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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Selbstmordversuch einer rumänischen Emigrantin in Wien
Date
1900-08-03
Page
8 (sequence 1)
Language
German
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Seite 8 »Die & Weif Nr. 31 Selbstmordversuch einer rumänischen Emigrantin in Wien. Samstag den 2S. Juli nachmittags hat sich in der im IL Bezirke, Malzgasse Nr. 16, befindlichen Talmud-Thoraschule ein erschütternder Vorfall ereignet. Bekanntlich hat in der oben erwähnten Schule ein Theil der jüdischen Auswanderer aus Rumänien eine Unterkunft gefunden. Als man nun unter anderem auch der neunzehnjährigen Elsa D rexler, einem bildhübschen Mädchen, die Mittheilung überbrachte, dass sie nach Rumänien zurück müsse, bemächtigte sich ihrer eine nicht zu beschreibende Verzweiflung. Sie weinte bitterlich und rang die Hände und wurde zuletzt von convulsivischen Krämpfen befallen. Endlich kam das Mädchen zu sich, beruhigte sich scheinbar und zog sich auf das ihr zugewiesene Zimmer zurück. Als aber etwa zwei Stunden später ein Diener an ihrer Thür vorbeigieng, nahm er ein leises Stöhnen wahr. Er drang daher ins Innere und fand das auf dem Bette liegende Mädchen sich neuerlich in Krämpfen winden. Sofort wurden Leute alarmiert, und auch ein Arzt wurde herbeigeholt. Dieser constatierte, dass das Mädchen eine Phosphorlösung getrunken und sich auf diese Weise schwere innere Verletzungen beigebracht hatte. Nach Verabreichung der entsprechenden Gegenmittel erholte sich das Mädchen ein wenig. Ueber das Motiv ihrer That befragt, erzählte das unglückliche Mädchen: „Ich bin aus Plojesti in Rumänien. Mein Vater hatte dort ein kleines Mehlgeschäft, welches, wenn auch kümmerlich, doch immerhin die ganze Familie ernährte. Nun sind aber heuer die Mehlpreise bedeutend in die Höhe gegangen, so dass die meisten Kunden, welche ja übrigens auch arme Teufel waren, auszubleiben sich gezwungen sahen. Der Losungsruf: „Kauft nicht bei Juden" that das übrige — und wir sahen uns mit einemmale in die schrecklichste Noth versetzt. Der Bruder, der gegenwärtig beim Militär dient, konnte uns nicht helfen, und auch ich fand, trotz meines Bemühens, nirgends Arbeit. Mein Vater wurde schwermüthig und ist im vorigen Monat in eine Heilan stalt gebracht worden; meine arme Mutter ist einige Tage darauf aus Kränkung gestorben. Was blieb mir nun übrig? Ich schloss mich dem Zuge meiner armen Glaubensgenossen an und gieng ins Ausland, in der Hoffnung, vielleicht dort irgendwo Arbeit und Unterkunft finden zu können. Nun zwingt man mich jetzt, wieder in meine Heimat zurückzukehren, dorthin, wo sich das Grab meiner Jugend und das Grab meines Glückes befindet. Verzeihet mir, dass ich Euch so viele Unannehmlichkeiten bereitet habe. Ich wollte in den Tod, weil ich keinen anderen Ausweg vor mir sehe. . Die Auswanderer in Kleinasien. Die Lage der rumänischen Emigranten, die sich in Kleinasien niedergelassen haben, ist geradezu fürchterlich. Das jüdische Blatt „El Tiempo" in Constantinopel veröffentlicht einen Brief seines Correspondenten in Broussa, der das Elend unserer unglücklichen Brüder in der Colonie Beylik Ahir schildert. Die sechshundert Seelen, die die Colonie zählt, sind sämmtlich in Gefahr, Hungers zu sterben. Hundertzwanzig Familien sind obdachlos und somit jedem Wechsel der Temperatur ausgesetzt. Vor einigen Tagen starb ein junger Colonist, der eine Witwe mit sechs Kindern völlig hilflos zurücklässt. Der Tod des Aermsten ist nur der grässlichen