Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Article
- Borkumer Stillleben
- Date
- 1900-08-03
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315883-3371589--21239-3371675- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 31 „Die & Welt" Seite 11 gefahndet, der den Auftrag zur Vertheilung gegeben hatte. Endlich, abends (5 Uhr, wurde er. ruhig in seinem Zelte am Strande sitzend, getroffen. Sofort sammelte sich ein.; grössere Menge um das Zelt. Ein Knabe, der mit den Worten : „Ist es denn ein J u d'!" in das Zelt hineinsah, erhielt von dem Insassen einen Schlag. Da sprang ein Herr, ein preussischer Major, vor, fasste den Judenfreund am Halse und schlug ihn rechts und links hintiMdie Ohren, indem er ausrief: „Was, der gemeine Schuft wagt noch, unsere Jungens zu schlagen!" Ein anderer Herr, der den Geprügelten fragte, ob er wirklich der Verfasser des Liedes sei, bekam zur Antwort: „Ja, ich rechne es mir zur hohen Ehre, das Gedicht verfasst zu haben. Der gestrige Moment, als es v e r t h e i 11 wurde, war einer der schönsten meines Lebens.'' Ein dritter Badegast, ebenfalls ein Major, trat auf ihn zu und sagte: »Sie sind der gemeinste Schuft, den die Erde trägt, und ich nenne Ihnen hiermit meinen Namen, Major K. aus H., wenn Sie vielleicht wünschen sollten, dies auch an anderer Stelle bestätigt zu sehen." Als Herr Mensel trotz dieser Zurechtweisung keine Miene machte, den Strand zu verlassen, wurde er am Arme gefässt und abgerührt. Damen schlugen mit Schirmen auf ihn ein, alles wies mit Fingern nach ihm hin. Nachts wurde das Haus durch einen Gendarmen bewacht, trotzdem hatte man die Vorsicht gebraucht, den „Dichterselbst auszuquartieren. Das nächste Dampfschiff trug Herrn Hensel mit Familie am frühen Morgen von dannen." Ho die Darstellung des Antisemiten-Blattes und sie genügt schon, so entstellt sie sein mag, der Welt zu zeigen, was für Geister am Borkumer Strande ihr Wesen treiben. Vom babylonisch-ägyptischen Postwesen. Man schreibt der „Frankf. Ztg." : Die grossen Thontafelfunde von T e 1- Amarna (1500—H50 vor Chr.), welche in der semitischbabylonischen Sprache abgefasst waren, die die Diplomatensprache des Orients war, können uns auch einen Begriff vom babylonisch - ägyptischen Postwesen geben. Die Mehrzahl der El-Amarna-Funde sind Brie t'e von ägyptischen Beamten in den Provinzen und im Auslande an die Adresse des Pharao gerichtet. Diese Thontafeln nahmen nicht mehr Raum ein. als moderne officielle Briefe. Manchmal wurden sie noch in ein Thon-Couvert eingeschlossen, das aussen Adresse und Hauptinhalt des Briefes angab. Gewöhnlich war aber das unbetheiligte Publicum auf andere Weise daran gehindert, von dem Inhalte der Briefe Kenntnis zu erhalten. Wir müssen annehmen, dass die babylonischen und assyi ischen Thonbriefe gerade so behandelt wurden, wie die unseren: Sie kamen in einen Postsack, und ehe der Postbote die Thonbriefe zur Weiterbeförderung erhielt, wurde das Futteral von der absendenden Behörde gesiegelt. Ausgezeichnete Poststrassen giengeli durch ganz Westasien nach Aegypten mit Post- und Relaisstationen für die königlichen Boten, die wahrscheinlich auch die Privatcorrespondenz mitbesorgten. — Nach den El-Amarna-Tafeln correspondierte der Pha r a o mit Babylonien und Assyrien, Cappadocien, Palästina und Syrien. Die Postrouten verfolgten die alten Kriegs- und Handelsstrassen, über welche seit unzähligen Generationen Heere und Karawanen gezogen waren. Der Kanaaniter correspondierte mit dem Babylonier, wie Hiram von Tyrus mit S a l o m o. Lange bevor Israel nach Kanaan kam, war das Land im Innern durch Postverhindun gen verknüpft und nach aussen durch solche erschlossen. M. Correspondenzen. Budapest, 30. Juli. (Bischof W o 1 a f k a gegen den Antisemitismus.) LiDebreczin wurde gestern das üöjährige Priester-Jubiliäum des Bischofs Ferdinand W o 1 a f k a gefeiert. Aus diesem Anlasse empfieng der Jubilar auch eine Abordnung der jüdischen Cultusgemeinde, die unter Führung des Rabb. Wilhelm Kraus erschienen war. Auf die Ansprache des Führers dieser Deputation erwiderte Bischof W o 1 a f k a, es sei stets sein Hauptbestreben gewesen, dass die Menschen einander lieben und schätzen als die Kinder eines himmlischen Vaters. Diese Liebe und Wertschätzung pflege er und seine Gläubigen auch gegen die Israeliten. Möge Gott das Land davorschützen, dass sich schurkische Seelen finden sollten, welche frevlerisch trachten würden, Christen gegen Nichtchristen aufzuhetzen. Er würde niemals Rassen-, Religions- und Classenunterschiede beachten, sondern nur die Liebe, und er wäre bereit, selbst mit seinem Leben das zwischen Christen und Israeliten bestehende gute