Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Article
- Die Schwestern
- Date
- 1900-08-03
- Page
- 14 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 ,Die Welt" Ni. 31 Die Schwestern. Erzählung von S- Gordon. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „Vertraue doch dem Vater," sagte sie nach einer Weile, „er ist nicht darnach angethan, einen Fehler zu begehen. Ich weiss es bestimmt, dass er die feste Ueberzeugung von der Vollkommenheit Deines zukünftigen G.-itten gewonnen hat; sagt er nicht immer, dass er nur auf unser Glück bedacht ist?" „Aber wer sagt denn, dass ich nicht glücklich bin? Soll ich lachen und singen, wenn die Krankheit meiner Mutter das Haus wie ein Schatten verdüstert? Wenn aber das nicht genügt, so will ich dem Vater versprechen, dass er nie_ einen unzufriedenen Blick in meinein Gesichte sehen soll — nur dazu darf er mich nicht zwingen." „Das wird ihn sehr kränken — und die Mutter auch," antwortete Salka ruhig. Zillah schlang krampfhaft die Hände ineinander. „Ich habe nie an mich gedacht," sagte sie fast hart, „immer nur an sie, sie müssen auch einmal grossmüthig sein." Dann hellte sich ihr Blick auf. „Vielleicht mag mich der Mann gar nicht," sagte sie. Salka kam einen Schritt näher und wendete schweigend das Gesicht ihrer Schwester dem Lichte zu, dann schüttelte sie ebenso schweigend den Kopf. „Du glaubst, dass ich ihm gefallen würde?" fragte Zillah verzweifelt. „Wem könntest Du missfallen?" erwiderte Salka. Ueber ihren Köpfen wurde ein leises Klopfen hörbar. „Das ist die Mutter — sie ist wach," fuhr Salka eilig fort, „komm', wir müssen ihr den Brief vorlesen." Zillah hielt sie zurück. „Kein Wort von — sag' ihr nicht, wie ich darüber denke," flüsterte sie, „ein andermal, wenn sie wohler ist." Salka nickte und gieng voran, die Treppe hinauf in das grosse, luftige Schlafzimmer. Als sie eintraten, lächelte ihnen eine blasse, abgezehrte Frau glücklich entgegen. „Gute Nachrichten vom Vater lx rief Salka, „höre--" Aber im nächsten Augenblicke hatte ihr Zillah den Brief aus der Hand genommen. „Ich bin die ältere," sagte sie schlicht, und mit klarer, fester Stimme las sie jedes Wort, ohne zu stocken — selbst die Nachricht bei der ihr Herz sich aufgelehnt hatte. Das Lächeln in den Augen der Mutter wurde noch glücklicher, und ihr schwaches Stimmchen sagte: „Gott sei Dank — es ist ihm also geglückt. Gib mir einen Kuss, Zillah. — Das war ein kalter Kuss, aber es liegt vielleicht ar. mir : meine Lippen sind nie warm. In einer Woche also?" Salka stand am Fenster. „Es ist jemand im Laden, Zillah", rief sie. Und Zillah gieng hinunter und dankte der Vorsehung, dass sie ihr eine solche Schwester beschert hatte. Es war am folgenden Nachmittage. Zillah starrte von der Thürschwelle des Ladens in die Unendlichkeit hinaus. Sie hatte in der Nacht Zeit gehabt, sich über ihre Lage klar zu werden und einen tieferen Einblick in ihr Herz zu thun — sie wurde nicht glücklicher dabei. Es war nicht nur der Gedanke, gleichsam mit gebundenen Händen und Füssen einem Wildfremden ausgeliefert zu werden, der ihr solche Todesqualen verursachte, sondern sie wusste vollkommen, dass mit einer solchen Heirat jede Spur von Hoffnung, sich jemals von den Fesseln ihrer jetzigen Sclaverei befreien zu können, unwiderruflich schwand. Denn der Mann, der sich den Beifall ihrer Eltern so vollständig erworben hatte, wie es mit dem für