Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Article
- Die Congress-Nummer des "Israel" [Kommentar]
- Date
- 1900-08-10
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die & Welt" Nr. 32 Dr. Gaster und Prot Mandelstamm.Der erste Artikel ist eine schneidige und sehr amüsante Satire auf die antizionistischen Seelenhirten Englands: in einem zweiten Artikel erhalten wir allerlei Auskünfte über die Art, wie das „Jüdische Jahrbuch" (Jewish Yearbook) entsteht; die Erzählung von Shacksnovis macht uns in bester literarischer Form mit einer vielfach falsch beurtheilten Schichte unserer Stammesgenossen in Russisch-Polen bekannt. Die Perle der ganzen Nummer aber ist das von J. Masselzu Ehren des vierten. Zionisten-Congresses gedichtete ,.Lied der Pionniere* (p^m TtT)- Jüdische Volksstimme. Soeben ist die Nr. 13 unseres Brüuner Bruderblattes, der „Jüdischen Volksstimme", erschienen. Das vortrefflich redigierte Blatt enthält u. a. einen interessanten, .,Unsere Repräsentanten" überschriebenen Artikel, der sich mit dem alten und immer neuen Capitel der Cultusgemeinden- Wirtschaft beschäftigt und auch das Verhalten der Wiener „Allianz" gegenüber den rumänischen Auswanderern scharf beleuchtet. „Jüdische Turnzeitung." Die Nr. 4 der „Jüdischen Turnzeitung" in Berlin begrüsst in ihrem ersten Artikel den vierten Zionisten-Congress in überaus herzlicher Weise. Ausserdem enthält das Blatt eine Studie über „Bar Kochba und seine Zeit" von Eugen Täub ler, einen Aufsatz: „Unter welchen Bedingungen genügt das Turnen den gesundheitlichen Anforderungen" von Richard Blum und interessante Mittheilungen über die Bergjuden im Kaukasus von Max H e c k e r. £)üdisciV J^iteFaUir. Die Juden von Toledo. (Heft II/III der „Populär-wissenschaftlichen Vorträge über Juden und Judenthum" : Die Juden von Tole do. Von Dr. M. Kayserling. Leipzig. M.W. Kaufmann. 1000. 8".) Eine Flut stolzer Gefühle wechselt mit herben, tieftraurigen Empfindungen ab, wenn wir die Stadt Toledo nennen hören — die einzige Stadt in der ganzen Welt, in der sich zwei grosse prachtvolle Synagogen befinden, welche äusserst selten von einem Juden betreten werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in der ganzen Stadt seit mehr als 400 Jahren kein Jude wohnt. Kayserling, welcher sich mit der Geschichte der Juden in Spanien eingehend beschäftigt hat, kennt die Stadt aus eigener Anschauung; er hat die enge, lange Synagogenstrasse wiederholt durchschritten. Von ihm erfahren wir, dass Toledo nächst Rom die älteste und mehrere Jahrhunderte die grösste jüdische Gemeinde hatte, so dass es lange Zeit das spanische Jerusalem genannt wurde. Die alte Concüienstadt hatte im und lk Jahrhundert zwanzigmal mehr Juden als Madrid, die viel jüngere Hauptstadt Spanien?, und weit mehr jüdische Seelen, als die Stadt jetzt überhaupt Einwohner hat. Alfonso VI., der Grosse, räumte in seiner Staatsklugheit den Juden gleiche Rechte mit den christlichen Unterthanen ein. ja noch mehr, er stellte sie den Hidalgos, den Adeligen gleich. Sein Vertrauter und Berather war der Jude Cidelo, ein Arzt, der so hoch in seiner Gunst stand, dass die Grossen des Reiches die Wünsche, die sie selbst nicht vorzutragen wagten, durch ihn unterbreiten Hessen. Die Verwaltung des gesammten Heerwesens übertrug der König dem Juden Amram ben Isaak, den er auch sonst im Staatsdienste verwendete. Um ihn zu rächen, erklärte er dem Könige von Sevilla den Krieg. In seinem Heere fochten über 40.000 jüdische Krieger, die sich nach den Berichten der zeitgenössischen Chronisten ausserordentlich tapfer schlugen. Alfonso VII. hatte einen jüdischen Günstling, Jehuda ihn Esra. der, nachdem er sich bei der Eroberung einer Festung ausgezeichnet hatte, von dem Könige zum Befehlshaber ernannt und später mit der Stelle eines Oberaufsehers des königlichen Palastes betraut wurde. Dank seiner Verwendung zugunsten der von den Almohaden verfolgten Glaubensgenossen bildeten sich in Castilien neue jüdische Gemeinden; Toledo selbst erhielt beträchtlichen Zuwachs und wurde der Hauptsitz der jüdischen Wissenschaft. Wer kennt nicht die glänzenden, ewig leuchtenden Sterne Jehuda Halevi und