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Die Welt · 1900-08-03 · 31 (3.8.1900) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
31 (3.8.1900)
Article
Worochta
Date
1900-08-03
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 ,Die # Weit" Seite 3 segneten „Stamperl" nippt die ganze Familie nach gethanem Segensspruche. Zum Morgengebete versammeln sich die feiernden Judenarbeiter in ihren Kolyben zu Minjonim, und es ist ein seltsamer Contrast zwischen dem feierlichen Gottesdienste der tallesbedeckten Andächtigen im Zelte bei der Säge und dem Zischen, Pfeifen, Schnurren, Sausen, dem ganzen Werktagslärm in eben dieser Säge. Ein Vorwurf für einen Maler grossen Stils ist der Anblick dieser sonderbaren Scenerie. Es ist ein Gemisch von Staunen und Rührung, was den Beschauer ergreift, der die Lebensäusserungen uralter Glaubensformeln mitten im Getriebe modernster Industrie wahrnimmt. Es ist, als ragte ein prähistorischer Petrefact aus dem Erdinnern in einen Modebazar hinein. Nach dem Gebete gehen die Arbeiter auseinander^ jeder zu seiner Familie, und ein echt patriarchalisches Familienleben hebt an beim armseligen Mahle und althebräischen Tischgesängen . . . Es wird Nacht und es wird wieder Tag: Sonntag! Die Fabrik steht. Die Bauern und Bäuerinnen in ihrer bunten Nationaltracht gehen in die Kirche, auch einige Arbeiter. Die meisten aber füllen tagsüber bis spät in die Nacht hinein mit Frau und Kind die Arbeitercantinen und Dorfschenken. Tabaksquälm, ohrenbetäubender Lärm, Fuselgeruch, Stänkereien und Schlägereien erfüllen die Wirtsstuben, wo die feiernde Arbeiterschaft ihren Wochenlohn lustig verzecht. Und so lebt man in Worochta! ... Es ist aber doch ein Unterschied zwischen dem Leben der Huzulen und Magyaren und der Juden. Oder etwa nicht? Brief aus Rumänien. Von Judäus. Die Entrüstung der europäischen Presse über die Misshandlung der rumänischen Juden ist nicht ganz ohne Wirkung auf Rumänien geblieben. Zu den Wuthschreien der antisemitischen Zeitungen über die „jüdischen Verleumdungen", zu den Klagen der „unabhängigen" Organe, dass die Ehre das Landes aus allen Poren blute, gesellen sich die Communiques der officiösen Blätter, die auf Befehl ihrer Brotherren für die Ehre Rumäniens eine Lanze brechen. Das phrasenrasselnde Gewäsche der „Epoca" verdient so wenig Beachtung wir die „Apararea National, das Leibblatt des Herrn Istrati, das den Juden mit Krawallen und Excessen droht; gegen Knüttelargumente gilt weder Recht noch Vernunft. Wir wollen uns also bloss mit der französisch geschriebenen hochofficiösen „La Roumanie" beschäftigen, die wenigstens nicht die durch den Anstand gesetzten Grenzen überschreitet und den, Grundsatz nicht ausseracht lässt, dass Polemik in kein Fischweibergezänke ausarten darf. Hätte es keinen gar zu tragischen Hintergrund, es würde erheiternd wirken, wenn wir „La Roumanie" mit der Miene tiefgekränkter Unschuld erseheinen sehen, um der europäischen Presse, wenn schon nicht Verleumdung, doch wenigstens schweren Irrthum vorzuwerfen. Der Stand eines Officiosus ist doch gar nicht beneidenswert. Er muss sich dünn genug machen können, um durch Schlüssellöcher und Thürritzen hindurchzuschlüpfen; er muss es verstehen, der plumpen Wahrheit aus dem Wege zu gehen, damit sie ihm nicht unversehens auf die Hühneraugen trete und ihn ein unwillkürlicher Aufschrei verrathe, und endlich muss er es verstehen, das Katzenpfötchen vorsichtig zu einem Krallenhiebe auszustrecken und ebenso schnell wieder einzuziehen. „La Roumanie" versteht dies alles aus dem Grunde, und wenn sie trotzdem in ihrer Apologie der rumänischen Regierung nicht glücklich ist, so liegt es nicht an ihr, sondern an der Sache, die sie verficht, „La Roumanie" wendet sich zuerst gegen die „Vossische Zeitung* — die „ Voicice", wie sie in echt französischer Verstümmelungsmanier den fremden Namen schreibt — und nennt scherzhaft den Artikel derselben vom 21. Juni ein Märchen aus „Tausend und eine Nacht". Es ist ein Märchen von trauriger Wahrheit, und all die ungesalzenen Spässe des Herrn Officiosus können ihm nicht seine furchtbare Wirklichkeit benehmen. „La Roumanie" windet sich wie ein Aal zwischen all ien rumänischen restrictiven Gesetzen, um nicht anzustossen, vermeidet jede scharfe Kante, weicht jeder Kuppe aus, und doch gelingt es ihr nicht, sich durch die verfitzten Paragraphen durchzuwinden. Sie beginnt mit dem Makler- und Sensalgesetze. „Man muss nicht in Rumänien gelebt haben," ruft sie aus, „um nicht zu wissen, dass uuter zehn Maklern wenigstens neun jüdische sind." Wohl wahr, aber existiert darum das