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Die Welt · 1900-08-10 · 32 (10.8.1900) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
32 (10.8.1900)
Article
Was wir in London sehen sollen
Date
1900-08-10
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 32 ,Die ^"Welt- Seite 5 gleichen, schon deshalb nicht, weil Socialderaokratie und Trades Unions greifbare, materielle Vortheile versprechen; wenn man vom Arbeiter einen kleinen, wöchentlichen Beitrag verlangt, so sagt man ihm, dass das eine Ersparnis sei, eine Capitalsanlage, die ihm in Zukunft reiche Zinsen tragen werde, denn eine grosse, in den Händen der Arbeiter vereinigte Geldmacht biete die Gewähr für den Sieg im Kampfe gegen das ausbeuterische Capital. Die Heilsarmee aber hat ihren Soldaten, ihren Männern und Frauen, nie einen materiellen Vortheil versprochen, hat immer nur Opfer von ihnen verlangt. Woher kommt die Macht des Generals über seine Armee? Was bietet er den Millionen armer und ärmster Arbeiter dafür, dass sie mit ihren schwer verdienten Pennys 14.000 Officiere erhalten und sich einmal im Jahre ein freiwilliges Fasten auferlegen, um den Tageslohn der gemeinsamen Cassa zuzuführen? Unheilbare Fanatiker der Aufklärung werden mit dem Phänomen leicht fertig: Unwissenheit, Cretinismus, Wahnsinn. Ich bin nicht so leicht vom Wahnsinn der Massen zu überzeugen, wenn dieser Wahnsinn Opfer auferlegt und keinen materiellen Entgelt bietet. Deshalb habe ich Jahre hindurch die Thätigkeit der Heilsarmee in allen Stadien verfolgt, habe die rein religiöse sowie die sociale Seite ihrer Einrichtungen studiert — jetzt glaube ich ihre Erfolge zu verstehen. Vor allem wendet sich General Booth an das elementarste Bedürfnis des arbeitenden Menschen und befriedigt es in seiner Art: er bietet den Gedrückten und Enterbten, was ihnen nirgends sonst geboten wird, G eselligkeit und Erholung von innen heraus. Das Problem, wie man den grossen, niederen Massen eine menschenwürdige Erholung verschaffen könnte, haben in London weder die„Volkspaläste",nochdieMuseen, noch andere wohlgemeinte, von Gebildeten ausgehende Schöpfungen gelöst, aber General Booth hat es getroffen. Die beste Erholung ist die, bei der jeder Erholungsbedürftige sich nach Kräften bethätigt und nur jene Geselligkeit gedeiht, bei der eine ausserhalb des persönlichen Interesses liegende Idee alle Mitglieder der Gesellschaft durchdringt. Die Männer und Frauen,der Heilsarmee singen, spielen, beten, predigen bei ihren Zusammenkünften, und dabei sind sie von einem unpersönlichen, dem religiösen Gedanken erfüllt — das bietet kein Turn- und Gesangverein der Welt. Die absolute Gleichheit und Brüderlichkeit in der Armee, trotz der Ranggliederung, ist ein zweiter, nicht unwichtiger Reiz, der die untersten Schichten den Garnisonen der Heilsarmee zuführt. Was ist das für ein erlösendes Gefühl für eine arme Menscheneinheit in dem endlosen Meere Londons, sich mit einem Schlage unter Gleichgesinnten, Gleichgestimmten, unter Brüdern zu sehen! Früher ein verlorenes Stäubchen, von niemandem beachtet, von jedem getreten — mit einemmale ein Glied in einer grossen, sichtbaren, mächtigen Armee! Wie gut kannte General Booth die menschliche Natur, wie kannte er die Seele der Massen, als er an das übersinnliche Element in ihnen appellierte! Die Kirchen der Gegenwart haben vor lauter Weltlichkeit beinahe die Seele vergessen, und die Aufklärung hat den Begriff in Acht und Bann gethan. General Booth hat sie wieder entdeckt und ihr zu ihren Rechten verholfen. Die Wunder haben noch immer nicht aufgehört, aber sie werden nur an den Seelen, nicht an den Leibern vollbracht. Mit dem Gebildeten von heute sind keine Wunder zu vollbringen, denn was etwa noch an Seele in ihnen schlummert, ist schwer zu erwecken, aber im Volke wacht die Seele und wartet auf ihre Erlösung. Booth hat die Seele seiner Londoner Massen erlöst — er hat sie in seiner Gewalt Und noch eine andere Eigenschaft des natürlichen Menschen hat er benützt, das Bedürfnis der Entsagung. Kein Glück auf Erden, das dem Glücke der Selbstüberwindung, dem Stolze der Entsagung, der Gehobenheit des Martyriums gleicht. Was sind alle Genüsse der Reichen im Vergleiche mit dem Bewusstsein, das der Tag des freiwilligen Fastens dem Heilssoldaten gewährt? Die moderne Menschheit hat beinahe den Begriff der Entsagung verlernt. Das Kerndogma