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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Ein historischer Depeschenwechsel
Date
1900-08-03
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 31 „Die 2& Welt" Seite 5 ©ei3 FUtr)ä^iscbe Exodus. Ein historischer Depeschenwechsel. Folgende zwei Telegramme wurden am IS. d. M. zwischen der „Isralitischen Allianz" in Wien und der „Alliance Israelite" in Paris gewechselt: I. Aliiance Israel ite, Paris. Heute 400 Emigranten angelangt, weitere 800 in den nächsten Tagen zu erwarten. Frankfurt benachrichtigt. Rotterdam verweigert Aufnahme. Lage verzweifelt. Sorgen Sie unverzüglich für Weiterbeförderung. Allianz. II. Allianz, Wien. Weiterbeförderung unmöglich. Neuankommende Emigranten sind nach Rumänien zurückzuschicken. Bigart. Der Exodus und die Pariser Conferenz. Bei der Conferenz in Paris, die von der „Aliiance Israelite" einberufen wurde, waren zugegen: Delegierte dieser Gesellschaft, der „Jewish Colonisation Association", der „Israelitischen Allianz in Wien", der Cultusgemeinden von Berlin und Frankfurt und Repräsentanten aus verschiedenen Ländern, darunter Rumänien. Drei Punkte wurden zur Berathung vorgelegt : 1. Was lässt sich für die rumänischen Juden, die zur Auswanderung gezwungen wurden, thun? 2. Was lässt sich für die in Rumänien zurückgebliebenen Juden thun? 3. Weiche Schritte sollen unternommen werden, um die rumänische Regierung zu einer milderen Behandlung der Juden zu veranlassen? Bezüglich Nr. 1 wurde beschlossen, Capitalien anzulegen und ein Pernianenz-Coinite zu ernennen, dessen Aufgabe es sein wird, die Emigration systematisch zu leiten, die Emigranten mit allem Nöthigen zu versehen und ihr.en zur Erreichung ihres Reisezieles behilflich zu sein. Bezüglich Nr. 2 wurde beschlossen, in Rumänien Suppenanstalten zu errichten, um die Noth unter den Juden zu mildern und sie von einer überstürzten Auswanderung abzuhalten. Bezüglich Nr. 3 hielt die Conferenz die Zeit für eine politische Action nicht für günstig. Zurück nach Budapest! Die Zahl der in Wien eintreffenden rumänischen Auswanderer nahm in den letzten Tagen immer mehr zu. Zum Schlüsse der vorigen Woche befanden sich ungefähr 1300 Auswanderer in Wien, darunter zahlreiche Frauen, Kinder und Leute über i-0 Jahre, welche die „Israelitische Allianz" durchaus nicht weiter befördern wollte, und zwar — wie sie uns in einer Zuschrift mittheilt — weil „deren Beförderung nicht allein aus humanitären (!) und praktischen Erwägungen, sondern auch infolge der Beschlüsse der Pariser Conferenz vom Juli laufenden Jahres als völlig ausgeschlossen" erschienen sei. Auch soll „für eine solche Massenansammlung trotz aller Bemühungen . . . absolut kein Raum zu schaffen" gewesen sein. Kurz und gut: die Polizei legte sich ins Mittel, und Donnerstag den 2G. Juli wurde ein Trupp von ungefähr 800 Personen von der „Allianz" nach Budapest zurückgeschickt, da die Polizei ein längeres Verweilen der Leute ohne Unterstand nicht dulden wollte. Zurück nach Rumänien! Die Auswanderergruppe, die am Donnerstag nach Budapest zurückgeschickt wurde, musste trotz der Glühhitze den Freitag im Freien auf dem Ostbahnhof verbringen, da die Budapester Polizei den Leuten nicht gestatten wollte, in die Stadt zu gehen. Zwischen den Vertretern der Pester israelitischen Gemeinde und den Behörden