Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Aus der Praxis der Krakauer Felicianerinnen
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 30 ,Die s£ Welt- Seite 11 nicht sehen wolle. Als sie trotzdem darauf bestand, ihr Kind zu sehen, stiessen sie die Nonnen weg. Weitere Schritte zur Wiedererlangung ihrer Tochter hat Chane Weiser nicht unternommen, da sie in eine schwere Krankheit verfiel, die einen grossen Theil ihres Vermögens aufzehrte. Den Rest verlor sie durch einen Brand. — Die 15jährige Tochter Feigel des Handelsmannes Ehe Mendel Siegeltude in Dobczyce wurde vor einiger Zeit von zwei christlichen Schneiderinnen aus Mszan zur Flucht aus dem Elternhause überredet und in das Kloster der Foiicianerinnen in Krakau gebracht. Elie Mendel Siegeltude war einigemale im Kloster, man wollte ihn jedoch nicht zu seinem Kinde lassen und empfahl ihm, zum Fürstbischof zu gehen. Der Fürstbischof hingegen wies ihn an den Krakauer Magistrat Nach Angabe eines 20jährigen Mädchens namens Gelb aus Swierczow, dem es mit grosser Mühe gelang, nach dreieinhalbmonatlichem Aufenthalte aus dem Kloster der Felicianerinnen in Krakau zu entkommen, werden daselbst zwei jüdische Mädchen aus Russisch-Polen, namens Ä ltmann und Led ermann, festgehalten, die unausgesetzt jammern, dass sie sich aus dem Kloster hinaussehnen. S. L. Rappaport und der Zionismus. Man schreibt uns: In dem Art. XIII., S. 28 seines „Sendschreibens" wider die Frankfurter Rabbinersynode vom Jahre 1845, welche u. a. alle auf Z i o n und Palästina hinweisenden Gebete?tus unserem Gebetbuche einfach weggestrichen wissen wollte, äusserte sich Rabbiner S. L. Rappaport, der geniale Pfadfinder in der Wissenschaft des Judenthums, über unsere nationale Zukunft mit einer Begeisterung, die den Eindruck macht, als stünde ein Zionist von heute vor uns. Rappaport schreibt (hebräisch): „. ..Was bewog Euch ferner, Israel seiner Hoffnung auf eine künftige Erlösung zu berauben? Scheint Ihr doch mit dem biblischen Sclaven zu sprechen: „Ich liebe meinen Herrn . . . ich mag keine Freiheit". In Ländern, wo die Vaterlandsliebe der Juden allgemein anerkannt ist, bleiben sie trotz ihrer unverhohlenen Sehnsucht nach dem heiligen Boden der Väter unangefochten im Besitze ihrer Rechte, und diese werden ihnen wohl auch fernerhin nicht genommen werden, wiewohl dort die Juden nicht aufhören, auf Erlösung aus dem Exil zu hoffen. Die Feinde der Juden aber werden ihren Hass auch dann nicht in Liebe wandeln, wenn die Juden auf den Erlösungsgedanken Verzicht leisten werden." J. P. Ein judenfeindlicher Staatsanwalt. Bei der vor den Tarnopoler Geschwornen wider den russischen Staatsangehörigen Leib Kwasmann wegen betrügerischer Crida am 12. d. M. abgehaltenen Hauptverhandlung leitete der öffentliche Ankläger seinen Schlussantrag folgendermassen ein : rNach dem gänzlichen Niedergange des Handels und Gewerbes in Galizien verblieb uns bloss der Kleinhandel, der sich in der schmutzigen jüdischen Masse, die sich zu uns sogar aus dem Auslande eindrängt, concentriert: diese hat nicht nur den ganzen Adel um dessen Erbe gebracht, sondern auch in den Städten und Dörfern die Bevölkerung jeglichen Vermögens entblösst. Sie haben sich wie ein Krebsschaden eingewurzelt, und wir können sie in keiner Weise los werden. Ihre Religion gestattet nicht bloss, sondern sie gebietet. Betrügereien zu ihrer Erhaltung zu verüben und dergleichen. Zu solchen Jüdlein gehört auch dieser Angeklagte!" Eine originelle Ansichtskarte ist uns aus Pressburg zugekommen. Sie enthält eine Abbildung der