Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Article
- Wien / N.....n.
- Date
- 1900-08-10
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die Welt" Nr. 32 Freie Presse" im ganzen 7000 K. an Spenden ausgewiesen habe, die demnach nicht für die aller Habe entblössten Auswanderer genügen könnten, beantwortete Herr Polatschek mit der in einem beleidigenden Tone gehaltenen Frage : „Weshalb interessieren Sie sich eigentlich so für diese Sammlung!?-' Aber wir hatten die traurige Gelegenheit, diese „Charaktere" noch weiter zu beobachten. — Von den angesagten humoristischen Vorträgen fand bloss einer statt, und dieser bestand in der Darstellung eines polnischen Juden. Es zog sich nämlich ein junger „Genosse" unter dem Hute ein Paar Handschuhe derart an, dass dieselben mit dem Daumen Schläfenlocken bildeten. Um ihn sammelten sich wohl nicht alle, doch ein nicht geringer Theil der „Genossen und Genossinnen", und der „Genosse* begann seinen Vortrag. Zu unserem Erstaunen und zur Vermehrung unserer Erbitterung bemerkten wir, dass der ..Genosse" mit einer Zungenfertigkeit sprach, die erkennen liess, dass dies vor nicht allzu langer Zeit seine eigentliche Sprache war. Wir konnten dem Vortragenden und der sich an dem Anblick weidenden Zuhörerschaft der grossen üebermacht wegen leider nur in Worten — diese, waren wohl ziemlich derb — unsere Verachtung über dieses schmähliche, jedes Ehrgefühl aufs gröblichste verletzende Vorgehen aussprechen. Der socialdemokratischen Partei in Oesterreich möchten wir nur sagen, dass eine Partei, die in ihrer Mitte nicht nur vereinzelte, sondern eine grosse Anzahl von Genossen hat, die sie — die Partei — zur Missachtung jedes Ehr- und Selbstgefühls erzieht, was, wie wir oben gesehen, sogar so weit geht, dass ein solcher „Genosse" die Tracht und die Sprache seiner Stammesgenossen verhöhnt, ihr möchten wir sagen, dass sie damit kein „ehrlich Handwerk" betreibt. N.....n. Prag, 4. August. (Ein neuer Paulus Mayer. Antisemitische Vorbereitungen für "die Polnaer Processe.) Das Masaryk'sche Organ „Czas" bringt folgende Mittheilungen: „Wie die Antisemiten im Geheimen arbeiten, dafür zeugt ein Quiproquo, welches sich am 3. August in unserer Redaction abspielte. Es besuchte uns. offenbar infolge eines Irrthums, der Rabbiner Jehuda Tiiiinger aus Zablotow in Galizien, welcher in der Wohlthätigkeits-Gemeinde zu Berlin als Rabbiner thätig war. Er hatte sich mit seiner Gemeinde überworfen und schied nach mancherlei Conflicten aus derselben. Aus seinen Beziehungen mit der genannten Berliner Religions-Gemeinde erblühte eine Reihe von Streitschriften, die er uns insgesammt unterbreitete, wobei er sich als einen in seinen Rechten verkürzten und verfolgten Menschen hinstellte. Schliesslich wurde er aus Berlin ausgewiesen. Nunmehr begannen sich dieses Rabbiners die Antisemiten zu bemächtigen. Alsbald schenkten die Redactionen reichsdeutscher antisemitischer Blätter ihm ihre Beachtung, und zwar die „Staatsbürger- Zeitung"' und der „Deutsche Geueral-Anzeiger% welcher ihm Empfehlungen nach Oesterreich gab, darunter an Ernst Vergani. In Prag kam Tillinger mit Canonicus Rohling zusammen, welcher ihm an Canonicus Zschokke, gewesenem Universitäts-Professor und Hofrath, und an Pfarrer Deckert in Wien Empfehlungen gab, in welchen Rohling ihn als eine in orientalischen Sachen sehr gewandte Arbeitskraft bezeichnet und darauf aufmerksam macht, dass Tillinger zur katholischen Kirche überzutreten beabsichtige, und dass er der antisemitischen Sache sehr gute Dienste leisten könne. — Uns setzte Tillinger auseinander, dass er viel mehr als Rohling wisse. Inzwischen solle er Mitarbeiter des Vergani* sehen „Deutschen Volksblattes" werden, für welches er schon von Berlin aus zu schreiben pflegte. Ausserdem soll er Correspondent der beiden genannten reichsdeutschen antisemitischen Journale werden. Am 21. Juni veröffentlichte er in dem antisemitischen „Deutschen General-Anzeiger" einen Artikel „Der Talmud und der Ritualmord" und am 8. Juli einen Artikel „Uebersetzung der jüdischen Geheimschriften". Jetzt soll er offenbar im „Deuschen Volksblatt" Artikel über die Blutbeschuldigung gegen die Juden veröffentlichen. „Der „C zas" erinnert an den analogen Fall des Paulus Mayer und bemerkt, es sei gewiss kein Zufall, dass sich die Antisemiten gerade vor dem Polnaer Process Juden, die mit ihren Glaubensgenossen verfeindet sind, für ihre Redactionen beschaffen. Dass Tillinger sich gerade in die Redaction des „Czas" verirrte, erklärt sich daraus, dass in dem Hause, wo sich diese Redaction derzeit befindet, bis vor kurzem die Druckerei und ein Theil der Redaction der antisemitischen „Radikalni Listy" etabliert waren. Tillinger glaubte also in der Redaction eines antisemitischen Blattes zu sein. Gestern fand sich, wie die „Bohemia" mittheilt, Herr Tillinger auch in der Redaction dieses