Abraham lbn Esra V Freilich sucht man in der Juderia, wie die frühere Judenstadt noch jetzt genannt wird, vergeblich nach den Häusern, in denen sie lebten und ihre unsterblichen Werke schufen. — Alfonso VIII. trat in die Fusstapfen seiner Vorgänger. Auch er hielt die Juden in hohen Ehren, und es i:t bekannt, dass er mit der schönsten Jüdin von Toledo, welche wegen ihrer seltenen Schönheit schlechtweg „Fermosa", die Schöne, genannt wurde, ein Liebesverhältnis unterhielt, das mehreren spanischen Dichtern und auch Grillparzer Stoff zu einem Drama bot. Nach Moses Maimonides' Tod entbrannte unter den Juden wegen seines „More Newuchim" ein heftiger Kampf. Von Gerona gieng er aus, verbreitete sich über Frankreich und theilte die Juden Spaniens in zwei feindliche Lager. Später übernahm die Kirche das Schiedsrichteramt und liess die jüdischen Schriften überall confiscieren, zum Theile auch verbrennen. In Toledo gelangte jedoch der päpstliche Befehl nicht zur Ausführung, was der Toleranz des damaligen Erzbischofs und der Weisheit Alfonsos X, des Weisen, zuzuschreiben ist. Nach dem Feldzuge gegen Sevilla, an dem auch jüdische Soldaten theilnahmen, beschenkte dieser Fürst die Juden, die ihm bei der Eroberung dieses Landes wesentliche Dienste geleistet hatten, mit Ländereien und Olivenpflanzungen. Ganze Ortschaften giengen in den Besitz der Juden über. Der König, der die Wissenschaften liebte und der Astrologie sehr ergeben war, beauftragte zumeist Toledaner Juden, mehrere astronomische, astrologische und mathematische Werke aus dem Arabischen ins Spanische zu übersetzen. Isaak ibn Sid, der Chasan der Gemeinde, und andere gelehrte Toledaner Juden bildeten im ■ Vereine mit den Clerikern Garcia Perez und Guillen de Aspa die erste wissenschaftliche Akademie in Spanien, ja in Europa. Es ist höchst bezeichnend für die damaligen Verhältnisse, dass der gelehrte Jude Todros Abulafia, der sich als gewiegter Arzt und. Finanzmann einer besonderen Beliebtheit bei Hofe erfreute, das Königspaar auf einer Reise nach Südafrika begleitete, und dass die Königin einen verwickelten Process dem Rabbiner von Toledo zur endgiltigen Entscheidung überwies. — Alfonso XI. stellte den Juden Joseph Benveniste an die Spitze seines Reiches. Er war der zweite nach dem Könige und genoss fast königliches Ansehen. Erst unter dem Brudermörder Heinrich II. gieng es mit den Juden abwärts. Sie wurden immer mehr eine Beute des Elends, und die Inquisition trat ihr Schreckensregiment an. Die prächtigen zwei Synagogen wurden in Kirchen verwandelt. Sie dienen längst nicht mehr kirchlichen Zwecken. Die spanische Regierung hat sie vor einigen Jahren restaurieren lassen und zu Nationalmonumenten erhoben. „Wenn der hoffentlich nicht ferne Tag kommt, andern unsere Freunde, die Sephardim, in das Vaterland, das ihrer nie vergass, zurü ckkehre n," schrieb dem Verlasser vor einigen Jahren einer der gelehrtesten und angesehensten Männer Madrids, „so können sie diese ruhmwürdigen Monumente ibrer Ahnen sofort benützen zum Cultus Jehovas." Die Juden in China. Unter diesem Titel ist soeben in Berlin eine interessante Broschüre von Albert Katz im Selbstverlage erschienen. Das Büchlein enthält mancherlei bisher wenig gekannte Daten über unsere Stammesgenossen in China. Feuilleton. Gegen den Strom. Aus dem Ungarischen des Josef Kiss. Nacht wird's: es ballt sich das Gewölk — Ob wohl ein Gott dort oben wacht? O frag* mich nicht, ich weiss es nicht! Mein Kind, geh" schlafen — es wird Nacht! — Aus grauer Zeit ein finst'rer Geist Gespenstig über'n Erdball kreis"t, Im Blick den Holzstoss-Glutenschein, Wer weiss, tritt er nicht hier auch ein . . . — Geh" schlafen, Kind, geh' schlafen! Tod im Gefolge — wie die Pest, So schreitet er von Land zu Land, Von seinem Tritt die Gnade stirbt, Verliert sein Urrecht der Verstand: Und Hoch und Niedrig, Jung und Alt Erfasst des Wahnsinns Allgewalt, Und wo sein tolles Spiel er treibt, Vom Menschen nur der Name bleibt .\ . — Geh' schlafen, Kind, geh' schlafen! Man klagt uns an, o Frevelmuth! Blut trinkt Dein Vater, sagt man, Blut! Und reifst heran Du einst zum Mann, Auch Du, auch Du trinkst Blut sodann!