Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Article
- Die Zionide
- Date
- 1900-08-03
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12 „Die Welt4» Nr. 31 Die Zionide von Jehudah Halevy. Dieses Perlenthränenlied Ist die vielbertthmte Klage, Die gesungen wird in a'len "WVltzerst cuten Zelten Jakobs An dem neunten Tag des Monats, Der geheissen Ab, dem Jahrstag Von Jerusalems Zerstöruug — „Zion! Hörst Du den Gruss nicht Deiner Lieben, Der schwergefesselten, die Dir geblieben *? Den Gruss von Ost und West, von Nord und Süd. Der nah und fern lautrauschend Dich umglüht? Und Seelengruss ist ja des Sclaven Hoffen! Entstürzt die Thräuenflut ihm frei und offen, Wie Thau auf Hermon fällt, dann mag's ihm scheinen, Als dürft' er heiss auf Deinen Bergen weinen . . . Der Eule gleich' ich, fasst mich an Dein Leid! Dann wieder wiegt ein Traum mich ein : gar weit, Da kehren die Gefang'nen heim; entbrannt Jauchzt meine Seele, wie in Sängerhand Der Harfe Liedersturm! Ach, festgebannt An Zion ist mein Herz. Da strömt ihr Zähren! Wie einst vor Gott das Lob von Engelschören. Von Heil'gen, die den Opfertod erlitten . . . Hier thronte Gott in Majestät, inmitten Der hochgeweiten Stadt. Zum Himmelsthor' Erschlossen, ragten Deine Thor' empor! Der Gottheit Strahl nur war Dein Leben?glanz, Verdunkelnd Sonn' und Mond und Sternenkranz. Wie's in mir lodernd aufflammt, auszuschütten Das trunk'ne Herz in Deinen heil'gen Hütten. Wo Gottes Geist die Jünger hat geweiht! Fürwahr, ein Himmelsort! voll Herrlichkeit Dein Thron und himmlischer Glorie! nun wagen Verweg'ne Knecht' auf seinem Sitz zu ragen V O könnt ich rastlos wallen zu den Stätten, Wo Gott sich seinen Sehern und Propheten Hat offenbart! O hätt' ich Riesenschwingen! Zu Deinen theuren Trümmern wollt' ich dringen. Mit meines wunden Herzens Schwergewicht! Hinstürzen möcht' ich auf mein Angesicht, Auf Deinen heil'gen Boden ewig rein, Und fest umschlingen einen jeden Stein, Und küssen, endlos küssen Deinen Staub! Dann weiter, immer weiter! wo, des Todes Raub, Geliebte Ahnen ruh'n in Gräbern kalt. Ach Hebron! schauervolle Allgewalt Die mich erfasst! wo Deiner Gräber Zier, Die theuersten des weiten Erdballs schier 1 Abarim, Berg der Berge, wo die Lichter, Die beiden strahlendsten — die Lehrer, Richter Ins Grab gesunken. O des Lebens Luft" Ist Deines Odems Hauch! Nicht Myrrhenduft, Gewürze nicht, wiegt Deinen Staub mir auf; Und jeder Tropfen Deiner Ströme Lauf War' reiner Balsam mir! 0 Seligkeiten : Wund auch und nackt auf Deinen Trümmern sc: i reiten, Wo vormals prangten Deine Prachtpaläste, Wo Deiner heil'gen Kostbarkeiten grösste. Die Bundeslade stand — so frech zerstört! Dort wo die Cherubim mit Flammenschwert Der Allerheiligste geschirmt — : den Schmuck, Den kostbarsten, im raschen Flug, Ich möchte froh ihn mir vom Hauple reissen Und schleudern in den Staub! — Des Zornes Schleussen Möcht" ich Erschliessen, wilden Fluch den Zeiten Hinschmettern, die geschändet die Geweihten! Hinweg mit Speis' und Trank! Wer wird sie heischen, Der wilde Hunde Löwen sieht zerfleischen"? Wie kann das Licht beglücken selbst, das klare. Wenn Raben frech zerreissen Deine Aare! O Kelch der Pein! Du überströmst ja fast! Halt an! Gönn' einen Augenblick mir Rast! Schon fehlt der Seele Raum für all das Leid, Zu eng mein Herz für soviel Bitterkeit! . . . O Zion! Höchster Schönheit Kronenschimmer, Der Liebe Seligkeit bewahrst Du immer Im Herzen Deiner Treu'n. In Ewigkeit Bleibt ihre Huldigung Dir stets geweiht. Die Deinem Glück gejauchtzt mit Jubelschall, Und bitterschwer gejammert Deinem Fall, Die Deinem Sturze weinten heisse Thränen, In ferner Nacht — Dir gilt noch stets