rumänischen Emigrantengruppe, die vorige Woche, wie wir berichtet haben, in Pressburg eingetroffen ist. Die Karte ist im Verlage des zionistischen Vereines „Ahawath Zion" in Pressburg erschienen, und ihr Reinerträgnis wird zugunsten der rumänischen Auswanderer verwendet werden. Der Preis beträgt 30 Heller. Bestellungen nimmt Herr Samuel Bettelheim in Pressburg entgegen. Die Erkenntlichkeit der türkischen Juden. Die jüdische Gemeinde in Constantinopel hat dieser Tage an den Sultan eine Dank- und Ergebenheitsadresse gerichtet, in welcher der Beschluss mitgetheilt wird, aus Dankbarkeit gegen das türkische Volk, welches die Juden nie verfolgt hat, die türkische Unterrichtssprache in allen jüdischen Schulen einzuführen und als Amtssprache der Gemeinde anstatt des Spaniolischen zu gebrauchen. Der Wochenbericht des Matrikelamtes der Wiener israel. Cultusgemeinde weist für die Zeit vom 8. bis 14. Juli 1900 22 Trauungen, 52 Geburten und 27 Sterbefälle, für die Zeit vom 15. bis zum 21. Juli 1900 54 Geburten und 29 Sterbefälle auf. Correspondenzen. Wien. (Eine Golusblüte im Verborgenen.) Im „Kleinen Anzeiger" einer grossen Weener Tageszeitung war dieser Tage folgendes charakteristische Inserat zu lesen, das für unsere Leser gewiss von ergötzlichem Interesse sein wird :. Ernster Heiratsantrag. Suche für meinen Freund, gesicherte Lebensstellung, der als Ökonom. Gutsverwalter in einer Kreisstadt Ostböhmens gegen Pension angestellt ist, eine Braut. Mein Freund ist 3(5 Jahre alt, mit festem Einkommen 3000 Kronen jährlich nebst Emolumenten, Israelit, aber christl. Aussehen, fester, ruhiger Charakter u. heiratet ohne Rücksicht auf Confession eine Braut von angen. Aussehen, nicht älter als 31- Jahre, welche über einige Mille Mitgift verfügt. Ernstgemeinte Anträge unter Chiffre „Liberal" sind etc. — — Wien. Ueber Einladung des zionistischen Districts- Vorstandes für Niederösterreich versammelten sich Montag abends die Vertrauensmänner der Wiener zionistischen Vereine im Congressbureau. Allseits wurde die Notwendigkeit betont, durch eine kräftige Action die Hilfstätigkeit der isr. Allianz für die rumänischen Juden zu ergänzen und durch Verabreichung von Liebesgaben, durch ständigen ärztlichen Beistand und brüderlichen Trost die Leiden der Aermsten wenigstens in Wien zu mildern. Der mächtige Eindruck, den die Schilderung der verzweifelten Lage der Auswanderer dmch die Actionscomite-Mitglieder Dr. Kahn und Architekt Marmorek bewirkte, insbesondere aber die herzergreifende Schilderung des Zustandes der Frauen und Mädchen durch Frl. Natalie Pollak, bewog die Versammlung, sich sogleich als Permanenz-Comite zu constituieren und durch einen Aufruf allen Parteigenossen die Sammlung von Geld und Naturalien zur Pflicht zu machen. In die Centrale wurden per Acclamation gewählt: Isidor Gewitsch. Obmann, Dr. H.En gl ander (I., Fleischmarkt 8) Cassier. Herrn. Berliner, Schriftführer. Ausserdem wurden in den meisten Bezirken Zahlstellen eröffnet. Zur Centraidepot- Stelle für Naturalien (Kleider. Wäsche, Schuhe, Thee, Zucker, Citronen, Tabak) wurde das Congressbureau IX., Türkenstrasse 9 bestimmt, und werden Effecten bei Benachrichtigung durch eine Correspondenz-Karte sogleich abgeholt. Ueber die dankenswerte Anregung des Dr. Martin Engländer wurde unter Leitung des Herrn Primarius Dr. Kornfeld die Errichtung eines ärztlichen Ambulatoriums mit Permanenz-Dienst beschlossen. Es ist mit Gewissheit zu erwarten, dass jeder zionistische Arzt Wiens seine Dienste dem Comite zur Verfügung stellen wird. Schliesslich wurde