen. Erst als sie oben, auf dem Strassenniveau angelangt waren, begann ihnen der Eindruck dieser wundervollen Stadt und ihres Verkehres aufzugehen. Vor ihnen weitete sich ein grosser Platz, den die hochgeschwungenen Arkaden stattlicher Gebäude umgaben. In der Mitte war ein mit Gittern eingehegter Palmengarten. Palmen, hier ein gewöhnlicher Baum, standen auch überall rechts und links an den Rändern aller Strassen, die auf den Platz mündeten. Man sah gleich, dass diese Palmen doppelten Dienst hatten. Bei Tage spendeten sie Schatten und nachts Licht, denn die elektrischen Strassenlampen hiengen an ihnen, wie grosse gläserne Früchte. Das war die erste Einzelheit, auf die Kingscourt ergötzt hinwies. Dann erkundigte er sich nach dem Charakter der Paläste, welche den Platz umgaben. David Littwak antwortete, es seien die Bureauxhäuser verschiedener europäischer Seehandeis- Gesellschaften und C.olonialbanken. Der Platz führe darum den Namen Völkerplatz. Das war er in der Thal, nicht nur durch die Gebäude, sondern auch durch die Menschen, die ihn belebten. Die Ankömmlinge staunten und starrten in das Gewühl. Es fand hier offenbar ein Verkehr aller Völker statt, denn man sah die buntesten Trachten des Morgenlandes zwischen Gewändern des Occidents. Chinesen, Perser, Araber wandelten durch die geschäftige Menge. Vorherrschend war freilich die Kleidung des Abendlandes, wie diese Stadt ja überhaupt einen durchaus europäischen Eindruck machte. Man hätte glauben können, dass man sich in einem grossen Hafen Italiens befinde. Die Bläue des Himmels und des Meeres und das Leuchten der Farben gernahnten an die glückliche Riviera. Nur waren die Gebäude viel moderner und reinlicher, und der Strassenverkehr enthielt bei aller Lebhaftigkeit weniger Lärm. Das kam von der gemessen ernsten Art der vielen Orientalen, aber auch daher, dass keine Zugthiere in diesen Strassen waren. Man hörte weder den Hufschlag von Pferden, noch auch Peitschenknallen oder Rädergerassel. Die Fahrdämme waren so glatt wie die Fusssteige, und die Automobile hasteten auf ihren Gum inirädern ziemlich geräuschlos vorüber, nur mit einigem Getuie der warnenden Signalhörner. Ein Rollen über ihren Köpfen machte die Fremden aufschauen. »Alle Deibel, was ist das?" schrie Kingscourt, indem er nach einem über den Palmenwipfeln vorbeisausenden grossen Eisenwagen wies, aus dessen Fenstern Fahrgäste herunterblickten. Der Wagen hatte die Räder nicht unten, sondern oben über dem Dache. Er hieng und schwebte an einem mächtigen eiserneu Brückengeleise. David Littwak erklärte: „Das ist die elektrische Schwebebahn. Die müssen Sie doch auch in Europa gesehen haben." „Wir waren zwanzig Jahre nicht in Europa." „Die Schwebebahn ist ja nichts Neues. Sie war schon in den Neunziger jähren des vorigen Jahrhunderts zwischen Barmen und Elberfeld im Betriebe. Wir haben sie in unseren Städten gleich von vorneherein eingerichtet, weil der Massen verkehr so leichter und gefahrloser bewältigt werden kann. Der Bau war auch billiger, als der von Strassen- oder Hochbahnen." „Erlauben Sie. erlauben Sie!u riet* Kingscourt. „Sie sprechen von Städten! Es gibt demnach in Palästina noch mehr solcher Städte?" „Das wissen Sie nicht, nieine Herren?- „Nein," sagte Friedrich: „wir wissen weder das. noch etwas anderes. Wir wissen gar nichts. Wir waren zwanzig Jahre todt." „Für todt hielt ich Sie freilich, lieber Herr Doctor!" sprach David Littwak, indem er Friedrichs Hand nahm und noch einmal drückte. „Haben Sie sich denn nach mir erkundigt? Ja, woher wissen Sie überhaupt meinen Namen? Ich glaube doch, ihn damals nicht genannt zu haben?" „Als Sie sich unserem Danke entzogen, waren wir ganz trostlos. Ich dachte mir, Sie seien vielleicht ein Stammgast des Cafe Birkenreis. Dort habe ich viele Nächte vor der Thüre auf Sie gewartet. Mein " Vater auch". „Lebt Ihr Vater noch*?" „Ja, Gottseidank, und meine Mutter auch, und