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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Odessa [Nachricht]
Date
1900-08-10
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 „Die & Welt" Seite 11 Heute haben einige Banken ihre Bureaux wieder geöffnet, an den Strassenecken sind militärische Posten aufgestellt. Wenn nur die Krawalle nicht wieder beginnen! Wir haben eine Heidenangst davor, die viele Christen mit uns theilen. Nur der Energie dos Graten Schuwaloff ist es zu danken, dass die Unruhen nicht in ein fürchterliches Massacre ausgeartet sind. — Von einem /-weiten Correspondenten erhalten wii einige ergänzende Mittheilungen zu den traurigen Ereignissen von Odessa: Die Sonntagsunruhen entstanden in folgender Weise: Soldaten verkauften vor ihivr Abreise nach China allerlei überflüssige Artikel an jüdische Krämer. Da behauptete auf einmal einer von ihnen, der Sachen im Werte von 5 Rubeln verkauft hatte, der Jude habe ihm das Geld zwar gegeben, es ihm aber gleich darauf aus der Tasche gestohlen. Das war das Signal zu einem allgemeinen, wüthenden Ueberfalle auf das jüdische Viertel der Stadt. Das Militär schritt ein, aber die Soldaten betheiligten sich an der Plünderung, sobald sie sich nur irgendwie der Wachsamkeit der Officiere entziehen konnten. Unter den Soldaten, welche nach China abgehen, befinden sich tausend Juden, erst am letzten Samstag waren sie in der grossen Synagoge, wo der Rabbiner in Anwesenheit hoher Officiere eine ergreifende patriotische Rede hielt. Dwinsk. (Orig.-Corr.) An der Grenze der Gouvernements Kowno ui.d Kurland sind förmliche Aufstände gegen die Juden ausgebrochen. Ein bis jetzt hier noch unbekanntes Agitationsmittel ist dabei gebraucht worden — in den katholischen Kirchen und Kapellen sind Proclamationen gegen die Juden ausgehängt worden. Welchen Eindruck das gedruckte Wort auf die ungebildete Masse hier gemacht hat, haben die hiesigen Juden an Leib und Gut erfahren müssen. In den Ortschaften Waskj, Pos well, S e i m e 1,' L i n k e w e, Passwetin. Janischok, Pokroy sind die Häuser der Juden zerstört,mehrere Juden getödtet, viele tödtlich verwundet worden. Der Jammer ist unbeschreiblich. Die Juden, die hier in grosser Anzahl wohnten, giengen in vollster Sicherheit ihren Geschäften nach, niemand dachte an eine Gefahr, als plötzlich das Unglück hereinbrach und in beträchtlicher Zahl Frauen zu Witwen, Kinder zu Waisen machte. — Am meisten hat Linkewe gelitten. Leute, die wohlhabend waren, sind nun zu Bettlern und zu Krüppeln geworden. Die Furcht ist jetzt natürlich in die Herzen aller Juden dieser Gegend eingezogen — die drohenden Anzeichen eines Aufstandes der ganzen Gegend mehren sich von Tag zu Tag. — Der Handel stockt natürlich, alle jüdischen Geschäfte sind geschlossen, die Ueberlebenden suchen Rettung in schleuniger Flucht. — Die Regierung hat zwar Militär requiriert, aber in so geringer Anzahl, dass die Soldaten gegen den Pöbel nicht vorzugehen wagen. Die Presse hat den traurigen Vorfall todtgeschwiegen. Was sind die Ursachen?? ... Wir aber wollen es nicht todtschweigen, und allen Brüdern mittheilen von dem Vulkan, der unter unseren Füssen tobt und der täglich, in einer schrecklichen Eruption, uns alle plötzlich verderben kann. Ivri. Kischineff. (Die Hungersnoth in Bessarabien.) Die Zahl der Hilfsbedürftigen in Bessarabien nimmtimmer mehr zu. da. je länger die Hungersnoth anhält, desto mehr selbständige Existenzen vernichtet werden, und so kommt es, dass Leute, die noch vor zwei Monaten den Armen ihres Ortes die hilfreiche Hand bieten konnten, jetzt bei der Fortdauer der Noth selbst nothleidend geworden sind und nunmehr die Zahl der verschämten Araen vergrössern helfen. Das Haupteontingent dieser Armen liefert die grosse Schar der Kleinhändler, welche mit einem Capital von 4-0—50 Rubeln einen kleinen Handel beginnen und durch häufigen Umsatz es fertig bringen, mit Hilfe dieses winzigen Capitals sich ehrlich durch die Welt zu schlagen. Da die Kaufkraft der Bevölkerung jetzt fast bis auf Null gesunken ist, sitzen nun diese kleinen Loute alle auf dem Trockenen und müssen, bis bessere Zeiten kommen, unterstützt werden. Die Unterstützung dieser Leute ist verhältnismässig kostspielig, weil sie kein Handwerk besitzen und überdies jede andere Art von Hilfe, als durch bares Geld, aus Furcht, dadurch ihren Credit zu schädigen, hartnäckig zurückweisen. Weit leich'er lässt sich den öffentlichen Armen helfen. Für diese werden Läden etabliert, in denen das Mehl zum Selbstkostenpreise abgegeben wiid. Ferner werden überall Volksküchen errichtet, bei deren Etablierung und weiterer Leitung der wohlhabendere Theil der jüdischen Bevölkerung, namentlich aber die besser situierten Frauen, ganz Hervorragendes leisten. Am meisten wird jedoch der Noth durch Gewährung von Credit und Organisation