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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Brief aus Rumänien
Date
1900-08-03
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die Welt** Nr. 31 schamlose Apologie genügte, um die moralischen Urheber des Krawalles freizusprechen und einige Excedenten väterlich mit wenigen Arresttagen zu bestrafen. Einige Juden aber, die sich zur Wehre gesetzt hatten, um ihr Eigenthum vor Zerstörung, sich selbst aber vor Misshandlung zu schützen, wurden zu sechsmonatlicher und noch längerer Kerkerhaft verurtheilt. In der Ortschaft Cosula wird ein naturalisierter Jude im Angesichte des ganzen Dorfes zu Tode geknüttelt. Der Mörder, der seine That nicht leugnen kann, ist ihrer gesländig, ein von sieben Aerzten unterzeichnetes Gutachten bestätigt den Tod des Juden als Folge der erlittenen Knüttelschläge, eskommt zur Verhandlung, der Advocat der klagenden Witwe weigert sich zu plaidieren, unter dem Vorwande, man werde den Thäter jedenfalls freisprechen. Und wirklich geschieht das Unerhörte, der Mörder wird — zu vier Wochen Arrest verurtheilt. Und „La Roumanie" hat die Stirne, von unparteiischer rumänischer Justiz zu sprechen! Und sind solche Urtheile nicht förmliche Aufmunterungen zum Judenmorde? Der statistische Zahlenaufmarsch der „La Roumanie", durch den sie darthun will, dass die Anzahl der jüdischen Schüler in den Volks-. Mittel- und Hochschulen die Zahl der christlichen übersteige, wird niemand überzeugen. Man weiss es zu gut, dass die Juden nur in seltenen Fällen und auch dann nur gegen Entrichtung einer hohen Taxe zu den Schulen zugelassen werden. Das können aber doch nur die Vermögenden, die für die Erziehung ihrer Kinder, und sei es schlimmsten Falles auch nur durch Privatunterricht, zu sorgen imstande sind: die grosse Zahl der Armen aber, die für den Erwerb des täglichen Brotes schwer genug zu kämpfen haben und die Schultaxe nicht entrichten können," müssen ihre Kinder ohne allen Unterricht heranwachsen sehen. Gegen diese Thatsache kann alles statistische Material der „La Roumanie" nicht aufkommen. Und die wenigen jüdischen Kinder, denen sich «lie Pforten der Volksschulen und Lyceen öffnen! Wahrlich, ihr Los ist nicht beneidenswert. Auf den Schulbänken sitzt der wildeste Antisemitismus, er thront auf dem Katheder und vergiftet das arglose Gemüth der Jugend, die in den antisemitischen Declamationen der Lehrer unfehlbare Orakelsprüche zu vernehmen glaubt. Was die Lehrer säen, wird durch das Lesen antisemitischer Zeitungen niedrigster Sorte, der Lieblinpslectüre rumänischer Schüler, zur Reife gebracht. Man denke sich nun unter solchen Umständen die Situation der jüdischen Schüler. Von ihren Lehrern mit ausgesuchter Verachtung behandelt, von ihren christlichen Kameraden misshandelt, ohne Schutz zu finden, welche Bitterkeit muss sich in ihren Gemüthern anhäufen! Sie müssen sich selb.-t und ihr Volk entweder als Auswürflinge der Menschheit betrachten oder von unauslöschlichem Hasse gegen ihre Dränger und Peiniger erfüllt werden. Die Schule wird ihnen zur Hölle, und ihre vermehrten Kenntnisse, ihr erweiterter, geistiger Gesichtskreis muss in ihnen das Gefühl des eilittenen Unrechtes nur noch brennender machen. Während wir dieses niederschreiben, hat das Ministerium Kantakuzene unseligen Andenkens abgewirtschaftet, und Herr Peter Carp ist mit der Bildung des neuen Cabinets betraut worden. Herr Carp ist unstreitig der bedeutendste Staatsmann Rumäniens, dabei ein vorurtheilsfreier Mensch, der mehr als einmal, wenn auch vergebens, seine Stimme für die unterdrückten Juden erhob. Aber er wird beim besten Willen nichts zur Verbesserung ihrer Lage thun können; er würde dabei auf den einmüthigen Widerstand der ganzen Nation stossen. Zu tief hat der sorgfältig genährte und gepflegte Judenhass Wurzel geschlagen, und ein Ministerium, das die Lage der Juden verbessern wollte, würde nur sein eigenes Grab schaufeln Herr Carp wird also höchstens Palliativmittel anwenden können. Er wird voraussichtlich durch ministerielle Erlässe den Districtspräfecten empfehlen, den Judenchicanen Einhalt zu thun und ein Auge zuzudrücken, wenn sich Juden in Dörfern niederlassen sollten. Er wird allzu groben Missbrauch der Amtsgewalt bestrafen, und der polizeiliche Ochsenziemer wird während seines Regimes vielleicht in den Ruhestand versetzt werden. Aber mehr kann und wird er nicht thun, und wenn morgen das Ministerium Carp fällt, dann haben wir wieder die alten Judenverfolgungen mit