Noth zuzuschreiben. Einige Kinder sterben Hungers, audere wegen der mangelhaften Pflege. Eben wüthet in der Colonie eine Epidemie, an der hundert Colonisten darniederliegen und die schon mehrere Opfer gefordert hat. Die Colonisten haben weder einen Arzt, noch irgendwelche Medicinen. Der rumänische Exodus im englischen Parlamente. In der Sitzung des englischen Unterhauses vom 31. J uli wurde die Regierung wegen der Verfolgung der Juden in Rumänien interpelliert. Parlaments-Untersecretär Brodrick beantwortete die Interpellation dahin, nach den Meldungen der Blätter sei die Auswanderung von Juden aus Rumänien durch die Verfolgungen der Behörden hervorgerufen worden, jedoch seien vollgiltige Beweise für diese Behauptung nicht erbracht worden. Bekanntlich seien die Juden in Rumänien nicht naturalisiert worden. An die britische Regierung seien keine Klagen gelangt, deshalb wurden auch keine Vorstellungen über diesen Gegenstand bei der rumänischen »gierung erhoben. Unsere Bilder.*) Wieder führen wir unsen Lesern Bilder des Elends und der Noth vor — beredte Bilder des Jude nelends und der Juden noth. Man fasse doch diese heimatlosen Leute genau ins Auge: alle, die hier abgebildet sind, auf dem Verdecke eines Donaudampfers zusammengedrängt. Welche Summe von Intelligenz, von Thatkraft und Thätigkeitslust spricht aus den Blicken und aus der ganzen Haltung dieser unglücklichen Auswanderer! Was für nützliche Bürger könnten sie einem Lande sein, das ihnen freie Hand liesse zur segensreichen Bethätigung ihrer Körper- und Geisteskraft! Aber nein, ihre ureigene Heimat, das Land, dessen Wohlstand schon ihre Eltern und Voreltern haben fördern helfen, dem sie selbst willig Gut und Blut geopfert haben, stösst sie lieblos, feindschaftlich von sich — blos weil sie Juden sind! — Und was die höchste Tragik ist: selbst in die zarten, schwachen Kinderhändchen wird der rauhe Wanderstab gedrückt Die armen, armen Kiemen, von denen manche ihre ersten Gehversuche auf dem Verdecke von Emigrantenschiffen machen— wie bejammernswerth sind sie in ihrem unbewussten Ahasverthum . . . Die Auswanderer, die auf unseren Bildern zu sehen sind, konnten für die wenigen Tage, die sie in Wien verbringen mussten, kein Obdach linden . . . Das Verdeck der Schleppschiffe diente ihnen durch die Menschenfreundlichkeit christlicher Schiffscapitäne zur Wohn- und Schlafstätte. Dorthin pilgerten den ganzen TagNeugierige und Wohlthäter,um die rumänischen Juden zu sehen und ihnen Trost und Hilfe zu bieten. Der vierte Zionisten-Congress. Sämmtliche Delegierten und Gäste, die brieflich oder telegraphisch den Tag ihrer Ankunft, sowie ihre Reiseroute dem Congressbureau in London bekanntgeben, werden von den Herren des Empfangs-Comites auf dem Bahnhofe erwartet, von dort ins Congressbureau und sodann ins Hotel geleitet werden. Diejenigen Delegierten, die via Frankreich kommen, mögen bei London-Bridge oder Charing Cross S t ati o n, die via Flushing reisenden bei Holborn V i a d u c t und die via Hoek van Holland reisenden bei Liverpool Street in London eintreffen. Alles, was die Delegierten und Gäste zu telegraphieren haben ist: Emancipist, London. Via Calais (resp. Dieppe, Boulogne, Flushing, Hoek). Tag und Stunde der Ankunft. Name. — Zum Beispiel: Herr N. N. fährt über Berlin—Hoek *) Die Originalphotographien sind auf dem Praterquai mittelst Kodak-Camera (Kodak Company Limited, Wien, I., Graben 29) aufgenommen und uns freundlichst zur Verfügung gestellt worden.

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