Maklergesetz weniger, weil es noch nicht angewendet wurde? Kann es nicht jeden Augenblick in Thätigkeit treten und neues Elend, neuen Jammer auf die Häupter der Juden bringen? Es ist nicht das erstemal in Rumänien, dass ein Gesetz gegen die Juden ♦»ine Zeitlang nicht ins Leben tritt, bis es plötzlich, unerwartet, wie ein Blitz aus heiteren Höhen, niederfahrt und tausende von Existenzen vernichtet. Ein zweiter Punkt, den „La Roumanie" nach Möglichkeit auszubeuten sucht, ist der von dem medieinischen Kongresse in Jassy im Principe angenommene Vorschlag, fremden, das heisst jüdischen Aerzten das Recht der Praxis zu nehmen. „Wo," fragt „La Roumanie-, „ist es erhört worden, dass eine Bevölkerung einer bloss projectierten Massregel wegen emigriere?" Die liebe Otficiöse sucht dur ch diesen Kniff den Standpunkt der Discussion zu verrücken. Das projectierte Gesetz ist sicherlich keine Ursache der Emigration, aber eine sprechende Illustration zur jüdischen Lage. Um die wohlwollende Gesinnung der Regierung für die Juden zu beweisen, erzählt „La Roumanie", dass Juden als Landärzte mit Monatsgehalten von öUO Francs aufgenommen werden, trotzdem solche Posten nur mit politisch berechtigten Bürgern besetzt werden dürfen. „La Roumanie" selbst gesteht also, dass die Juden keine politisch berechtigten Bürger sind und also eine Ausnahmsstellung einnehmen. Aber sie sagt es nicht, dass jüdische Aerzte nur dann angestellt werden, wenn keine christlichen zur Hand sind, um! dass selbst in diesem Falle ihre Anstellung keine dauernde ist, denn sie werden nur unter der Bedingung beliebiger Kündigung angestellt. Und wirklich wird der Jude sofort entlassen, wenn sich nur ein christlicher Atzt, selbst ein noch nicht diplomierter Doctorand der Medicin bietet. „La Roumanie" sagt es nicht, dass die Advocaten-, Beamten-, Lehr- und Militärcarriere für die Juden nicht existieren, dass die technische für sie zu existieren aufgehört hat. da die wenigen jüdischen Ingenieure mit dem 1. Juli d. J. ihrer Posten enthoben wurden. Sie sagt es nicht, dass kein jüdischer Handwerker, kein jüdischer Lastträger an irgendwelcher Bahnlinie Beschäftigung findet, dass kein jüdischer Arbeiter oder Handlanger bei öffentlichen Bauten beschäftigt wird, und dass das Beispiel des officiellen Antisemitismus Nachahmung findet und sich zu einem förmlichen Bojrcott der jüdischen Arbeitskraft ausgebildet hat. So wurden, um nur ein einziges, aber charakteristisches Beispiel anzuführen, zum Baue einer Zuckerfabrik die jetzt in Kipiceni angelegt wird, italienische Arbeiter und Handwerker verschrieben, damit nur keine Juden beschäftigt werden müssen. „La Roumanie" sagt es nicht, dass bei ärarischen Unternehmungen, die im Auctionswege vergeben werden, jüdische Concurrenten zwar nicht infolge eines Gesetzes, aber durch eine Art stillschweigenden Einverständnisses zurückgewiesen werden, dass der jüdische Kleinhandel infolge der Chicanen der administrativen Behörden nahezu vernichtet ist, dass man dem jüdischen Handwerker das Leben vergällt, vom Wohnen und Handeln auf dem Lande schon gar nicht zu sprechen. In dieser entsetzlichen Bedrängnis haben die rumänischen Judun keine andere Alternative als Untergang oder Auswanderung. Und sie wandern aus; um Schleuderpreise verkaufen sie, was sie besitzen und nicht mit sich führen können, und athmen erst auf, wenn sie sich jenseits des Grenzpfahls befinden. Erschreckt durch die Dimensionen der Emigration, suchte die Regierung dieselbe zu hemmen, aber nicht durch kluge Schonung und Milde, sondern durch die brutale Faust und den Ochsenziemer der Polizei, und die Folge war. dass die ruhige Auswanderung sich in wilde, ungeordnete Flucht verwandelte. „La Roumanie" thut sich nicht wenig darauf zugute, dass viele Processe zwischen Juden und Christen von ersteren gewonnen werden. Es wird niemand einfallen, daran zu zweifeln, dass Rumänien auch ehrenhafte und unparteiische Richter besitzt, aber es lassen sich sehr viele Beispiele anfühivn, wo der Gerechtigkeit förmlich ins Antlitz geschlagen wird. Nach den antisemitischen Scandalscenen in Jassy, die, wie bekannt, mit dem Gelde des Prät'ecten insceniert worden waren, kam es, natürlich bloss damit die Form gewahrt werde, zum Processe. Und da erlebte man das seltsame Schauspiel, den öffentlichen Ankläger die Ruhestörer vertheidigen zu sehen. Der Vertheidiger der Angeklagten und Herr Cusa, der bekannte Antisemit und unbekannte Nationalökonom, entschuldigten die Excesse mit dem unbesiegbaren Judenhasse in der Brust eines jeden Rumänen, und diese

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