Einvernehmen zu vertheidigen. — Der Bischof umarmte und küsste den Rabbiner beim Empfange und beim Abschiede herzlich. Berlin, Juli. Eine amüsante Polemik hat sich zwischen der hiesigen agrarisch-antisemitischen „Deutschen Tageszeitung" und der „Vossischen Zeitung" entsponnen. Die erstere hatte es für selbstverständlich erklärt, dcss sich unter den Soldaten, die sich als Freiwillige für die China-Expedition gemeldet haben, kein Jude befinde. Dadurch sollte wieder einmal die Feigheit der Juden bewiesen werden. Nun bereitet aber die „Vossische Zeitung" der „Deutschen Tageszeitung" den Schmerz, Folgendes zu melden: „In der dritten Escadron des ostasiatischen Reiterregiments gibt es auch einen Frei willigen mosaischer Religion namens Cohn: dieser diente im dritten Jahre beim fünften Husaren- Regimente zu Stolp in Pommern und ist mit Schiessschnur und Fechtabzeichen ausgezeichnet. Der Kronprinz nahm bei Abfahit des Regimentes Veranlassung, sich mit dem Manne zu unterhalten und dem Regiments -Commandeur seine Freude über ihn auszusprechen." Der „Deutschen Tagos-Zeitung" kommt dieser Freiwillige Cohn natürlich sehr ungelegen, und da sie gar nicht weiss, was sie mit ihm anfangen soll, erklärt sie, es sei sehr fraglich, ob der betreffende Cohn ein Jude sei. Vielleicht entdeckt die ..Deutsche Tages-Zeitung" noch, dass dieser Cohn ein A n t i s e m i t ist. Berlin, '21». Juli. (Zur Könitz er Mordaf faire. Gegen den Verleger Bruhn und den verantwortlichen Redacteur Dr. Botticher der antisemitischen „Staatsbürger-Zeitung", welche unablässigbehauptet hatten, dass bei der gerichtlichen Untersuchung in der Konitzer Mordangelegenheit die Entdeckung eines jüdischen Mörders absichtlich vermieden werde, ist vom Berliner Landgerichte wegen wiederholter öffentlicher Beleidigung der Gerichts- und Staatsanwaltsbehörden die Anklage erhoben worden. Könitz, Juli. Israelsky. der unter dem Verdachte der Mitwisserschaft in der Winter'schen Mordsache seinerzeit verhaftet wurde, ist auf freien Fuss gesetzt worden. Da eine Störung der Ruhe nicht mehr zu befürchten ist, verlädst das aus Graudenz hierher beorderte Infanterie-Bataillon heute unsere Stadt. Die Unterhaltungskosten belaufen sich auf «0.000 Mark, die die Stadt zu tragen hat. Paris. "2ti. Juli. (Der Process gegen Max R e g i s und Genossen.) Die letzten Verhandlungen in dem Processe gegen Max R e g i s und Genossen wegen Widerstandes, Mordversuches u. s. w. vor dem Schwurgerichte von Draguignan gestalteten sich besonders durch die Aussagen des algerischen Polizeicommissärs Delatte, der als Zeuge des Civilklägers, des Polizisten Lanterie, vernommen wurde, interessant und lebhaft. Derselbe erklärte nämlich, zwei der mitangeklagten algerischen Antisemiten, C o n e i n und B e i 11 a c, hätten an den Präfecten Lutand ein Schreiben gerichtet, in dem sie ihn um Verzeihung für all das Böse baten, das sie gegen Algerien sich zuschulden hatten kommen lassen, und in dem sie offen heraussagten, sie bedauerten, Vortrauen zu Max Regis gehabt zu haben, für den sie jetzt nur noch Verachtung empfänden. Trotz der heftigen Proteste der beiden auf diese Weise compromittierten Antisemiten fuhr Herr Delatte ruhig fort: „Sie empfanden nichts als Verachtung ihm gegenüber. Was hätten Sie erst gesagt, wenn Sie gewusst hätten, dass Herr Rögis Geld von Juden erhielt." — In ungeheuerster Erregung sprang Regis empor und schrie den Richtern zu: „Man beschimpft mich!", während seine Advocaten den Zeugen heftig bedrohten. Dieser Hess sich aber nicht aus seiner Ruhe bringen, sondern fuhr fort, gegen Regis gewendet: „Herr Emile Weil hat Ihnen 500 Francs ausgezahlt." Und zum Beweise dafür b-gte Delatte dem Gerichtshofe ein photographiertes Schriftstück vor. Daraufhin wurde der Zwischenfall noch erregter. Der Advocat von Regis, Mr. Menard, fragte den Zeugen, woher er dieses Schriftstück, sowie den vorgeblichen Brief Coneins und Baillacs an den Präfecten Lutand habe, und rief, als der Beamte die Antwort darauf verweigerte, aus: „Die Angeklagten stellen entschieden in Abrede, diesen Brief geschrieben zu haben. Und woher stammt dieses zweite Schriftstück? Es ist zweifellos auch gestohlen worden, wenn es nicht gar eine Fälschung ist. Jedenfalls ist es kein Original, sondern eine Photographie." Man sollte glauben, dass diese wenig geschickte Art der Verteidigung keinen sehr günstigen Eindruck auf Richter und Publicum machte. Dennoch wurden sämmrliche Angeklagte freigesprochen. Die Plaidoyers gaben auch noch zu mehreren heftigen Auseinandersetzungen Veranlassung, da die Advocaten der Angeklagten sich überaus aggressiv zeigten und gegen die Juden, die Regierung u. s. \v. eiferten.