der Socialdemokratie lautet: Nicht Verringerung des Lebensgenusses auf Seite der Reichen, sondern Erhöhung des materiellen Wohles bei den Armen. Die Heilsarmee hat eine tiefere Erkenntnis der menschlichen Natur, und das erklärt mit ihren grösseren Erfolg. Den grössten Antheil an der Blüte der Heilsarmee haben die Frauen. Die Generalin war eine ausgezeichnete und superkluge Frau, und ihr hat der General seine grössten Siege zu verdanken. Frau Booth sah den grossen Widerspruch in der modernen Stellung der Frau, den Widerspruch, der in allen Schichten Verwirrung stiftet, in den untersten aber in tausend Fällen die Quelle alles Unheils wird. Europa hat die Gleichheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau zu einem socialen Gebote erhoben. Was aber hat Eropa gethan, um ausserhalb der Arbeit und des intimen häuslichen Lebens, das Zusammenleben von Mann und Frau möglich zu machen? Was haben die europäischen Ehepaare an Geselligkeit und Erholung gemein? Frau Booth sah, dass die zahllosen Clubs der englischen Männerwelt die Frauen vereinsame und in den untersten Schichten dem Trünke zuführe. Das brachte sie auf den Gedanken, in der Heilsarmee den Frauen die volle Gleichberechtigung mit den Männern zu gewähren. Alle Erholung, aile Geselligkeit kommt den Frauen in gleicher Weise wie den Männern zugute. Und noch ein letztes Moment sei erwähnt. Die Heilsarmee stützt sich aufs Volk uad arbeitet fürs Volk. General Booth erhält von reichen Gönnern grosse Summen für seine Zwecke, aber er hat noch nie bei Reichen gebettelt, noch hat je ein Reicher massgebenden Einfiuss auf die Bewegung erlangt. Das ist in grossen Zügen Organisation und Erfolg der Heilsarmee. Ich glaube, wir Zionisten werden gut daran thun, ihren Einrichtungen einiges Studium zu widmen. Der Jüdische Nationalfonds. Die Bildung eines jüdischen Nationalfonds ist schon vor längerer Zeit angeregt, oft in Erwägung gezogen und durchberathen worden. Allein man hat dieses Project aus dem Grunde immer wieder verschoben, weil man den Zionisten, die ja nicht gerade aus lauter reichen Leuten bestehen, zu den Actien der Jüdischen Golonialbank und dem Schekel nicht auch noch den Beitrag zum Nationalfonds als neue Last aufbürden wollte. Wie es sich aber gleich zeigen wird, soll dieser Beitrag kein empfindliches Opfer bedeuten, selbst nicht für die Aermsten unseres Volkes. Noch andere Erwägungen waren schuld, dass der Gedanke nicht ausgeführt wurde. Ein Nationalfonds, sagte man, den wir uns in der Höhe von vielen, vielen Millionen denken, sollte nicht kleinlich beginnen; es gehört dazu eine ordentliche „mise en scene-, um das Kind wirksam in die Welt zu setzen. Es war oft Aussicht vorhanden, mit einer grösseren Summe anzufangen, aber die Spender überlegten sich die Sache und mögen wohl der Ansicht gewesen sein, dass die von ihnen in Aussicht genommenen Beträge nicht imponierend genug seien, und so schlief die Sache wieder ein — zum Leidwesen vieler unserer Freunde! Nun wollen wir jetzt dieses für den Zionismus so wichtige Project nicht mehr verschieben, vielmehr mit aller Energie und Wärme an seine Ausführung schreiten und geben uns der sicheren Hoffnung hin, dass es in der ganzen Welt Unterstützung und Förderung erfahren wird, so dass wir bald auf greifbare Resultate werden hinweisen können. Was ist ein Nationalfonds? Wie soll derselbe gebildet werden? Wer soll ihn verwalten? Und zu welchen Zwecken soll derselbe Verwendung finden? Wir wollen, um den Leser mit dem Projecte gleich vertraut zu machen, die letzte Frage zuerst beantworten. Der Jüdische National fonds soll ein unantastbares Vermögen des jüdischen Volkes bilden, das, nachdem es eine (noch festzustellende) Höhe erreicht haben wird, ausschliesslich zum Landankaufe in Palästina verwendet werden soll. Wir Zionisten, die wir das jüdische Volk sind, müssen nicht nur das Land unserer Sehnsucht erst erlangen, sondern auch jeden Zoll unserer Erde durch Geld erkaufen. Abgesehen von den persönlichen Gefühlen, drängt uns vor allem die Pflicht gegen die Aermsten unseres unglücklichen Volkes, daran zu denken, bei fortschreitender Entwicklung unserer Bewegung und im gegebenen Momente diesen Unglücküchen womöglich zuerst den Erdgeruch zu verschaffen, den sie durch so unendlich lange Zeit entbehren mussten und dessen sie

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