Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 32 (10.8.1900)
- Article
- Der Jüdische Nationalfonds
- Date
- 1900-08-10
- Page
- 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 32 „Die 2$ Welt4* Seite 7 Briefen, insbesondere unter Freunden und Verwandten bei feierlichen Anlässen, Gratulationen, Gefälligkeiten etc. Jeder wird sofort einsehen, dass wir auf solche Weise grosse Summen zusammenbringen werden, ohne jemandem weh zu thun. Das sichere und schnelle Anwachsen dieses Fonds ist von vorneherein dadurch gewährleistet, dass wir eine Organisation besitzen, über unzählige Kräfte verfügen, die gerne mitarbeiten werden, dass wir absolut keine Spesen haben werden und die aufgelaufenen Zinsen und Zinseszinsen den Fonds selbst stärken werdon. Wir brauchen wohl keine weiteren Beweise dafür, dass ein derartig unantastbarer Fonds wie ein Schneeballen riesige Dimensionen annehmen kann. Wir können nur eines bedauern, dass unsere Väter vor fünfzig Jahren oder noch früher auf diese Idee nicht gekommen sind. Administrieren soll den Fonds das Congressbureau, welches Beziehungen in der ganzen Welt besitzt. Als Depotstelle für die Summen aus dem Erlöse der verkauften Marken soll die Jüdische Colonialbank dienen, wenn sie anfangen wird, Geschäfte zu machen. Vorläufig eine andere Bank oder Gesellschaft. Als Verwalter und Eigenthümer dieses Fonds erscheint der Gongress, das heisst das jüdische Volk. Wenn wir uns alle energisch an die Arbeit machen, so unterliegt es gar keinem Zweifel, dass wir dieses neue Werk des Zionismus bald von grossem Erfolge gekrönt sehen werden. Wer daran zweifelt, dass ein grosser Fonds durch Kreuzer zusammengebracht werden kann, der gedenke der Worte Goethes: -Wenig und viel ist mehr als viel und wenig." Wie das an sich so kraftlose Wassertröpfchen mit den Millionen seiner Brüder auf das Rad des Müllers drückt und die schweren Mühlsteine in Bewegung setzt, so sollen auch hier die Kreuzer das grosse Werk mit in Bewegung setzen helfen, welches die Erlösung des jüdischen Volkes herbeiführen soll. ©er FUti)äi)iscbe JS^odus. Die Auswanderer und die Wiener Allianz. Die Betheiligung der Zionismen an der Hilfsaction für unsere unglücklichen^ Brüder war bisher eine' rein positive: wir griffen ein. wo es augenblicklich noththat, wir suchten nach Kräften momentane Noth zu lindern, vor allem aber die Gebeugten moralisch aufzurichten, ihren Muth und ihre Hoffnung zu beleben; sollte ihnen doch das Bewusstsein nie entschwinden, dass sie in der ganzen Welt mitfühlende Volksgenossen besitzen, die sich mit ihnen durch Bande der Volksgemeinschaft, durch gleiches Leid und gleiche Zukunftshoffnungen innig verknüpft fühlen und ihnen auf der Suche nach einer neuen Heimat, in dem Ringen um Neubegründung einer Existenz, Kraft und Ausdauer bieten. Wir haben uns sehr gehütet, von der Linie rein positiver Thätigkeit. die wir uns vorgezeichnet, abzuweichen, insbesondere aber mit der Action der „Israelitischen Allianz in Wien" in Collision zu gerathen, von der wir ja wussten, dass sie in dieser Action zugleich die Bevollmächtigte der „Alliance israelite universelle" in Paris und der „Ica" sei. Wir haben vieles verschwiegen, was wir sahen, haben den zahlreichen Klagen der Auswanderer nur mit begütigendem Zuspruche geantwortet. Ernste, sittliche Pflichten, Pflichten der Menschlichkeit sowohl, wie Pflichten gegen die Ehre des gesammten Judenthums zwingen uns, unser Schweigen zu brechen; wir beabsichtigen keineswegs, die „Israelitische Allianz" als solche anzugreifen, wir wollen auch durchaus nicht den ganzen Vorstand für das Vorgehen einzelner Herren verantwortlich machen. Aber wir müssen sprechen, weil wir die Dinge nicht länger schweigend dulden dürfen, die den jüdischen Namen für alle Zeit mit anauslö schlich er Schmach bedecken, die uns mit Recht die Verachtung unserer christlichen Mitbürger zuziehen. Wir wollen gar nicht auf die zahlreichen Klagen der Auswanderer über Brutalisierung, die sie erfahren, eingehen, wir wollen auch nicht mehr darauf zurückkommen, dass man Auswanderer drei Tage und drei Nächte unter der Reichsbrücke campieren liess, ohne auch nur — allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz — einen Schritt zu machen, um ihnen Unterkunft zu schaffen, ja ohne auch nur für ihre regelrechte Verpflegung zu sorgen. Wir wollen nur einige wenige Thatsachen zur Kenntnis der Oeffentlichkeir im I vielleicht auch