der produetiven Arbeit gesteuert. So win de am 16. Juni in Orgjejew eine Niederlage für Böttcher trrichtet. wo die Hilfsbedürftigen Dauben, Reifen und Eisen nebst einem baren Vorschusse erhalten, die dann bei Ablieferung der fertigen Fässer verrechnet werden. Unter denselben Bedingungen wird ebendaselbst jetzt ein Magazin für 50 Schuster etabliert. In Ismael wurde von dem Organisator des dortigen Hilfswerkes, dem Dr. Allenstein, ein Capital von 3500 Rubeln hinterlegt, aus dem 23 Familien ein Credit in Waren, Wagen, Pferden etc. bis zu 25 Rubeln gewährt wird. Die armen Leute erwerben sich durch diesen Credit nun schon seit sechs Wochen ihren Unterhalt. Derselbe Dr. Alienstein hat die Fabrication von Knuten organisiert, für di« er in Moskau einen Markt entdeckt hat. Ein vielverheissenderVersuch wurde auch gemacht, nothleidenden Juden in der Landwirtschaft A rbeit und Brot zu verschaffen. So wurden Ende Juni 125 Juden aus Oryjejew auf dem Gute des Baron Günzburg untergebracht, wo sie bei der Rübenernte beschäftigt werden. Der Lohn ist zwar minimal und beträgt nur 25 Kopeken pro Tag nebst einer täglichen Ration von l/a Pfund Fleisch und 3 Pfund Brot, sowie Hin- und Rückfaht auf Kosten des Arbeitgebers. Trotzdem haben auf die betreffende Ankündigung in allen Synagogen sich statt der verlangten 125, sofort 4U0 Mann gemeldet. Hoffentlich wird die Erntezeit, während welcher auch in Russland grosse Nachfrage nach Arbeitern herrscht, vielen tausenden von Juden Beschäftigung bringen und ihnen so über die schwere Zeit bis Ende August hinweghelfen. Die zur Organisation des Hilfswerke« in Bessarabien erforderlichen Mittel werden zum allergrössten Theile in Russland selbst aufgebracht. So hat, um nur ein Beispiel aufzuführen, die Redaction des „Woschod" allein bis jetzt über 61,000 Rubel quittiert, in jüngster Zeit beginnt zwar auch das Ausland endlich für die Nothleidenden in Bessarabien sich zu interessieren. In den letzten 4 Wochen hat unser Localcomite in Kischineff über 14,000 Rubel aus Amerika quittiert. Ferner hat es 1900 Rubel aus Leeds erhalten, welche durch den „Jewish Express" gesammelt wurden. Im allgemeinen sind aber die Beiträge des Auslandes bis jetzt minimal geblieben, und wird der allergrösste Theil der erforderlichen Mittel von den russischen Juden selbst aufgebracht. Jaffa, 20. Juni. (Türkische Verbesserungen in Südpalästina.) Auf Vorschlag des Gouverneurs von Jerusalem hat der Sultan die Errichtung eines Kaimakamiliks (Kreisregierungsamts) in dem an der Südgrenze des geschichtlichen Palästina belegenen und zum Gerichtsbezirke des Mutessarifliks Jerusalem gehörigen Orte Berseba (auf arabisch: Bir Sabe) mittelst lrades angeordnet. Die hierzu nöthigen Kosten sollen in das Staatsbudget für das türkische Finanzjahr 1316 (März 1900—1901) aufgenommen werden. Da der neue Kaimakam bereits ernannt ist, werden zur Zeit die Vorbereitungen getroffen, damit die neue Behörde in nächster Zeit ihre Thätigkeit beginnen kann. Der Gouverneur von Jerusalem, der sich seit etwa vier Wochen zum Zwecke der Eintreibung der Zehntenabgaben und der Grundsteuern von den Beduinenstämmen nach dem Bezirke Ghaza begeben hat, ist zur Zeit in Berseba, um die dortigen Verhältnisse näher kennen zu lernen. Die von Ghaza nach Berseba führende Strasse soll durch einen Regierungsingenieur in eine Fahrstrasse umgewandelt werden. Mit der Errichtung des neuen Kainiakamliks in Berseba bezweckt die türkische Regierung die Herbeiführung geordneter Verhältnisse unter den in dortiger Gegend lagert)den, meist in Fehde stehenden Beduinenstämmen. Besonders sollen diese auch zur besseren Bewirtschaftung der in ihren Händen befindlichen ausgedehnten und stellenweise besonders fruchtbaren Ländereien angehalten werden. Durch die neu einzuführende Catastrierung des Grundbesitzes der verschiedenen Beduinenstämme, von welchen bis jetzt nur mit Mühe als Aequivalent für Zehnten- und Grundsteuer-Abgaben eine jährliche, verhältnismässig niedrige Pauschsumme eingetrieben werden konnte, hofft die türkische Regierung sich eine bedeutende Steuer-Einnahme quelle — man spricht von jährlich 50.000 türkischen Pfund — zu schaffen. Daneben aber dürfte auch die politische C o nsolidierung von Südpalästina, an der die türkische Regierung schon seit -einer Reihe von Jahren arbeitet, durch die Errichtung des Kaimakamiiks in Berseba erheblich gefördert werden. Zeitschriftenrundschau. Die Congress-Numtner des „Israel". Die englische Monatsschrift „Israel" ist immer interessant; aber die uns vorliegende August-Nummer hat durch ihre ungewöhnliche Ausstattung und ihren reichen Inhalt geradezu eine bleibende Bedeutung. Wir finden da ein vortrefflich gelungenes Brustbild unseres Führers Dr. Th. Herzl und drei sehr gute Photographien von Dr. Nordau,

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