Blattes ein, wo er sich jedoch nicht als Antisemit gerierte, sondern lediglich über die preussische Verwaltung Beschwerde führte. Er sei, weil er ohne Bewilligung der Behörde als Rabbiner fungierte, angeklagt worden, habe jedoch die Verhandlung nicht abgewartet und sei durch freiwillige Abreise der Ausweisung zuvorgekommen. Er ergieng sich in lebhaften Ausfällen gegen die preussischen Behörden, die ihn persecutiert hätten» und legte auch der „Bohemia" zahlreiche Schriften und Abzüge vor, allerdings nicht diejenigen, die er in der Redaction des „Czas" gezeigt hatte. So unterliess er es beispielsweise, jenes Schriftstück bekanntzugeben* welches seine Beziehungen zu den antisemitischen Führern Rohling and Vergani betrifft. Zur Erläuterung seiner ConÜicte mit der jüdischen YVohlthätigkeitsgemeinde in Berlin wies er mehrere Nummern der „Staatsbürger- Zeitung" vor, und auf die Einwendung, dass dies ja ein antisemitisches Blatt sei, erwiderte er, rasch g^fasst: „Ja, selbst die antisemitischen Blätter haben sich meiner Sache angenommen." Kojetein. Mittwoch d. -25. v. M. fand hier ein feierlicher Gottesdienst, gewidmet dem Andenken des vor Jahresfrist verstorbenen Prof. D. Kaufmann, statt, dem sämmtliche Gemeindemitglieder beiwohnten. In einer ergreifenden Rede würdigte unser Rabbiner Dr. S. Kosenzweig die unübertroffenen Leistungen des Verewigten auf dem Gebiete der jüdischen Religionsphilosophie und Geschichte, seine Verdienste um die ganze jüdische Wissenschaft, und schilderte den Ver lust, den das jüdische Volk durch den jähen Tod dieses genialen Forschers erlitten hat. Unsere Gemeinde» die stolz darauf ist dass der Verewigte hier das Tageslicht erblickt hat, wird ihm stets ein treues Gedenken bewahren. Jungbunziau. Aus dem benachbarten Orte Alt-Banatek verschwand vor kurzem ein 13jähriger Knabe namens Franz Jirta. Antisemitische Agitatoren verbreiteten unter der Be^ völkerimg das Gerücht, der jüdische Kaufmann Pick hätte den Knaben ermordet. Es kam deshalb vorige Woche zu judenfeindlichen Exc;ssen. Nun ist das Verschwinden des Knaben aufgeklärt worden. Jirta würde in Nimburg aufgegriffen und der Gendarmerie übergeben. Er gab an, wegen schlechter Behandlung aus dem Elternhause geflohen zu sein. München. In der Synagoge fand am Freitag-Abend eine Andacht für die nach 'China gehenden jüdischen Soldaten statt. Der stellvertretende Rabbiner überreichte nach einem Gebete für die glückliche Rückkunft der Truppen jedem Soldaten ein Gebetbuch. Könitz, 5 August. Am Donnerstag wurde ein auf dem Synagogengrundstücke stehender Brunnen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft ausgepumpt. Gefunden wurde selbstverständlich ausser einigen Steinen nichts. Anlass zu dieser Massnahme hat eine Denuciation gegeben, wonach der Brunnen Leichenteile enthalten sollte. — Infolge der neuerlichen Radauscenen, bei denen auch dem ersten Bürgermeister und dem Poiizeichef einige Fensterscheiben eingeworfen worden sind, durchziehen jetzt wieder militärische Patrouillen nachts die Strassen. — Der hiesige Oberlehrer Dr. Hofrichter, der seine antisemitische Gesinnung mehrfach kundgegeben hat, ist an das königliche Gymasium zu Neustadt versetzt worden. 0dessa.(Orig.-Corr ) Hier sind plötzlich antisemitische Unruhen ausgebrochen — kein Mensch weiss warum. Plötzlich, am Sonntag, sind die Häuser und Geschäfte in den armseligen Juden vierteln, ganz besonders aber in der Vorstadt Moldavanka und in der Umgebung von „Tolczock" geplündert worden. Montag hat sich der Pöbel über die reicheren Stadttheile ergossen und unter Freudengeheul und wildem Schreien: „Erschlagt die Juden!" die Auslagefenster der zum Theile sehr eleganten Läden durch Steinwürfe zertrümmei't. Rasch schlössen sich alle Geschäfte und Bureaux. und die Strassen waren leer und verlassen wie am Jörn Kippur, und ungeheurer Schrecken beinächtigte sich aller Bewohner, auch der christlichen, denn die fanatische Menge stürzte sich in ihrer blinden Wuth auch auf' christliche Geschäfte, so dass viele bedeutende christliche Firmen, wieWedde, Malissarato, Rozoff, Babadagly u. s. w. ihre schönen Läden vollständig zerstört sehen. Die Polizei hat rasch und gründlich eingegriffen, und die Ordnung ist wieder hergestellt. Graf Schuwaloff hat officiell verlautbart, dass er 1041 Unruhestifter hat verhaften lassen; eine strenge Strafe harrt ihrer: die in Odessa Zuständigen werden zu dreimonatlicher Gefängnisstrafe verurtheilt, die anderen aus Odessa ausgewiesen und in ihre Heimat abgeschoben. Viele ehrliche schwer arbeitende Menschen sind um ihr Hab und Gut gebracht, vollständig ruiniert, andere verwundet und krank das sind die traurigen Folgen der blinden Volkswuth, die auch jene christlichen Geschäfte nicht geschont hat, die Cruciftxe in die Fenster stellten: die Verblendeten fürchteten, dass Juden zu diesem Rettungsmittel gegriffen haben könnten.