Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 30 (27.7.1900)
- Article
- Die Auswanderer in Bielitz
- Date
- 1900-07-27
- Page
- 8 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3315850-3315882-3371378--21084-3371502- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 .Die Welt" Nr. 30 Die Auswanderer in Bielitz. Aus Bielitz schreibt man uns: Vorige Woche passierten einige kleinere Gruppen rumänischer Auswanderer unsere Stadt, meistens Handwerker. Der zionistische Verein „Haschachar", an den sich diese Unglücklichen zunächst wendeten, nahm sich ihrer an und fand bei den Herren S. Tugendhat. Vicepräses der Cultusgemeinde, und Dr. S t e c k e 1 warme Unterstützung. —ff. Eine Handwerkergruppe in Hamburg. Dieser Tage traf in Hamburg eine Gruppe von rund ICH) rumänischen Auswanderern ein, die allesanimt Handwerker sind. In der Gruppe befanden sich Ii Schneider, 11 Schuhmacher^ 10 Klempner, 7 Tischler, 7 Gerber, 5 Bäcker, 3 Anstreicher, 3 Fleischer, 3 Glaser, je 2 Mechaniker, Sodaarbeiter, Drechsler, Maschinisten, Dachdecker und Riemer und je 1 Zuckerbäcker, Koffermacher, Stellmacher, Uhrmacher, Schmied, Droguist, Buchbinder, Maurer, Wagenlackierer, Fassbinder und Tapezierer. Viele hatten auch ordnungsmässige Militärpässe: diese trugen den Vermerk, dass den Inhabern die^ Rückkehr nach Rumänien für alle Zukunft untersagt ist. Rumänische Geschichtslügen. Es scheint, dass man in Bukarest die plumpen, läppischen Versuche aufgibt, Vorgänge falsch und verdreht darzustellen, die sich in der Gegenwart, vor den Augen von g<mz Europa abspielen. Anstatt dessen werden jetzt geschichtliche Vorgänge tendentiös entstellt, ja geradezu auf den Kopf gestellt. In einem längeren Bukarester Briefe der „Kölnischen Zeitung" wird eine Darstellung der Judenauswanderungen gegeben, die „objectiv" und „historisch" aufgeputzt ist und dabei faustdicke Geschichtslügen enthält, wie sie eben nur in Rumänien ausgeheckt werden können. „Die Massenauswanderungen rumänischer Juden", heisst es da u. a., „sind ihrer letzten Veranlassung nach auf die in weiten Kreisen der israelitischen Bevölkerung Rumäniens herrschende Nothlage zurückzuführen. Aber diese Nothlage ist nicht bloss die -Folge des letzten Krisenjahres und der mit demselben verknüpften Erwerbslosigkeit auf commerciellem und gewerblichem Gebiete, sondern hängt ihrem Ursprünge nach mit der gedrückten socialen Lage der weitaus überwiegenden Mehrzahl der israelitischen Bevölkerung Rumäniens zusammen. Dieser sociale Druck hatte die Signatarmäehte des Berliner Congresses veranlasst, die Anerkennung der Unabhängigkeit Rumäniens von einer Abänderung der rumänischen Verfassung im Sinne einer Gleichberechtigung aller Confessionen abhängig zu machen und Rumänien zur Verleihung des Bürgerrechtes an die einheimischen Juden zu verpflichten. Thatsächlich ist auch seitens der rumänischen Regierung eine Kundmachung veröffentlicht worden, durch welche diejenigen Einheimischen, die auf die Zuerkennung des Bürgerrechtes Anspruch machten, aufgefordert wurden, entsprechende Gesuche innerhalb eines bestimmten Termines vorzulegen. Diesem Aufrufe sind aber nur verhältnismässig wenige Israeliten nachgekommen. Die meisten unter ihnen zogen es vor, gegen Zahlung einer kleinen Taxe Schutzbefohlene eines ausländischen Staates zu bleiben und sich durch diese Zwitterstellung neben dem Ansprüche auf den Schutz der betreffenden Consulate die Freiheit vom Militärdienste zu sichern. Als nun Rumänien an die consequente Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht gieng, erwirkte es die Aufhebung dieser Schutzverhältnisse im vollen Einverständnisse