Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 31 (3.8.1900)
- Article
- Eine weitere Gruppe in Budapest angehalten
- Date
- 1900-08-03
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die j& Welt" das Orsovaer Schiff eine grosse Zahl rumänischer Juden, denen es ebenfalls nicht besser ergieng. Freitag nachmittags trafen nämlich 3W20 Emigranten, zumeist aus Galatz. auf dem Schiff „Hildegarde" in Budapest ein. In Orsova hatte man sie, nachdem sie sich mit Fahrkarten bis nach Wien und mit Pässen ausweisen konnten, ruhig passieren lassen. Umso bitterer war die Enttäuschung der armen Leute, als sie erfuhren, dass sie die Fahrt nach Wien nicht fortsetzen dürfen. Mit dumpfer Resignation nahmen die einen die für sie tieftraurige Nachricht auf, der anderen, weitaus der Mehrzahl, bemächtigte sich laute, jammernde Verzweiflung. Heizbrechende Scenen spielten sich am Donau-Ufer ab, wo sich in kurzer Zeit eine grosse Menschenmenge angesammelt hatte. Erregt und klagend discutierten die Leut«» das Verbot und das gleiche Schicksal ihrer Leidensgenossen, die aus Wien nach Budapest zurückbefördert wurden. Umsonst suchten die Mitglieder des Comitesder israelitischen Religionsgemeinde, die verzweifelten Leute zu trösten. Die sinnlosesten Pläne tauchten aus der exaltierten, wild erregten Stimmung auf, die einen wollten zum rumänischen Consulat, die anderen ins Wasser, wieder andere jammerten, und fast alle lehnten in ihrer traurigen Gemüthsverfassung trotz der Ermüdung nach der langen Reise in glühender Sonnenhitze Speisen und Getränke ab. Bilder grauenhaften Elends boten sich dar. Männer, Frauen und Kinder weinten. Mitten in dieser Verwirrung liess die Polizei die Leute auf das Schiff „Vesta" schaffen. Es gieng dies nicht ohne Mühe, und die Herren vom Comite mussten ihnen immer wieder versprechen und b^theuern. dass sie wenigstens hf-ute und morgen nicht würden nach Rumänien zurückbefördert werden. Nun folgten aber auf dem Schiffe erst die ärgsten Scenen. Die Leute schworen, dass sie lieber in die Donau springen, als in ihre „Heimat" zurückkehren würden. Und zwei namens Silberherz und Sternberg sprangen in der That über Bord. Man rettete beide, aber Silberherz sträubte sich, und es bedurfte der vereinigten Kräfte mehrerer Personen, um den Unglücklichen aus dem Wasser zu ziehen. Erst nach und nach wurde die allgemeine Stimmung unter der Einwirkung der begütigenden und tröstenden Worte der Comitemitglieder ruhiger. Dann fuhr das Schiff auf die Ofener Seite, warf am Burgquai Anker, wo die armen Emigranten übernachteten. Viele weigerten sich hartnäckig, Nahrung zu sich zu nehmen, und erklärten, der heutige und der morgige Tag seien für sie Fasttage. Auch ein Opfer hatte dieser Tag; ein armes Kind Namens Adele Zauber wurde sterbend in das Adele-Brody- Spital gebracht. Die Mildthätigkeit der Budapester Juden und Christen. Das Schiff » Hildegarden welches die aus Orsova kommenden Emigranten beherbergte, blieb die Nacht über am Ofener Quai verankert. Samstag früh legte das Auswandererschiff auf der Pester Seite vor der Redoute an. Auf dem Ufer wurde ein mächtiges Leinwandzelt errichtet. Hier fanden sich schon in den Morgenstunden die Vertreter der Pester israelitischen Religionsgemeinde ein und versahen die Emigranten mit Lebensmitteln. Grosse mit Milch gefüllte Kannen wurden auf das Schiff gebracht und dort deren