Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Wien
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 ,Die & Welt" Nr. 30 die Entsendung einer Deputation an die Allianz beschlossen, die die schleunigste Befreiung der Auswanderer aus der mörderischen Stickluft und Gluthitze der Schleppschiff- Verdecke fordern, vor allem aber Vorstellungen gegen den Beschluss der Allianz machen möge, Kinder und Frauen von den erwachsenen männlichen Familien genossen für alle Zeit zu scheiden und nach Rumänien zurückzusenden. Berlin. Am 15. d. M. verschied hier der Geheime Sanitätsrath Dr. Samuel Kristeller im SO. Lebensjahre. Kristeller war Vorsitzender des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Er hat sich um die Kenntnis der mittelalterlichen hebräischen Poesie Verdienste erworben. Seine Bearbeitung der „Sprüche der Väter" und seine poetischen Uebersetzungen sind in Fachkreisen sehr geschätzt. Breslau. Kürzlich wurde Prof. Gustav Born beerdigt. Borr, hatte sich einen ganz bedeutenden Ruf insbesondere durch seine hervorragenden biologischen und embryologischen Forschungen erworben. Seine Leistungen wurden allgemein anerkannt — von der wissenschaftlichen Welt, aber nicht vom Staate. Denn er war Jude. Er hat nicht, wie jeder bedeutende und sogar mancher weniger bedeutende nichtjüdische Forscher die ordentliche Professur erhalten, sondern nur die ordentliche H o n o r a r-Professur, eine Stellung, die in Deutschland eigens für Juden geschaffen scheint, denen man leider auch eine Anerkennung nicht versagen kann. So blieb er bis zu seinem Tode, wie sein unmittelbarer Vorgesetzter mehr als unbedingt nöthig an der Bahre hervorhob, ein Untergebener, hat aber niemals sein Missbehagen darüber verlauten lassen. Denn sonst wäre er ja einfach irgendwie zur Disposition gestellt worden und hätte seiner Wissenschaft nicht mehr dienen können. Dazu aber sah er sich fähig, und darum wollte er es auch. Den Ausweg der Lüge, die Taufe, verachtete er, obwohl er gewiss kein gläubiger Jude war .... Schreit das nicht alles nach Zionismus V O nein, nach den Begriffen der deutschen Judenheit nicht. Die nehmen weder Lehre an durch die sich immer mehr häufenden Nichtanerkennungen, noch durch Vorgänge wie in Könitz, denn „es mehren sich die Zeichen, dass die bessere Zeit komme, dass wir wieder unsere heilige Mission erfüllen" u. s. f. Beweise? Nun, dass z. B. doch noch einige antisemitische Verbindungen sich herabgelassen haben, an der Leiche Borns zu chargieren, zwar die Mehrzahl nicht. Und dann, der hochbedeutsame Beschluss der Breslauer Burschenschaft der Raczeks! Nämlich die Auferstehung des „Renommieijuden". Früher war dies eine ganze bekannte Institution, in den letzten Jahren war sie verschwunden, und es gab dafür hin und wieder in sich nicht zu erkennen geben wollenden jüdischen Verbindungen „Renommiergojim". Solche Renommierer sind ein, höchstens zwei andersconfessionelle Mitglieder einer Verbindung, die deren jüdischen, bezugsweise antisemitischen Charakter verdecken sollten. War denn aber letzteres nöthig? O doch, denn in den Verbindungen sassen alte Herren, Juden, die Geld hatten, und studentische Corporationen brauchen Geld. Es hiess also den Schein wahren. Dann hatte irgendein Verband den Muth, officiell zu erklären: Wir nehmen keine Juden mehr auf; die anderen Verbände folgten damit bald nach. Und siehe da, nur ein geringer Theil der alten Herren schickte das Band zurück, die anderen aber zahlten weiter. Einige schmollten vielleicht, aber nicht gar sehr, bis in den letzten Jahren doch allgemein sich etwas wenigstens das jüdische Gewissen regte und die jüdischen Gelder immer spärlicher flössen. Das geht nicht an, sagten sich dieRaczeks. Und so erklärten sie denn nun, jener Verbandsbeschluss des „Allgemeinen Deputierten- Convents* vom Jahre IN!)