des Gesammtvorstandes der Allianz bringen. Thatsachen, die uns die Schamröthe ins Gesicht treiben, die wir für unglaublich hielten, würden sie uns nicht von durchaus zuverlässigen Seiten verbürgt sein, so dass wir für dieselben einstehen und — wenn es den Herren belieben sollte — auch bei Gericht den Wahrheitsbeweis erbringen können. Während die ungarische, wie auch die österreichische Regierung und deren Behörden dem Durchzuge der Auswanderer keinerlei Schwierigkeiten bereiten, scheinen es die Herren Vertreter der Wiener Allianz in der Angelegenheil der rumänischen Juden gerade als ihre Hauptaufgabe zu betrachten, den Auswanderern möglichst viele Hindernisse in den Weg zu legen und Polizei und Regierung gegen dieselben in Bewegung zu Selzen. Wer Zeuge dessen war. wie diese Herrn am -11. v. M. eine Schar von mehr als G()0 Auswanderern, die eben mit der Staatseisenbahn aus Budapest angekommen war. mit Hilfe der — allerdings von ihnen missbrauchten — Polizei überrumpelten und deren Rücksendung nach Budapest erzwangen, dem werden die Jammerscenen, die sich da abspielten, unvergesslich bleiben. Die List, die hierbei in Anwendung kam, war einfach die, dass man die Angekommenen, statt ihnen eine Unterkunft anzuweisen, so lange auf und vor dem Staatsbahnhofe warten liess, bis die Polizei erklärte, das Verharren der Auswanderer vor dem Bahnhofe nicht dulden zu können: statt die Leute in geeignete Ubicationen führen zu lassen, missbrauchten die Herren das Einschreiten der Polizei, um die zum Verlassen des Platzes Gezwungenen auf den Bahnhof in die bereitstehenden Waggons zu drängen und dieselben — unter dem Scheine, dass die Polizei deren Rüektransportierung verlange — geradezu gewaltsam zurückzusenden. Von den zu Schiffe Angekommenen wurden mehr als 700 in Schleppern auf dem jenseitigen Donauufer untergebracht, richtiger interniert, denn es wurde von der Polizei die Verfügung erwirkt, dass die Leute — bis auf einzelne Ausnahmsfalle — die Schlepper nicht verlassen dürfen; und auf diesen Schleppern werden die Leute, „um sie mürbe zu machen", jetzt schon nahezu 14 Tage unter den denkbar ungünstigsten hygienischen Verhältnissen zurückgehalten. Ist es ein Wunder, dass ein Theil der Leute, deren Nothlage von Missionären benützt wird, um sie zum Uebertritt zum Christenthum zu bewegen, thatsächlich der Versuchung erlegen sind und nach der ihnen von der evangelischen Gemeinde in Aussicht gestellten Hilfe gegriffen haben, weil sie an dem guten Willen ihrer jüdischen Stammesgenossen verzweifeln mussten? Es ist furchtbar traurig und unsäglich beschämend für die ganze Judenheit, dass Juden, die als Märtyrer ihres Volkes und ihres Glaubens den Wanderstab ergreifen, nach schweren Kämpfen sich endlich doch zum Abfall entschliessen, weil sie die brüderlichen Gesinnungen ihrer Stammesgenossen, auf die sie vertraut und gebaut, nicht vorfinden. Wl beschämender noch als alles Mitgetheilte ist aber die Thatsache, dass ein Henaus dem Vorstande der Allianz bei dem Ministerpräsidenten v. Körber und dem Polizeipräsidenten v. Friebeis intervenierte, um die Zurückschiebung der Emigranten zu erlangen, und diese Thatsache wird nicht dadurch in ein milderes Licht gerückt, dass beide Herren loyalerweise erklärten, keine gesetzliche Handhabe zum Einschreiten zu haben. An dieses Factum schliesst sich würdig an, dass seitens einzelner Vertreter der Wiener Allianz an die Pester Gemeinde das Ansinnen gestellt, wurde, bei der ungarischen Regierung die Absperrung der Grenze gegenüber den rumänischen Emigranten zu erwirken, ein Ansinnen, das, wie wir aus Budapest erfahren, von der dortigen Gemeinde mit Entrüstung zurückgewiesen wurde. Wir fragen, hat der Herr Präsident der n Allianz" Kenntnis von all diesen Vorgängen, haben die Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner Df. Schmiedl, die ebe.-ifalls im Vorstände der Allianz sitzen, hiervon Kenntnis? Wir können dies unmöglich glauben. Ein Hilfscomite für die Auswanderer in Budapest. Am 30. Juli wurde in Budapest ein Hilfscomite von jüdischen Notabein für die rumänischen Auswanderer gebildet, das den Zweck hat, diejenigen Emigranten, welche die Wiener „Allianz" aus „humanitären" und Gott weiss sonst was für Gründen nach Rumänien zurückschickt, von Budapest aus nach Rotterdam und von da nach Amerika zu befördern. Das Comite ist in wahrhaft anerkennenswerter Weise bemüht, die Schwierigkeiten, die sich der Weiter-