all ihren unmenschlichen Grausamkeiten. Das ist der Grund der panikartigen, unaufhaltsamen Emigration; wer nichts zu verlieren hat, der hat alles zu gewinnen! Die Juden von Hongkong. Hongkong, die reizende Insel in der Mündung des Flusses Canton, ist seit 1842 in englischem Besitze. Unsere Glaubensgenossen erfreuen sich in dieser europäischen Colonie voller Gleichberechtigung, und die Gemeinde von Hongkong steht keiner in der Welt an jüdischem Volksbewusstsein nach. Dieser Zustand ist nicht zum wenigsten das Vordienst des ehrenwerten E. R. Belilios, des Vorstehers der Cultusgemeinde von Hongkong. Mr. Belilios, der wegen seiner philanthropischen Thätigkeit von der Königin die höchsten Orden erhalten hat. befindet sich gegenwärtig in London und hat in einer Unterredung mit dem Vertreter unseres Bruderbiattes ,The Jewish W o"r 1 d" sehr interessante Auskünfte über die Juden von Hongkong ertheilt und Ansichten geäussert, die eine weite Verbreitung verdienen. Mr. E. R. Belilios ist der Sprosse einer alten venetianischen Familie, die jahrhundertelang in der Stadt an der Adria lebte. Ein Zweig dieser Familie wanderte nach Indien aus und siedelte sich in Calcutta an, wo Mr. Belilios im Jahre 1S37 geboren wurde. Mit achtzehn Jahren verlobte er sich mit der Tochter Mr. David Joseph E s r a s, eines Kaufmannes in seiner Vaterstadt. Der Ehe entsprossen vier Kinder, zwei Knaben und zwei Mädchen. Die Töchter sind verheiratet und leben in Calcutta, ein Sohn weilt leider nicht mehr unter den Lebenden, und der zweite studiert in London Jus. Im Jahre 18G2, wie Mr. Belilios mir sagte, hatte er geschäftlich in Hongkong zu thun, und da ihm die Umgebung gefiel, beschloss er, sich dort anzusiedeln. Von JSti 1 —1891 durchreiste er ganz Europa, die Vereinigten Staaten, Australien, Neu-Seeland, Japan, Tasmanien, China, Siam und Java. Seit 1S86 ist er das erstemal in London. „Haben Sie eine Synagoge in Hongkong?" fragte ich. „Ja," war die Antwort. „Zwischen 1840 und 1850. kamen Juden aus Calcutta, Bombay und Bagdad nach Hongkong, aber erst im Jahre 1S56," nach dem Opiumkriege, Hessen sie sich endgilüg auf der Insel nieder. Die Gemeinde zählt 150 Seelen, 50 Frauen und Kinder und 100 Männer. Wir haben eine Synagoge und die Kinder werden von dein Rabbi in Hebräisch und Religion unterrichtet. Wir sind natürlich Sephardim, und trotzdem eine Anzahl europäischer Juden in Hongkong ist, haben sie keine eigene Gemeinde, ja sie verleugnen ihr Judenthum." „Warum?" „Nun, es herrscht ein gewisser Antisemitismus dort, weil die jüdischen Kaufleute bessere Geschäftsmänner sind und es ihnen infolge dessen auch besser geht. Dieser Antisemitismus rührt nicht von den Chinesen her, denen sowohl Juden als Christen „fremde Teufel" sind. Die Kaufleute aus Europa, und auch andere, sind Antisemiten." „Wissen Sie etwas über die eingeborenen chinesischen Juden?* „Sehr wenig, und das nur vom Hörensagen. Ich selbst bin nie mit einem zusammengekommen." „Haben die Juden mit der Verwaltung der Insel etwas zu thun?" „O ja. Ich bin zwar der einzige Abgeordnete, aber wir haben sechs jüdische Friedensrichter." „Sie interessieren sich wohl für jüdische Angelegenheiten überhaupt,^nicht wahr?" „Gewiss. Wir legen ein lebhaftes Interesse für unsere Brüder in allen Welttheilen an den Tag. Ein Zweig der Jewish Colonization Association ist in Hongkong." Dann kamen wir auf die erneuerten Judenverfolgungen zu sprechen, und Mr. Belilios wurde ganz aufgeregt. „Auf meiner Reise", sagte er, „habe ich überall dieselbe Feindseligkeit gegen die Juden vorherrschend gefunden. Es ist ja wahr, dass diese Feindseligkeit unseren höheren Fähigkeiten zuzuschreiben ist, aber das ändert nichts an der Sache." „Sie haben wohl vom Zionismus gehört?" „Ja; und ich glaube, dass ein Judenstaat bald eine grosse Veränderung in der Lage der Juden herbeiführen würde. Wenn die Juden ein eigenes Land haben werden, von ihnen selbst iegiert, wird man mehr Respect vor ihnen haben. Jetzt hat der Jude kein Land, das er das seine nennen darf, und wenn man ihn heisst, in sein eigenes zu gehen, kann er keine Antwort geben. Das wäre alles anders, wenn wir ein eigenes Land hätten, wie klein es auch immer sei." „Sie sind also mit dem zionistischen Gedanken einverstanden?" „Ich wünsche vom ganzen Herzen, dass er zum Ziele führen möge. Ich hoffe, Dr. Herzl und die anderen zionistischen Führer auf dem Congresse kennen zu lernen, dem ich bestimmt beiwohnen werde."

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