« sei für sie nicht bindend, und es liege weder statutengemäss, noch priucipiell ein Grund gegen die Aufnahme jüdischer Studenten vor. Einige Skeptiker glauben zwar, es werde dem Beschlüsse die That nicht folgen. Wir glauben aber doch! Denn noch gibt es assimilationslüsterne jüdische Studenten, und einem oder zweien von ihnen wird das grosse Glück zutheil werden. Einem oder zweien, mehr aber nicht. Auf sie indes wird das deutsche Judenthum mit den Fingern zeigen, der grössere Theil mit Stolz und Freude, und der geringere Theil mit unsäglicher Verachtung. Die letzteren aber" werden nicht der schlechteste Theil ihres Stammes sein . . . Und jene alten Herren thäten wahrlich gescheiter, mit ihrem Gelde die rumänischen Juden zu bedenken, als die Feinde und Verächter ihres eigenen Fteisch und Blutes, denen sie selbst ob ihrer Gutmüthigkeit ein Spott sind., Hillel. Frankfurt a. M. Mit tiefem Bedauern melden wir den Tod des englischen Generalconsuls Sir Charles Oppenheiraer, der Ende Juni nach längerem Leiden verschied. Im Jahre 1836 zu Nastätten in Nassau geboren, gieng er als Achtzehnjähriger nach London, wo er sich als Kaufmann niederliess. Sein Geschäft gedieh so sehr, dass er bald seine jüngeren Brüder zu sich berief: nach siebzehnjähriger unermüdlicher Thätigkeit überliess er es ihnen ganz und zog sich nach Frankfurt zurück, wro er seine Kindheit verlebt hatte. Und nun begann sein wohlthätiges Walten und Wirken, fortan widmete er sein Leben dem Wohle der leidenden Menschheit und ganz besonders seiner Glaubensgenossen. Nie wendete man sich vergeblich an ihn. Im Jahre IS64 verheiratete er sich mit Fräulein G o 1 d b e c k. 1880 wurde er von der Königin von England zum Generalconsul ernannt, 1892 geadelt, 1S97 erhielt er die Jubiläums- Medaille. Er war Besitzer vieler Orden und Auszeichnungen, trotzdem von geradezu sprichwörtlicher Bescheidenheit. Mit einem nicht gewöhnlichen Kunstsinne begabt, erbaute er sich nach eigenen Plänen ein reizendes Haus in der Bockenheimerstrasse, ein wahres Kunstwerk: er hat auch eine wunderbare Sammlung hinterlassen, die besonders moderne englische Kunst repräsentiert. Paris. Mark A ntokolsky, der bedeutendste russische Bildhauer unserer Zeit, hat 23 Kunstwerke in einem eigenen Saale ausgestellt, darunter „Peter der Grosse", „Mephistopheles", „Spinoza", „Nestor" und „Jaroslaw". Russland nimmt in der Abtheilung für Sculpturen einen bedeutenden Rang ein, aber es ist charakteristisch, dass die russischen Kunstkritiker die Werke ihrer jüdischen Meister ganz besonders hervorheben. Welch ein Erfolg, wenn man bedenkt, dass Juden bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts nicht imstande waren, sich dieser Kunst zu widmen. Neben A ntokolsky zeichnen sich Nahum Aronson, Bernstein, Jamp olsky, Kaplan, Ras umny und G ü n zb u r g aus; eine Büste und Statue des letzteren, beide Tolstoi darstellend, erregen die besondere Aufmerksamkeit der Besucher. ^eifscbi3ifi'eoiHit)<Jscbaa. Die hebräischen Schulen in Jaffa. In Angelegenheit der Zuschrift, die — wie wir in unserer vorletzten Nummer berichtet haben — „Hameliz" und „Hazefirah" aus Jaffa erhielten und in der über die Schliessung der hebräischen Schulen in Jaffa in sehr unklarer Weise berichtet worden war, schreibt M. L. Lilienblum in Nr. 14-2 des „Hameliz": „Ein Weheruf kommt aus Jatfa . . . Mich dünkt, wenn es zur Zeit der Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem jüdische Blätter gegeben hätte, so wäre der Bericht über den politischen Untergang des Volkes in jenen Blättern kaum in solch verzweiflungsvollem Tone gehalten gewesen, wie die Correspondenz über die hebräischen Schulen in Jaffa. Diejenigen, die den Stand der Angelegenheit nicht kennen, mögen wirklich glauben, die Zionsfreunde hätten beschlossen, mit den Schulen in Jaffa zu verfahren, wie seinerzeit Titus mit dem Tempel, indem er die Brandfackel in ihn werfen; liess. Dem ist selbstverständlich nicht so. Als die Schule in Jaffa gegründet wurde, setzte das Odessaer Central-Comite für sie 4000 Francs jährlich aus. Diese Summe, sammt den von den Eltern der Zöglinge entrichteten Schulgeldern, den jährlichen Spenden des Herrn Wissotzky und anderen Spendenbeträgen, hätten zur Erhaltung der Anstalt vollkommen ausgereicht. Einige „gute Leute" in Jaffa jedoch, die nie dafür Sorge trugen, dass die Einnahmen der Schule steigen sollen, vermehrten dennoch deren Ausgaben, ohne vorerst das Odessaer Comite zu befragen. Das Ergebnis war natürlicherweise, dass das Deficit der Anstalt von Jahr zu Jahr grösser wurde, so dass das Odessaer Comite in diesem Jahre mehr als das Doppelte des Betrages, den es