fanden in Betreff des weiteren Schicksals der Emigranten Verhandlungen statt, deren Ergebnis die Entscheidung war. dass der Trupp bis zum Abend entweder mit Fahrkarten bis Rotterdam und mit gonügenden Geldmitteln die Weiterreise anzutreten habe oder an die rumänische Grenze zurü<-ktransportiert würde. Gegen 6 Uhr abends erfolgte dieses letztere. Alle Auswanderer wurden unter Polizeibegleitung in einem Extrazuge an die rumänische Grenze geschafft. Schon um 5 Uhr nachmittags hatte die Polizei die Einwaggonierung der Emigranten angeordnet, um deren Flucht zu verhindern. Es waren nämlich 37 Mitglieder der Gruppe verschwunden und hatten sich in der Stadt versteckt. Während der Einwaggonierung spielten sich herzzerreissende Scenen ab. Eine Frau, deren Gatte in London als Schlosser Anstellung gefunden hat, wollte mit ihren drei Kindern zu ihrem Manne reisen. Sie hatte Pass und Fahrkarten, musste aber dennoch den Zug besteigen und die Heimreise antreten. Ein gewisser Michael D o n e s c u, ein gebürtiger Budapester, der seit Jahren in Rumänien als Schankwirt lebt und zuständig wurde, flehte vergebens, man möge ihm gestatten, in seiner Geburtsstadt zu bleiben: er musste mitreisen. In jedem Coupe nahm ein Polizeibeamter Platz. Der aus Coupes dritter Classe bestehende Zug war bald überfüllt. Zu beiden Seiten des Zuges nahmen Polizisten Aufstellung, um eventuelle Fluchtversuche der Emigranten hintanzuhalten. Viele Frauen wollten sich noch in der letzten Minute vor Abgang des Zuges aus dem Fenster stürzen. Mit Mühe und Noth wurden die verzweifelten Leute beruhigt und der Extrazug nach Abgang des PredeahT Personenzuges um 6 Uhr 10 Minuten abgelassen. Der Extrazug weilte noch in der grossen Bahnhofshalle, als der abends fällige Predealer Personenzug einfuhr, der wieder 120 Emigranten, fast durchweg bemittelte intelligente Personen, Aerzte, Beamte etc., nach Budapest brachte. Die Auswanderer wurden bei der Ankunft sofort von der Polizei ersucht, in einer Gruppe zu bleiben. Als die übrigen Reisenden, welche mit dem Zuge angekommen waren, die Halle verlassen hatten, wurden die Emigranten verständigt, dass sie bis zur Entscheidung darüber, ob sie Weiterreisen können oder zurückbefördert werden müssen, im Polizei-Schubhause untergebracht werden, wodurch verhindert werden soll, dass sie sich in der ungarischen Hauptstadt niederlassen. Die Emigranten baten, man möge ihnen gestatten, auf ihre eigenen Kosten in Hotels zu übernachten. Die Polizei wollte dies aber nicht gestatten, und so musste der ganze Trupp unter Polizeibedeckung in das Schubhaus in der Mosonyigasse marschieren, wo die Auswanderer übernachteten. Die Polizei erhielt die strengste Weisung, die Mitglieder der Truppe zusammenzuhalten und niemandem zu gestatten, in die Stadt zu gehen. Die Opferwilligkeit der Budapester Juden beweist folgender interessante Zwischenfall, der sich im Bahnhofe abgespielt hat: Ein Herr Goldmann erklärte sich bereit, für die Beförderung von 27 jungen Leuten, die als Stellungsptlichtige nicht heimkehren wollten, 2300 fl. als Reisegeld bis Rotterdam zu erlegen. Die Polizei wies jedoch das Anerbieten ab. Eine weitere Gruppe in Budapest angehalten. Ausser den zwei Auswandergruppen, die Freitag abends im Ostbahnhofe abgefertigt wurden, brachte auch

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