mit den ausländischen Staaten. Durch das rumänische Heeresergänzungs- Gesetz wurden darauf alle in Rumänien lebenden Stellungspflichtigen nicht fremder Staatsangehörigkeit zum Militärdienste im rumänischen Heere herangezogen." — — Demjenigen, der mit der Geschichte der Judenfrage in Rumänien vertraut ist, braucht nicht erst gesagt zuwerden, dass die ganze Erzählung von dem „Aufruf" der rumänischen Regierung, von der im Einverständnisse mit ausländischen Staaten erfolgten Aufhebung von Schutzverhältnissen u. s. w. eine einzige grosse Geschichtsfälsehung ist. Die Auswanderer in Berlin. Man berichtet aus der deutschen Reichshauptstadt: Am 16. d. M. passierte die erste Gruppe rumänischer Auswanderer unsere Stadt. Es waren 165 Personen, fast ausnahmslos junge Leute; nur einige Graubärtige waren darunter, welche ihre Knaben mit sich genommen auf der Flucht ins Ungewisse. Die überwiegende Mehrzahl kam aus Jassy, der Rest aus Bukarest, Piatra, Roman etc. Sie waren zu Fuss bis an die Grenze gewandert und von der Wiener „Israelitischen Allianz" zunächst bis Oswieczim befördert worden, wo sie acht Tage Station machen mussten, bis unsere Regierung die Durchfahrt durch preussisches Gebiet gestattet hatte. Vormittags 9 Uhr ti-afen sie auf dem Auswanderer-Bahnhof Ruhleben ein und fuhren nach fünfstündigem Aufenthalte nach Hamburg weiter,von wo sie am künftigen Sonntag die Fahrt nach Amerika antreten werden. Der hiesige „Hilfsverein für rumänische Juden" und der „Verein jüdischer Studierender" brachten ihnen das Ergebnis der für sie veranstalteten Sammlungen; die Armen-Commission der jüdischen Gemeinde stellte einen Betrag zu den Verpflegungskosten zur Verfügung. Von den 16ö Flüchtlingen haben ausser den dreizehn Kindern ausnahmslos alle den Militärdienst geleistet und wiesen sich darüber durch ihre Militärpässe sus! Einzelne hatten es bis zum Unterofficier und Sergeanten gebracht. Warum sie geflüchtet sind? Das alte, erschütternde Lied! Weil der Hunger, der Schimpf der Rechtlosigkeit, der Druck der Verfolgungen sie über die Grenzen gejagt. Ausser einigen Studenten, die die unerschwingliche „Fremden--Taxe von den Universitäten vertrieben, bestand die Gruppe nur aus Handwerkern. Der vierte Zionisten-Congress. Die englische Presse bekundet fortgesetzt reges Interesse für unseren Congress. Besonders wohlwollende Besprechungen haben dem Congresse in den jüngsten Tagen folgende Blätter gewidmet: „Daily Chronicle", „Moming Leader" und „Sunday Special" in London, ferner „Birmingham Post", „Newcastle Chronicle", „Glasgow Evening Times", „Manchester Courier", „Nottingham Herald", „Dundee Advertiser", „Yorkshire Post", „Western Daily Mercury", „Bradford Daily Telegraph", „Sussex News", „Cambrian Leader", „Manchester Evening Chronicle", „Burton Gazette" etc. etc. Auch die amerikanische Presse bringt dem Congresse lebhafte Sympathien entgegen. Der „New-York Herald" begrüsst in seiner Nummer vom 16. d. M. die Abhaltung des Zionisten-Congresses in London und schliesst mit den Worten: „Der Zionismus hat in der That das Stadium der Theorie hinter sich und ist auf dem besten Wege zur Erreichung seines Endzieles." Zur Zeit des Congresses gelangt in London eine äusserst interessante Collectionpalästinensischer Gemälde zur öffentlichen Schaustellung. Es sind dies Bilder aus dem Leben in Palästina in den biblischen Zeiten und in unseren Tagen — die vollständigste Sammlung palästinensischer Gemälde, die je zu sehen war. Mit Rücksicht auf die dem Congresse vorangehenden Vorconferenzen ist es dringend geboten, dass die Delegierten spätestens am Donnerstag vor dem Congresse in London