Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Article
- Adam, der Jude
- Date
- 1900-08-03
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 ,Die & Welt** Seite 13 darüber nach, warum die bunte Märchenwelt sich vor ihm aufthat in jungen Farben. Er dachte an nichts. Er genoss. Er schwelgte im Genüsse — wunschlos, zwecklos. Er genoss die Seligkeit, nicht denken zu können, nicht denken zu müssen. Um seine Stirn koste ein lauer Wind. Das that ihm wohl. Kraftvoll hob sich seine starke Brust. Er blickte auf sie hin und freute sich über den Rhythmus. Einen Felsblock hob er spielend empor und warf ihn zum Himmel auf: und er freute sich des Ansehwellens seiner Arme. Er beugte sich nieder. Tausend und tausend Blüten und Knospen wuchs an und sprossten und regten die duftenden Köpfchen; sie wankten und schwankten und bogen und reckten sich empor — ein köstliches Spiel der zierlichen Kinder der Mutter Erde. Und er freute sich dp)- wogenden, farbigen Schar, und mit kindlichem Behagen zog er den würzigen Duft in sich hinein. Adam stand wieder an den Baum gelehnt und träumte hinaus ins Weite. Er lauschte. Er riss die Augen weit auf und griff hastig an sein Ohr. Seltsamer Sang und Klang schien drinnen zu wohnen. Ein leises Zirpen und Säuseln und Fallen und Knistern und Rascheln. Und liebliches Geflöte und Jubilieren ... Er griff an sein Ohr — aber bald empfand er es so, als käme all das paradiesische Gekling weit her aus der Ferne. Er zog aus, das Singen zu suchen — und er freute sieh, da er sich gehen sah. Mit Wohlgefallen betrachtete er sich, blickte er auf seine Muskeln, die sich streckten und anschwollen. Bald machte er grosse Schritte, bald stellte er sich auf die Spitzen und hüpfte wie ein Vögelchen . . . Vor ihm stand eine Gazelle mit grossen, fragenden Augen. Er griff nach ihr. Sie aber lief hurtig davon. Auf allen Vieren. Er wollte es ebenso machen. Aber das gefiel ihm nicht. Er reckte sich auf, und hurtiger und wilder jugte er der Gazelle nach. Und er freute sich über die Schwungkraft seiner Beine .. . Adam stand an einen Baum gelehnt und blickte empor zu dem majestätischen Himmelsgewölbe. Ein lichtes, ätherisches Blau, in dem vielgestaltige Silberwölkchen schwammen. Und hoch über seinem Haupte ein goldiger Ball, aus dem leuchtende Strahlen hervorschossen. die Gräser und Blüten mit goldigem Saume umglutend. Er freute sich all des Glanzes und der glitzernden und funkelnden Wassertröpfchen, die der Sonnenstrahl küsste. Da trat Adam ins Freie und blickte zur Sonne . . . nicht lange, denn er empfand ein Weh in den Augen .. . Und er streckte seine Hand aus, um den Feuerball zu fassen und herabzuholen, und siehe, er ereichte ihn nicht. Er richtete sich machtvoll auf; er stellte sich auf die Fussspitzen; er sprang empor,verlangend die Handaustreckend . . . und siehe, er erreichte die Sonne nicht. Da empfand er ein neues Weh. Das aber schmerzte mehr und schärfer als jenes Stechen in den Augen . . . Er hatte die Hand ausgestreckt nach den Früchten des Baumes — er hatte sie erreicht. Zur Quelle hatte er sich niedergebeugt, und schlürfen konnte er das kühlende Nass, die flüchtige Gazelle, die vor ihm her floh, sie hatte er erreicht. Aber die Sonne, nach der er verlangend die Hand ausstreckte, die Sonne, die Sonne erreichte er nicht. Er setzte sich ins hohe Gras; und stützte sein Haupt in die Rechte ... Er dachte nach . . . So sass er lange ... — Lange. Ein leichtes Frösteln kroch ihm den Rücken entlang. Adam zitterte." So hob er sich denn auf. Wie so anders sah doch die Welt jetzt aus. Aller Glanz war geschwunden. Traumverloren lag die Welt vor seinen Blicken. Ihre reichen Farben — vor Stunden noch