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Die Welt · 1900-07-27 · 30 (27.7.1900) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
30 (27.7.1900)
Article
Die Schwestern
Date
1900-07-27
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 »Die s£ Welt" Ni. 30 reicheren Löbens knüpften, bei dem sie oft mit heisser Sehnsucht verweilte. Jeden Abend, wenn sie das Rasseln der schweren Kette hörte, die durch die Thorpf'osten gezogen wurde, hatte sie die Empfindung, dass ihr unter dem gefühllosen lauten Gelächter eines feindseligen Geschickes die Welt verschlossen wurde. Das war ihr Horizont nach aussen hin, und drinnen herrschte dieselbe Beschränktheit, dieselbe erstickende Enge. Drei, nur drei menschliche Seelen bildeten ihre Welt: die bettlägerige Mutter, welche ohne Murren ihr Schicksal trug, die ebenso geduldige Schwester, die sich's zur Aufgabe gemacht hatte, den flackernden Lebensfunken zu einer Flamme anzufachen, und der kraftvolle, scharfsinnige Vater, der beständig das Land durchreiste, um den Inhalt des starken eichenen Geldschrankes immer noch zu vergrössern; Anschel Narkovitz galt als reicher Mann. Auf diese drei Menschen verwendete Zillah alles Gefühl, welches das schwerfällige, bleierne Leben nicht in ihr getödtet hatte. Sie gab ihnen ihr ganzes Herz, und doch — gerade, wenn sie glaubten, dass Zillah ihnen ganz angehörte, da streifte sie in einer zauberischen Welt der Wunder umher, in welche sie ihr nicht folgen konnten, die sie sich aus den Büchern geschaifen, in denen sie beständig las. Fünf Jahre waren vergangen, seit sie für immer aus Deutschland zurückgekehrt war. Es war ein schwüler Spätsommer-Nachmittag. Im Laden gab es fast nichts zu thun, und Jeiteles hatte die Gelegenheit benützt, sich zu einem Schläfchen in ein leeres Häringfass zurückzuziehen; der Salzgeruch trocknete ihm die Kehle aus und er schnaufte heiser. Zillah sass in einem Rohrstuhle, ihre Hände spielten müssig mit dem Buche auf ihrem Schosse; sie träumte — immer dieselben alten Träume von dem Fernen, Unerreichbaren. Aber auch das wurde ihr zu viel, müde erhob sie sich und gieng zur Thür; im Laden war es zum Ersticken. Die Strasse schien gänzlich verlassen zu sein, doch nein — eben bog der alte Torkov, der buckelige Idiot, humpelnd um die Ecke. Gerade vor Zillah blieb er stehen, sein Blick haftete auf einem verfaulten Apfel, der auf dem Trottoir lag — die Schweine halten ihn übersehen, weil sie es vorgezogen, in dem Schmutze auf der Strasse zu wühlen. Mit einem Freudengeheule ergriff" Torkov den herrenlosen Schatz und verschlang ihn, während er watschelnd weitergieng. Seltsam lächelnd blickte Zillah ihm nach. „Gott ist gut gegen dich gewesen, Torkov," murmelte sie endlich, „besser als gegen mich. Wenn ich nur so auf die Welt gekommen wäre — innerlich und äusserlich." Dann gieng sie zu ihrem Rohrstuhle und dem deutschen Roman zurück. Jeiteles. den ihr Schritt aufgeweckt hatte, erhob sich schnaufend und rieb sich die Augen. Da wurde im Hintergrunde des Ladens ein anderer Schritt hörbar und Salka trat leise ein. „Die Mutter schläft," sagte sie, „ich werde schnell auf die Post laufen und nachsehen, ob ein Brief vom Vater da ist Wenn die Mutter rufen sollte--" Zillah winkte schweigend. Sie sparte immer mit Worten: daher kam vielleicht der ergreifende Zug um ihren Mund. Salka blieb so viel länger aus, als gewöhnlich, dass sie es für nöthig hielt, ihre lange Abwesenheit zu erklären. „Der Polizeicommissär ist todt — er ist plötzlich gestorben," sagte sie, „und so blieb ich ein wenig länger aus, um Näheres zu hören. Jedermann ergeht sich in Vermuthungen, was wohl der neue Polizeicommissär für ein Mann sein wird, und es