ihr Sehnen! Wenn sich ihr Knie vor Gott in Demuth beugt, Nach Deinen Thoren ist ihr Haupt geneigt. Zerstoben und zerstreut, auf Bergen, Thalen, Sie denken Dein in Wonnen und in Qualen! Verwebt mit Dir in heissem Seelenbangen, Dich möchten sie umfassen und umfangen! Und unter Deinen schatt'gen Palmen kühl Stets selig lagern, ist ihr höchstes Ziel! Schinear! Patros! Dürfen sie sich messen Mit Deiner Grösse? oder kühn vermessen, Des nicht'gen Trugs Gebilde, sich vergleichen Mit Deinem Glanz — dem Gotteslicht, dem reichen '? Wer wagt's, in edlem Wettkampf sich zu nähern Gar Deinen Gotterkor'nen, Deinen Sehern? Wer Deinen heil'gen Sängern und Leviten? — Es rauscht dahin die Zeit mit Riesenschritten, Es wechseln, wandeln rasch des Truges Reiche, Dein himmlisch Reich nur bleibt das ewig gleiche, Und Deiner Seher Wort verrauschet nimmer! Als Residenz schmückt Dich der Gottheit Schimmer'. Drum Heil, wer da in deinen Höfen ruht! Und zehnfach Heil, wer von der Hoffnung Glut Beseelt, vertrauend harret, bis das Ziel, Das heilige erreicht. O Hochgefühl! Mit eig'nen Augen schauen Deine Pracht, Wenn neu erglänzt Dein Stern und neu erwacht Und strahlenreicher Deine Morgenröthe! Dann blüht das Glück, das sehnsuchtsvoll erflehte, All den Erwählten, jauchzend, lustbelebt, Wenn Zion sich im Jugendglanz erhebt!" * * * Jehuda Halevy, der grosse Dichter der Zionide, die wir hier in einer poetischen Uebersetzung gebracht haben, wurde um das Jahr 1085 in Castilien geboren. Er widmete sich, anfänglich dem ärztlichen Berufe, später aber, als er mit Abraham und Moses Ibn Esra, mit Juda und Salomon Ibn Giat und anderen jüdischen Dichtern bekannt geworden war, wandte er sich sanz der Dichtkunst und Philosophie zu. Seine Gedichtsammlung „Diwan- (herausgegeben mit Biographie und deutscher Uebersetzung von A. Geiger, Breslau 1851; eine Auswahl des „Diwan" in deutschen Uebersetzungen von Geiger, S. Heller u. a. erschien in Berlin 1893) gehört zu dem Edelsten und Formvollendesten, das die Muse der spanischen Juden geschaffen hat. Seine Naturschilderungen sind erhaben und farbenprächtig, seine Liebeslieder keusch und zart. Er preist den Wein und die Jugend, das Glück und die Geliebte, vor allem aber sein Volk Israel und Zion, die Stätte seiner Sehnsucht. Seine synagogalen Poeme (Pijutim) sind in den Gebetbüchern aller jüdischen Riten zu finden. Als Religionsphilosoph zeichnete er sich aus durch den in arabischer Sprache geschriebenen „Al-Chazari", der von Jehudah Ibn Tibbon ins Hebräische, von D. Cassel (Leipzig 1869) und Hirschfeld (daselbst 18S5) ins Deutsche übertragen wurde. Nach dem Jahre 1140 befriedigte er seine Sehnsucht, nach Palästina zu pilgern, und reiste über Aegypten und Arabien nach Damaskus, wie aus seinen Gedichten zu entnehmen ist. Hier geht uns seine Spur verloren. Der Sage nach wurde er, seine Zionide dichtend, vor den Thoren Jerusalems von einem Araber getödtet. Adam, der Jude. Von Theodor Zlocisti. Adam stand an einen Baum gelehnt und blickte hinaus auf das Gelände, das sich weithin dehnte vor seinen Blicken. Bis in die Ferne, wo ein blauer Himmel über der Erde lag, wie ein zarter, seidener Schleier. Adam stand an einen Baum gelehnt und blickte hinaus; und gierig sog er mit thaufrischen Sinnen all die zauberischen Wunder umher in seine Seele. Nach seinem Bilde hatte Gott ihn geschaffen. Heute. Er hatte ihn geformt zu Kraft und Schönheit und eine köstliche, reine Freude an dem sprossetfden Märchen der Welt in seine Brust gegossen. Adam stand an einen Baum gelehnt. Er dachte an nichts. Nicht wie er entstanden, nicht wer ihn geschaffen und was er sollte hier auf Erden. Und er dachte auch nicht