leuchtend — drückte eine stumpfe Müdigkeit. Ein feierliche Stille schwebte über der Erde. Regungslos lastete die Luft; kein Windhauch koste die Blätter. Die Blütenköpfchen senkten sich und nickten zum Schlafe ein . . . Das tiefe Azur des Himmels war in ein schwermüthiges mattes Blau verschwebt. Die Silberwölkchen schoben sich zusammen zu wilden, verzackten Gestalten. Weithin war die Sonne gezogen, die brennend über Adams Haupte zuvor geflammt. Sie küsste die Erde, verblutete im Kusse. Nun wurden auch am Himmel die Farben matter und müder. Das tiefe Roth und leuchtendes Gelb sonnegeküsster Wolken gössen sich ineinander. Sie wurden grauer, dunkler — schwarz. Die gigantischen Schatten der Bäume sah er nicht mehr. Ein dichter Schleier lag um die Welt. Aber die Sonne? Eine wilde Angst schoss in Adam auf. Die Sonne . . . Wie wahnsinnig lief er, dort, wo die Sonne sich zur Erde herniedergebeugt hatte. Immer wilder und verzweifelter. Er lief und stürmte und keuchte. Doch immer dunkler wurde es auf Erden, dunkler . . . Nacht. Ermattet sank er zu Boden. Ein kühler Wind zog über die Flur. Adam zitterte. Die Bäume wiegten sich und krachten. Ein leises Raunen bebte durch die Blätter. Die Grillen zirpten. Und laut und klagend drang der Schrei des Waldgethiers durch die Nacht. Aber Adam stiess einen wilden, erschütternden Schmerzschrei aus, wie er nie wieder über die Erde gedrungen. . . . Dumpf prallte sein Schrei aus der Ferne zurück. . . . Doch es blieb Nacht. Die Sonne kam nicht wieder . . . Adam war die Sonne untergegangen . . . — — Adam der Jude stand an einen Baum gelehnt. Gelehnt?! Seine Hände fesselten Eisenketten. Ein schneidendes Tau hielt ihn am Baume fest und zerdrückte ihm die Brust. Mit stählernen Ringen waren seine Füsse an den Stamm gezwängt. Aus tausend Wunden rieselte warmes Blut. Mühsam hob sich seine Brust. Und sein brechendos Auge starrte in die Nacht. Adam der Jude stand an einen Baum gefesselt und horchte hinaus. Kein süsser Ton drang an sein Ohr. Kein Psalmensang, kein Zitherklang. Heiser krächzten die Raben, die mit gierigem Schnabel auf die Heldenleiber niederstürzten. Es heulen die Schakale ein Freudengeheul — ein Riesenniahl ist bereitet* Rings liegen verendet die Körper jener trotzigen Krieger, die um Heim und Herd, Weib und Kind, ihren Gott und ihr Heiligthum gerungen . . . Dass sie ihn nicht zerrissen, die blutgierigen Scharen! O dass er sterben könnte — denn schmerzlicher als die Ketten, brennender als alle Wunden brannte der Schmerz um sein sterbendes Volk. O dass er sterben könnte. Denn schlimmer als Tod ist, dass er gefesselt hier hören muss die trunkenen Lieder römischer Brandlegionen, mordbrünstige Freudengesänge wilder Cäsarenhorden. — — Tiefe Nacht. Weit hinten am Firmamente leckt in die schwarze Nacht gespenstig eine Feuersäule empor. Gierig züngeln flackernde, rauchende Flammen um das Gemäuer — die letzte Wand des alten Heiligthums. Brüllend rast der Wind in die Gluten und peitscht ermattende Flammen zu erneutem, stets wachsendem Ungestüm . . . Noch trotzen die Quadern, noch ist die Felskraft ungebrochen — da ein tosender Fall. Mit donnerndem Krachen stürzt die letzte Mauer ein — es ist wie das Sterbegeheul einer sinkenden Welt — und im Sturze erdrückt sie das mörderische Feuer . . . Tiefe, schwarze Nacht ringsum . . . Aber Adam stiess einen wilden, erschütternden Schmerzensschrei aus, wie er nie wieder über die Erde hin gedrungen . . . dumpf prallte sein Schrei aus der Ferne zurück . . . Die Sonne kam nicht wieder; die Sonne war Adam untergegangen . . . Der Schrei aber, den Adam ausstiess, er ist noch nicht gestorben. Mir ist, als hörte ich ihn wieder und wieder!