herrscht riesige Aufregung." „Ach ja. ein Todesfall ist das einzige, was den Leuten hier zum Bewusstsein bringt, dass sie am Leben sind," meinte Zillah. „Hast Du einen Brief?" „Ach, ich hätte fast vergessen," stammelte Salka, verlegen, dass sie um eines Fremden willen beinahe ihren Vater vernachlässigt hatte; „ja, es ist ein grosser Brief — ich kann es durch das Couvert hindurch fühlen. Sollen wir warten bis die Mutter aufwacht?" „Nein," sagte Zillah, „wenn es gute Nachrichten sind, wird sie sie zweimal hören — erstens aus unserem Munde, und dann, wenn wir ihr den Brief vorlesen; wenn aber, Gott behüte, nicht alles in Ordnung ist, so werden wir wissen, was wir auszulassen haben." Und sie schlitzte langsam das Couvert auf, während Salka sie mit glänzenden Augen betrachtete. Es war ein sehr langer Brief — zweimal so lang als sonst und begann mit der Nachricht, dass der Schreiber gesund und das Geschäft vortrefflich sei, dann schilderte der Schreiber mit grosser Umständlichkeit die einzelnen Käufe, die er abgeschlossen hatte, und den Verlauf seiner Reise. Während Zillah las, prägte sich Erstaunen auf ihrem Gesichte aus. „Ich weiss nicht," unterbrach sie sich plötzlich, „der Vater schreibt doch sonst nie so — er hat etwas zu sagen und schiebt es hinaus — aha, hier ist es". Sie hatte die folgende Seite flüchtig gelesen und gefunden, was sie gesucht. Die Stelle lautete folgendermassen : „Und nun, meine Theuren, hab' ich eine freudige Nachricht für Euch, und wie ein Geizhals nicht müde wird, sein Gold zu betrachten, so freue ich mich beständig des Vergnügens, Euch diese Neuigkeit mitzutheilen: von heute in acht Tagen kehre ich zu Euch zurück, aber nicht allein, ich bringe -- doch nein, ich sage nicht, wer es ist, sondern nur, dass unserem Hause eine grosse Ehre widerfahren wird, und dass ihr Euch mit mir freuen werdet. Inzwischen muss Euch das Bewusstsein genügen, dass mir, wo ich mich auch immer befinde und was ich auch thun mag, in allererster Reihe das Glück meiner Kinder am Herzen liegt." Zillah hielt inne und blickte ihre Schwester mit einem Blicke an, der eine grosse Frage war; Salka aber antwortete nur mit einem muthwilligen Lächeln. „Sag' mir — was hat das zu bedeuten? Du scheinst in das Geheimnis eingeweiht," drängte Zillah. „Du weisst es ja auch! Nicht? Dann will ich Dir einen Wink geben — Du bist diesen Sommer einundzwanzig Jahre alt geworden." „Nun?" fragte Zillah, während sie den Argwohn, der ihr aufdämmerte, niederzukämpfen suchte. „Und dann hat der Vater Deine Photographie mitgenommen." Zillah fuhr zurück, blass bis in die Lippen. Rasch sah sie sich um, der Laden war leer; Jeiteles hatte sich hinausgeschlichen, um sich die Nachricht von dem Tode des Polizeieommissärs bestätigen zu lassen. „Es bedeutet — dass ich heiraten soll," flüsterte Zillah. Im Begriffe, ihr mit einem lustigen Lachen über die wohlgeplante Ueberraschung zuzustimmen, blickte Salka ihre Schwester an, aber sie hielt inne, denn Zillahs Mund zog sich wie in plötzlichem Schmerze krampfhaft zusammen. „Ach, nur das nicht," kam es klagend von den schmerzlich verzogenen Lippen, „nur das nicht, Salka. Warum auch? Beklage ich mich? Sage ich, dass ich unzufrieden bin? Ich verlange ja nichts weiter, als dass man mich mir selbst überlässt. Ich will mir angehören — und Euch, keinem sonst. Ich soll einen Mann heiraten, den ich nie gesehen, dessen Stimme ich nie gehört habe, ich soll sein unveräusserliches Eigenthum sein, während ich vielleicht nach Freiheit lechze. Was soll,, ich thun, liebe Schwester, was soll ich thun?" Salka schlug die thränenschweren Augen nieder. (Fortsetzung folgt.)

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