sie bestimmten Gatten der Fall zu sein schien, musste unbedingt ganz dieselben Lebensanschauungen und Wünsche haben. Und die Lebensanschauungen ihrer Eltern waren nicht immer die ihrigen. Die andere Seite der Strasse begrenzte wie ein grüner Teppich ein Stück Rasen. Während ihre Blicke darauf verweilten, schritt ein hochgewachsener Mann darüber; sein Säbel rasselte harmonisch, so oft er die Sporen berührte. Als er vorbeigieng, sah er, ganz zufällig und unabsichtlich, Zillah an : es lag ihm offenbar nichts daran, was es etwa zu sehen gäbe. Dann sah er näher hin, sein Blick wurde immer starrer. Zillah stand gleichgiltig da; sie war an derlei seit ihrem fünfzehnten Jahre gewöhnt. Die meisten Leute schauten sie an; manche nahmen sich sogar die Mühe, sich den Kneifer zurechtzurücken, um sie besser betrachten zu können. Daraus schloss sie, dass sie schön war: die Blicke der jungen Herren sind ein verlässlicher Spiegel. Der hochgewachsene Mann setzte seinen Weg fort, aber er gieng etwas langsamer. Zwei- oder dreimal sah er sich um, doch waren seine bewundernden Blicke an Zillah verschwendet, denn sie betrachtete fortwährend den Rasen gegenüber. Und als sich ihre Augen ein wenig erholt hatten, da kehrte sie zu ihrem Rohrstuhle zurück und setzte ihre Leetüre fort. Im Laden war, wie gewöhnlich um diese Tageszeit, wenig zu thun, und sie hatte ein paar Mussestunden vor sich. Der Roman, den sie las, näherte sich seinem Höhepunkte, rasch, fast gierig blätterte sie die Seiten um, ganz bezaubert von der Macht des Geistes, der ihn durchwehte — ja, sie verstand diesen Geist. Plötzlich fiel ein Schatten über das Blatt und wollte nicht weichen. Aergerlich blickte sie auf: der junge Officier von vorhin stand auf der Thürschwelle. Seine Haltung war unentschlossen, aber Zillahs Blick schien ihn zu bestimmen; er trat näher, fuhr höflich grüssend an seine Mütze und hielt den Säbel fest, um sein Klirren zu verhindern. Zillah blieb ruhig sitzen. „Wie sprechen Sie hier?" fragte er. In dem Augenblicke erblickte er das Buch, welches Zillah aufgeschlagen auf den Ladentisch gelegt hatte und fuhr in vortrefflichem Deutsch fort: „Ach, die Sprache Heines! Dann werden wir uns leicht verständigen." Seine Stimme klang fest und doch weich — es war eine sympathische Stimme. „Was wünschen Sie?" fragte Zillah gesammelt. Der junge Mann vergass zu antworten, er war ganz in den Anblick ihrer Augen versunken. Er fasste sich und lächelte. „Ich bin verhext: ich habe ein unvernünftiges Gelüste nach geräuchertem Flunder, den Ihr Juden wie kein anderes Volk zuzubereiten versteht. Wenn nur alles andere, was ihr thut, nicht schlechter wäre!" „Wieviele wünschen Sie?" fragte sie ebenso gleichgiltig wie vorhin. „Zwei werden für den Augenblick genügen." „Jeiteles, zwei Stück Flunder für den Herrn; pack» sie sauber ein," sagte Zillah. Im nächsten Augenblicke hatte sie ihr Buch wieder aufgenommen und lehnte sich in ihren Sessel zurück; sie hatte offenbar alles andere vergessen. Ein Lächeln schwebte auf den Lippen des Offiiciers, als er Jeiteles zusah, der mit plumpen Fingern sein Geschäft verrichtete; er konnte aber ebensogut Zillahs Profil und ihre langen Augenwimpern betrachten, ja er bemerkte sogar, dass diese sich an den Spitzen kräuselten. " Jeiteles war übrigens gar nicht so ungeschickt»; jedenfalls hatte er zu dem Päckchen merkwürdig wenig Zeit gebraucht. (Fortsetzung folgl)